Personalisierte Medizin

3D-Druck: Apothekenrezeptur 2.0 – wie lange noch? Patrick Hollstein, 14.10.2019 10:24 Uhr

Berlin - Individualisierte Medizin: Fiktion oder Zukunft? Laut einer APOSCOPE-Umfrage glaubt jeder fünfte Apotheker, dass es in 30 Jahren kaum noch Fertigarzneimittel geben wird. Genauso viele finden, dass dann in jeder Apotheke ein 3D-Drucker stehen sollte. Viel oder wenig? Beim APOTHEKE ADHOC Talk im Rahmen der Medizinmesse Xpomet steckten Professor Dr. Gerald Huber (DiHeSys), Patrick Schlebrowski (Stada), Tim Steimle (TK) und Ramin Heydarpour (Omnicell) den Rahmen ab.

Vor allem in der Onkologie und Rheumatologie ist die sogenannte stratifizierte Medizin längst Alltag: Mit Hilfe von Gentests wird bei mittlerweile mehr als 70 Wirkstoffen über alle Indikationen hinweg vor der Behandlung festgestellt, ob der Patient zu einer Subpopulation gehört, die auf die Therapie anspricht.

„Zukünftig wird ein Drittel der Arzneimittel auf diese Weise personalisiert sein“, so Schlebrowski, der bei Stada das Generikageschäft in Deutschland verantwortet. Nicht immer seien die Arzneimittel teuer; gerade nach Patentablauf seien mitunter die Test der eigentliche Kostenfaktor. Weil die Kassen die Diagnostika kaum übernehmen, müssen entweder die Hersteller oder die Patienten zahlen.

Gerade außerhalb der Klinik macht dies die Sache kompliziert. Unter den Generikaherstellern ist Stada diesbezüglich Branchenpionier: Der Konzern hat vier Tests im Portfolio – Antidepressiva, Statine, Tamoxifen und Clopidrogrel. Die Kosten zwischen 200 und 300 Euro sind laut Schlebrowski die größte Herausforderung. „Wir versuchen, in die Erstattung zu kommen.“

Die Firma DiHeSys arbeitet ebenfalls daran, mit ihrem 3D-Drucker in die Versorgung zu kommen. Denn die Industrie habe sich – vor allem bei festen Arzneiformen – immer weiter von der individualisierten Therapie entfernt. Riesige Chargen würden hergestellt, auch in dem Wissen, dass die Hälfte der Tabletten auf dem Müll lande. Huber weiß, wovon er spricht. Bis zur Gründung von DiHeSys war er Forschungschef bei Ratiopharm.

Individuell bedruckte Filme haben seiner Meinung viele Einsatzmöglichkeiten: In der Pädiatrie etwa ließen sich nicht nur individuelle Dosierungen fertigen, sondern auch Geschmack kaschieren oder einfach mit einem aufgedruckten Bild die Compliance fördern. Bei älteren Menschen sei die Verarbeitung mehrerer Wirkstoffe in einem Film möglich, außerdem könnten Moleküle mit geringer therapeutischer Breite patientenindividuell dosiert werden. Und schließlich ließen sich die „Esspapiere“ mit Namen und Einnahmehinweis bedrucken. „Auch das ist Arzneimittelsicherheit.“

„2D- und 3D-Druck gibt es schon seit 30 Jahren, er wurde aber im Pharmabereich nicht eingesetzt, weil die Hilfsstoffe der Pharmakopoen nicht druckbar waren“, erklärt Huber. Heute sei das kein Thema mehr, auch mehr als 80 Prozent aller Wirkstoffe können gedruckt werden. Nicht geeignet seien wegen der Temperaturen nur Antikörper, Proteine und Impfstoffe.

Den Kassen will er seine Technologie mit einem Stückpreis zwischen 15 und 20 Cent nicht nur mit weniger Arzneimittelmüll schmackhaft machen, sondern auch mit einem digitalen Komplettangebot: Über die elektronische Patientenakte lasse sich der Therapieerfolg – bis hin zu Fehltagen – kontrollieren. „Die voll digitale Herstellung ist das letzte Puzzleteil, um den Kreis zu schließen.“

Tatsächlich scheinen die Kassen den Verheißungen noch nicht zu trauen: „Bezahlen ist immer einfach. Aber mehr bezahlen, wenn es nichts bringt, ist blöd“, so Steimle. Als Kasse müsse man auch bei der TK stets auf die Ausgaben achten. „Was für unsere Versicherten besser ist, darf natürlich auch mehr kosten – aber nur, wenn der Nutzen nachgewiesen ist.“ Grundsätzlich sei man interessiert, auch einmal neue Sachen auszuprobieren. Dafür müsse man aber innovative Bezahlsysteme finden. Das AMNOG sei keine Innovation mehr, da mit dem AMNOG-Prozess keine Einmaltherapien wie die Gentherapie vernünftig bewerten könne. Genauso wenig lasse sich der jeweilige Wert einer Kombinationstherapie in der Onkologie bewerten, da nach dem derzeitigem AMNOG-Konzept derzeit jedes Arzneimittel für sich bewertet werde.

Damit teilt Hubers 3D-Drucker dasselbe Schicksal wie die Verblisterung. Laut Heydarpour fallen pro Woche Kosten zwischen 1,50 bis 5 Euro an, die nicht von den Kassen übernommen werden. Nur wenn das Heim bereit sei, seine Pauschale abzutreten, könnten Apotheken die Zusatzleistung erbringen. Dabei hat das Blistern laut Heydarpour ein Einsparpotential von etwa 19 Milliarden Euro – auch hier macht die Individualisierung die Versorgung möglicherweise nicht nur besser, sondern auch preiswerter. „Was den monetären Aspekt angeht, belegen diverse Studien und praktische Erfahrungen aus stationären und ambulanten Pflegeeinrichtungen, dass langfristig sehr viele Kosten für unnötige Krankenhauseinweisungen, Doppelverordnungen und UAE vermieden werden können, da die Sicherheit durch die Verblisterung zunimmt“, so Heydarpour.

Mit seinem 3D-Drucker hat Huber allerdings noch ein weiteres Brett zu bohren: Zwar handelt es sich nicht um „Raketenwissenschaft“, sodass die Abnahme in der Apotheke durch die Aufsichtsbehörde kein Problem darstellen sollte. Was die variable Zulassung über fließende Dosierungen hinweg angehe, sei die Technologie derzeit allerdings schneller als der Gesetzgeber. Vor allem aber haftet die Apotheke für jedes in der Rezeptur gedruckte Medikament. Solange es keine entsprechenden Monografien gibt, wird es wohl noch dauern, bis DiHeSys die „Zukunft der Rezeptur“ antreten kann.