WDR lobt Vor-Ort-Apotheken

„Wir retten der Politik den Hintern“ 22.01.2026 15:27 Uhr

Berlin - 

Zwei aktuelle Radiobeiträge beim Sender WDR 5 widmen sich ausgiebig den Apotheken vor Ort, dem Apothekensterben, der ausbleibenden Anpassung des Fixums sowie der Leidenschaft, die die Inhaber:innen in die Versorgung ihrer Kund:innen stecken. So betont Karima Ballout, Vorsitzende der Bezirksgruppe Bottrop im Apothekerverband Westfalen-Lippe (AVWL), wie wichtig die Apotheken für die Menschen vor Ort sind: „Wir retten quasi der Politik den Hintern.“

Im Radiobeitrag „Apotheke – Zwischen Rezept und Reform“ des WDR-5-Formats „Neugier genügt – das Feature“ werden die umfangreichen Aufgaben der Apotheke vor Ort dargestellt. Direkt zu Beginn hört man Ballout, die sich mit ihrem Team zu Rezeptfälschungen berät. Die Apothekerin, die die vom Sender besuchte Post-Apotheke in Bottrop zusammen mit einer Filiale 2022 übernahm, beschreibt, dass sie zunächst „sehr naiv“ an die Selbstständigkeit herangegangen sei.

Doch der Sprecher betont: „Wenn Karima Ballout von den vergangenen Jahren erzählt, davon, wie sie als vormals angestellte Apothekerin selbst zwei Apotheken übernahm, dann schwingt da eine ganz besondere Leidenschaft mit: Unternehmertum. In ihrer Post-Apotheke in Bottrop hat sie vieles verändert. Alle Prozesse, die sie digitalisieren konnte, digitalisierte Karima Ballout. Der papierlosen Apotheke sind sie hier sehrt nahe.“

Vor allem das Thema Geld habe Ballout nach der Übernahme eingeholt: „Das ist das dann das, was das Ernüchternde daran ist. Man kommt ganz schnell auf den Boden der Tatsachen.“ Als Angestellte habe sie mehr verdient als als Inhaberin, sagt sie. Wenn sich die Apotheken wie gerade aktuell für mehr Honorar einsetzten, dann gehe es nicht darum reich zu werden, „es geht für viele um die Existenz, darum kostendeckend zu arbeiten“, so Ballout. Dies betreffe zudem nicht nur Apotheken auf dem Land, sondern auch in den Städten: So sei bald ein Stadtteil in Bottrop ohne Apotheke.

„Alles, was Versender sagen, das machen wir bereits.“

Außerdem beschreibt der Radiobeitrag, wie viel Zeit Apotheken in Aufgaben stecken, die sie nicht honoriert bekommen, wie immer wiederkehrende Rückfragen von Kund:innen zu bereits gekauften Arzneimitteln. Hier wird auch das Versandthema gesetzt: Der Wettbewerb habe zugelegt, allen voran durch Shop Apotheke und Werbegesicht Günther Jauch, beschreibt Handelsexperte Professor Dr. Andreas Kaapke die Lage. „Das ist eine Breitenwirkung, die vorher nur bedingt der Fall war.“ Der Vorteil der Versender liege im Preiskampf bei OTC-Angeboten und beim Kauf auf Vorrat.

Ballout betont die Wettbewerbsvorteile vor Ort: Beratung und Schnelligkeit. „Alles, was Versender sagen, das machen wir bereits.“ Viele Apotheken hätten einen eigenen Shop, würden Botendienst anbieten. „Wenn wir das zusammen mit der Politik gut gestalten, dann sehe ich die Versender gar nicht als Konkurrenz.“ Beispielsweise bei Lieferengpässen könnten die Versender nicht mithalten oder gar nicht liefern.

Eines der Beispiele ist laut Ballout aktuell Salbutamol: „Und weil wir das machen, sind am Markt Sachen verfügbar. Weil wir täglich mit unseren Teams telefonieren, Gespräche führen, außerhalb des Marktes denken, zusammen mit dem Großhandel arbeiten. Wir retten quasi der Politik den Hintern.“

„Wer wird eigentlich heute noch Apotheker (und warum)?“

In einem weiteren, kürzeren Beitrag geht das Format „Westblick“ desselben Senders der Frage nach: „Wer wird eigentlich heute noch Apotheker (und warum)?“ Nachgefragt wurde bei Benedict Schulz und Maurice Plogmann, die als OHG-Partner die Adler-Apotheke in Hilden führen. Der Weg in die öffentliche Apotheke sei beiden klar gewesen. Schulz komme aus einer Apothekerfamilie, Plagmann sei im Studium klar geworden, dass er lieber vor Ort Menschen im direkten Kontakt helfen wolle statt in der Industrie zu arbeiten.

„Das ist natürlich schon beängstigend, wenn man liest ‚Apotheken sterben‘ oder hört, dass die Apothekenzahl sinkt. Aber für uns war es eine bewusste Entscheidung, weil wir der Überzeugung sind, dass die Apotheken weiterhin systemrelevant sind. Wir sehen, was wir bewirken können“, so Plagmann.

Ja, Versender mit ihren Rabatten würden Kund:innen zu sich ziehen oder es zumindest versuchen. „Aber die Apotheke vor Ort leistet viele Dinge, die die Versender nicht leisten und das sehen wir hier direkt nah am Patienten.“ Doch auch für die beiden Inhaber aus Überzeugung und ihrem 40-köpfigen Team brauche es ein höheres Fixum, um die gestiegenen Kosten zu decken.