TV-Krimi

Tatort: Apotheker als „Erlöser“ APOTHEKE ADHOC, 21.11.2016 12:45 Uhr

Berlin - In der gestrigen Tatort-Folge „Es lebe der Tod“ sieht sich Felix Murot, gespielt von Ulrich Tukur, mit einem Serienmörder konfrontiert, der wegen einer verkappten humanistischen Weltanschauung seine Opfer „erlöst“. Für den krönenden Abschluss will der Täter, ein Apotheker, mit dem Mord an dem tatsächlich ziemlich lebensmüden Kommissar sorgen.

Wie bei einem Selbstmord scheiden die Opfer des Apothekers aus dem Leben. Kommissar Murot will mit einer riskanten Täuschungsaktion den lange gesuchten Serienmörder provozieren. Der lässt sich auch tatsächlich aus der Reserve locken und wird gefasst. Die Freude über den gelösten Fall währt nur kurz, denn die Morde können ihm nicht nachgewiesen werden. Nach und nach stellt sich heraus: Der Mörder sieht sich selbst als Humanisten mit der Mission, seinen Opfern den geheimen Todeswunsch zu erfüllen.

Eine Talkshow-Moderatorin, ein Kurierfahrer, ein Rettungssanitäter, eine Tierärztin, ein Sägewerksbesitzer oder ein Kaufhausdetektiv: Kein Beruf scheint davor gefeit, einen Tatort-Mörder hervorzubringen. Der Berufsstand der Apotheker ist aber besonders beliebt – als Opfer und als Täter. Bis ins Jahr 1978 und den Tatort „rot... rot... tot“ reicht die Symbiose von Tatort und Pharmazie zurück.

Diesmal heißt der meuchelnde Pharmazeut Arthur Steinmetz und leidet wie einst Murot an einem Tumor im Kopf. Bereits als Kind tötete er heimlich und aus kindlicher Angst seine schwerkranke Großmutter durch Gerätesabotage. Auch jetzt wählt der sich über alle Risiken und Nebenwirkungen erhebende Apotheker aus seiner Sicht unheilbar kranke Opfer aus, die des Lebens überdrüssig, aber zum Sterben zu schwach sind. Der subtile Mörder hilft etwas nach, indem er die Opfer mit starken Schlaf- und Schmerzmitteln betäubt, in die Badewanne legt und ihnen dann die Pulsadern aufschneidet.



Aber passt seine Tätigkeit als Apotheker in das Bild eines Serienkillers? Was treibt ihn an? Der „Spiegel“ hat bei Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, nachgefragt. „Beim Täter spricht viel für eine narzisstische und eine schizoide Persönlichkeitsstörung“, meint Hauth – also ein Einzelgänger, der sich dem Rest der Welt überlegen sieht. Es wäre auch nicht der erste Fall von Menschen aus helfenden Berufen, die sich anmaßen, über die Zumutbarkeit der Schmerzen ihrer Patienten entscheiden zu können.

Außerdem irrt sich der Apotheker offenbar, wenn er annimmt, seine Opfer seien unheilbar krank. So litt sein erstes Opfer unter Trigeminusneuralgie. „Isabells Leben war nur noch Qual“, rechtfertigt sich Steinmetz. Die Schmerzen seien so schlimm, „wie sich das niemand vorstellen kann, stundenlang, fast den ganzen Tag, bis ans Ende ihres Lebens“.

Bei Trigeminusneuralgie handelt um eine schmerzhafte Reizung eines Hirnnervs, die Stirn, Wangen oder Unterkiefer befällt. „Die Krankheit ist mit blitzartigen heftigsten Schmerzen verbunden, die durch Banalitäten ausgelöst werden: Kauen, Lachen, kalte Luft“, erklärt Hauth im „Spiegel“. Auch wenn die Schmerzen tatsächlich qualvoll seien, sei die Krankheit keineswegs unheilbar. „Wenn man Trigeminusneuralgie früh erkennt, kann man sie gut mit Medikamenten behandeln“, sagt sie, „diese helfen nicht allen, aber vielen.“ Wenn Medikamente nicht ausreichen, können sich die Patienten an einem Nervenknoten operieren lassen, sodass dieser keine schmerzhaften Reize mehr überträgt. Mehr als 80 Prozent der Operierten sind auch noch zehn Jahre nach dem Eingriff schmerzfrei. Eine direkte kausale Folge á la 'Schmerzen treiben einen in den Selbstmord' gebe es ohnehin nicht.



Die drei nächsten Opfer des Todesapothekers waren stark depressiv. „Eine Frage der Zeit, bis die das selbst gemacht hätten“, sagt der Mörder im Verhör. Auch Depressionen sind keinesfalls unheilbar, sagt Hauth. In vielen Fällen helfe den Betroffenen eine Kombination aus Psychotherapie und Antidepressiva.

Auch das letzte potenzielle Opfer von Steinmetz – der Kommissar Murot höchstpersönlich – hegt seit längerer Zeit Suizid-Gedanken. Bereits dessen Vater hat sich das Leben genommen, als Murot zwölf Jahre alt war. Der Mörder stellt eine direkte Verbindung zwischen Murots Lebensmüdigkeit und dem Selbstmord seines Vaters her. Das ist aber nur bedingt richtig.

„Es gibt genetische Veranlagungen für Depressionen, aber dieser Code muss erst einmal ausgelesen werden - und dafür sind Umweltfaktoren entscheidend“, erklärt Hauth. „Gibt es traumatische Erlebnisse in der Kindheit? Sind die Menschen durch Scheidungen vereinsamt oder anders ausgegrenzt?“ Erst dann werde die Veranlagung entscheidend. Zwillingsstudien würden zeigen, dass die Vererbung nur zum Teil mitbestimmt, ob jemand eine Depression entwickelt.