Die Kunden haben das Nachsehen

Notdienst in Bad Kissingen: Kammer zieht Reißleine Silvia Meixner, 17.03.2019 10:06 Uhr

Berlin -

Normalerweise betrübt das Wort Apothekensterben die Apotheker – in diesem Fall nur bedingt: In Bad Kissingen – einem unterfränkischen Kurort mit immerhin 22.000 Einwohnern – hat neuerdings nicht immer eine Notdienstapotheke innerhalb der Stadtgrenzen geöffnet. Die Kunden müssen deshalb immer öfter ins Umland. Für die Apotheker ist das eine gute Nachricht.

Wer nicht mobil ist, auf den kommen im Notfall Schwierigkeiten zu. Denn ohne Auto könnte es nachts schwierig werden, von Bad Kissingen etwa ins 7,9 Kilometer entfernte Bad Bocklet oder ins 10,9 Kilometer entfernte Euerdorf zu gelangen, weil dort die nächstgelegene Notdienstapotheke ist. Zwar liegen die Entfernungen innerhalb der gesetzlichen Vorgaben, aber es ist eben ein Unterschied, ob man innerhalb Bad Kissingens den Bus nehmen kann, der öfters verkehrt, oder eine beschwerlichere Anreise auf sich nehmen muss.

Im Rahmen einer Dienstkreiszusammenlegung zum Jahreswechsel wurden die Bad Kissinger Apotheken in Sachen Notdienst entlastet. Statt alle acht Tage müssen sie jetzt nur noch alle zwölf Tage Notdienst machen. Eine gute Nachricht, denn viele Apotheker stöhnen unter der Belastung, die diese Dienste mit sich bringen, gerade kleine Apotheken fragen sich, wie sie das dauerhaft mit wenig Personal stemmen sollen.

Katharina Stumpf, Rechtsassessorin bei der Bayerischen Landesapothekerkammer (BLAK), sagt: „In den letzten zehn Jahren haben in Bad Kissingen vier Apotheken geschlossen und zwei geöffnet. Die Notdienstbelastung war deshalb sehr hoch. Aufgrund der rechtlichen Vorlagen haben wir geprüft, wie wir das verbessern können, und eine Dienstkreiserweiterung vorgenommen. Für die Apotheken, die in den sieben Orten beteiligt sind, ergibt sich jeweils eine Entlastung.“

Die Orte, in denen die Apotheken die Versorgung der Patienten mit übernehmen, sind Hohenroth, Nüdlingen, Bad Bocklet, Oberthulba, Euerdorf, Münnerstadt und Burkardroth. Stumpf erklärt: „Die Notdienstapotheke soll nach der Rechtsprechung des Bundesverwaltungsgerichts in einer Entfernung von weniger als 14 Kilometern liegen. Jetzt gibt es einen 12-Tage-Turnus, hätten wir die Orte nicht dazugenommen, wären es acht Tage.“

Die genannten Orte liegen zwischen 4,9 Kilometern und 13,2 Kilometern von Bad Kissingen entfernt. Stumpf präzisiert: „Hohenroth liegt 22,4 km von Bad Kissingen entfernt. Jedoch ist Hohenroth in eine Gruppe mit Münnerstadt (12,5 km) und Oberthulba (10,6 km) eingeteilt, sodass die Patienten nicht 22,4 km nach Hohenroth fahren müssen.“ Das scheint für die Patienten allerdings dann auch der einzige Vorteil der Neuerungen zu sein.

Sollten Änderungen dieser Art künftig wegen des Fachkräftemangels und Apothekensterben zur Normalität werden, wird die Kundenzufriedenheit vielerorts sinken. In Bad Kissingen sind die Neuerungen auch deshalb betrüblich, weil es sich hier nicht um ein kleines Dorf, in dem sich die Füchse gute Nacht sagen, sondern um eine der schönsten Kurstädte Deutschlands handelt. Der Kurort ist bayerisches Staatsbad und besitzt bundesweit das größte Ensemble historischer Kurbauten, die unter Ludwig I. im bayerischen Klassizismus errichtet wurden. Die Stadt strebt derzeit einen Eintrag in die Unesco-Welterbe-Liste an. Da mutet es ein wenig seltsam an, wie man beispielsweise Touristen erklären will, dass sie für ein Notrezept jetzt mal eben nach Oberthulba fahren müssen.

Des einen Leid, des andern Freud: Die Apotheker der Kurstadt haben bislang nicht gegen die Pläne der Landesapothekerkammer protestiert, sie scheinen mit der Lösung zufrieden zu sein. Jonathan Schneider, Inhaber der Marbach Apotheke: „Es kann sein, dass die Kunden den einen oder anderen Kilometer mehr zurücklegen müssen, aber ich finde, die Verschlechterung hält sich in Grenzen.“

Er ist erleichtert, nicht mehr so viele Notdienste übernehmen zu müssen: „Ich mache alle Notdienste selbst. Alle zwölf Tage war eine Situation, die eigentlich nicht mehr geleistet werden konnte.“ Er kritisiert die Vergütungssituation und die Höhe der Pauschale: „Eine Erhöhung ist lange überfällig. Der Notdienst ist im Moment definitiv nicht finanziert. Ich könnte keinen Approbierten davon bezahlen.“ Gerecht und angemessen fände er „mindestens eine Verdopplung“.

Für ihn ist die Neuerung eine „spürbare Verbesserung der Lebensqualität.“ Er bestätigt allerdings eine Verschlechterung für Kunden ohne Auto: „Je nach Uhrzeit hängt es von den Bussen ab, wie gut man die umliegenden Orte erreicht.“ Er bleibt dennoch optimistisch: „Hier in Bad Kissingen sind die Apotheken noch dicht gestreut. Ich bin relativ neu hier, habe die Apotheke 2017 übernommen.“

Seine Prophezeiung klingt für Kunden nicht erfreulich: „Es wird kommen, dass manche eines Tages 40 der 50 Kilometer bis zur nächsten Apotheke fahren müssen.“ Das sei zwar Zukunftsmusik, aber nicht ausgeschlossen. Die gute Nachricht: Derzeit sind in Bayern keine weiteren Dienstkreiszusammenlegungen geplant.