Syphilis

Menschenversuche: Bristol-Myers Squibb muss vor Gericht APOTHEKE ADHOC, 06.01.2019 12:15 Uhr

  • BMS wird vorgeworfen in den 40er- und 50er Jahren hunderte Menschen, darunter vor allem Prostituierte, Häftlinge, Soldaten, Waisenkinder und psychisch Kranke unwissentlich mit dem Syphilis-Erreger infiziert zu haben. Foto: APOTHEKE ADHOC
Berlin -

Prozess wegen Menschenversuchen: Bristol-Myers Squibb (BMS), die Johns-Hopkins-Universität und die Rockefeller-Stiftung müssen sich wegen Versuchen an Menschen in den 40er- und 50er-Jahren in Guatemala vor Gericht verantworten. Der US-Bundesrichter Theodore Chuang hat die Forderung der Verteidigung auf Einstellung des Verfahrens zurückgewiesen. Opfer und Angehörige hatten 2015 Klage den Pharmakonzern eingereicht.

In den 40er- und 50er-Jahren sollen hunderte Menschen, darunter vor allem Prostituierte, Häftlinge, Soldaten, Waisenkinder und psychisch Kranke, unwissentlich mit dem Syphilis-Erreger infiziert worden sein, darüber berichtet die „Bild“. Der 2003 verstorbene US-Mediziner John Charles Cutler soll die Versuchsreihe geleitet und den Männern, Frauen und Kindern das Bakterium Treponema pallidum gespritzt haben. Die Versuche sollten darüber Aufschluss geben, ob Penicillin gegen Syphilis wirksam ist. Jedoch sollen nicht alle Menschen mit dem Antibiotikum behandelt worden sein. Die Versuche sollen im Rahmen eines US-Regierungsprogrammes zur Erforschung der Übertragung von Geschlechtskrankheiten von 1945 bis 1956 an mindestens 1500 Menschen durchgeführt worden sein.

Erst 2010 brachte die US-Professorin Susan Reverby vom Wellesley College das in Guatemala Geschehene ans Licht. Reverby hatte in Archiven Notizen von Cutler entdeckt. Aus diesen gehe hervor, dass die Menschen weder über die Experimente noch die mögliche Konsequenzen informiert wurden. Eine Behandlung soll nur etwa die Hälfte der infizierten Personen erhalten haben. So konnte der Verlauf der Syphilis-Erkrankung erforscht werden. BMS soll das Penicillin zur Verfügung gestellt haben. 2010 hatte sich der damalige US-Präsident Barack Obama für die Menschenversuche entschuldigt.

Eine erste Klage im Jahr 2012 wurde mit der Begründung abgewiesen, dass die Versuche außerhalb der USA stattgefunden hätten und somit die USA nicht verantwortlich gemacht werden könnten. 2015 reichten 774 Überlebende der Versuche und Angehörige der Opfer Klage erneut Klage ein und fordern eine Entschädigung in Höhe von einer Milliarde Dollar.

Die Schlagzeilen überschatten den Mega-Deal der US-Pharmaindustrie. BMS will den Biopharma-Spezialisten Celgene für den Gegenwert von rund 74 Milliarden US-Dollar (rund 65,2 Milliarden Euro) übernehmen.

Der Syphilis-Erreger wird in der Regel beim Sex übertragen, entweder durch Geschlechtsverkehr oder Oralverkehr. Über winzige Verletzungen gelangt das Bakterium Treponema pallidum in den Körper. Die Wahrscheinlichkeit, sich bei ungeschütztem Sex mit einem Betroffenen anzustecken, beträgt etwa 60 Prozent. Hat man sich angesteckt, bemerkt man es – wenn überhaupt – erst viel später. Symptome treten nämlich zwei bis drei Wochen nach der Ansteckung auf.

Wird die Krankheit nicht behandelt, verläuft sie in drei Stadien: Zunächst bildet sich ein Syphilis-Geschwür – oft an den Geschlechtsorganen oder am Mund, das nach einigen Wochen abheilt. Der Erreger verteilt sich aber unbemerkt im ganzen Körper. Im zweiten Stadium klagen die Erkrankten meist über Hautausschlag, die Entzündungswerte im Blut können erhöht sein, die Betroffen bekommen Fieber und fühlen sich allgemein krank.

Im dritten Stadium, das ohne Behandlung mehrere Jahre nach der Infektion eintreten kann, schädigt der Erreger im schlimmsten Fall große Gefäße wie die Bauchaorta, so dass sie platzt. Durch die Erkrankung kann auch Nervengewebe im Gehirn oder Rückenmark abgebaut werden. Mögliche Folgen sind Psychosen oder Demenz. Eine Syphilis-Infektion sollte frühzeitig behandelt werden. Meist genügt eine Penicillin-Spritze in den Gesäßmuskel. Etwa sieben Tage später ist der Erkrankte nicht mehr ansteckend. In schweren Fällen spritzt der Arzt das Penicillin direkt in eine Vene.