Mehr als 500.000 Kinder ohne Impfschutz 15.07.2026 14:18 Uhr
Die Prävention durch Impfungen gilt als wirksamste Maßnahme gegen Infektionskrankheiten. Dennoch weisen insbesondere Kinder weiterhin erhebliche Impflücken auf. Zwar sank die Zahl der gänzlich ungeimpften Kinder in der WHO-Europaregion im vergangenen Jahr laut WHO und UNICEF leicht – dennoch fehlt nach wie vor fast einer halben Million Kinder jeglicher Impfschutz.
Die WHO-Europaregion geht weit über die EU hinaus. Dazu gehören 53 Länder, darunter auch die Türkei, Turkmenistan und Israel. Gut die Hälfte der gar nicht geimpften Kinder lebt in vier Ländern: Kasachstan, Türkei, Großbritannien und Aserbaidschan.
Mehr als 500.000 ohne Schutz
Die positive Nachricht: In den 53 Ländern der Region sank die Zahl der völlig ungeimpften Kinder im Vergleich zum Vorjahr um 43.000. Dennoch bleibt das Niveau hoch: Insgesamt 566.000 Kinder hatten keinerlei Impfschutz, weitere 258.000 Kinder waren nur unvollständig geimpft. In Deutschland betrifft diese Lücke ebenfalls Tausende Familien: Hier waren laut WHO und UNICEF im vergangenen Jahr 21.000 Kinder komplett ohne Impfschutz.
Hierzulande sieht die WHO vor allem Verbesserungsbedarf bei der HPV-Impfung gegen humane Papillomaviren. 55 Prozent der Mädchen seien vollständig dagegen geimpft. Das ist zwar mehr als der regionale Durchschnitt von 41 Prozent, aber die WHO vergibt erst ab mindestens 90 Prozent Impfrate gute Noten.
Impfstart im Säuglingsalter
Zu den ersten Impfungen, die Neugeborene erhalten, gehört die Sechsfach-Impfung, die neben Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten auch gegen Kinderlähmung, Hepatitis B und Hib schützt. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt hierfür das sogenannte 2+1-Schema:
- 1. Dosis: Im Alter von 2 Monaten (etwa 8 Wochen)
- 2. Dosis: Im Alter von 4 Monaten
- 3. Dosis: Im Alter von 11 Monaten, mit einem Mindestabstand von 6 Monaten zur zweiten Dosis
In der gesamten Europa-Region lag die Immunisierungsrate für Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten bei 94 Prozent – wie im Jahr davor. 2019 waren es noch 96 Prozent. Rund 92 Prozent der Kinder bekamen – ebenso wie im Jahr davor – die erste Dosis der Masern-Impfung. 2019 waren es noch 94 Prozent gewesen.
Sorge trotz Fortschritten
Die UN-Organisationen sind besorgt über Rückgänge bei Impfraten in manchen Ländern. Das liege unter anderem daran, dass Impfprogramme in zahlreichen Konfliktgebieten eingeschränkt seien, aber auch an fehlenden Mitteln nach der Kürzung von Entwicklungshilfe durch viele reichere Länder.
Die WHO nennt aber auch Falschinformationen über Risiken beim Impfen als Problem. „Impfstoffe haben in den letzten fünf Jahrzehnten mehr als 150 Millionen Menschenleben gerettet“, sagte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus bereits im vergangenen Jahr.
Überlastung im Gesundheitssystem
Großbritannien kämpft seit Jahren mit einem kontinuierlichen Rückgang der Impfquoten, was Gesundheitsexperten extrem beunruhigt. Das Problem: Die Quote für die wichtige MMR-Impfung (Masern, Mumps, Röteln) fiel in den letzten Jahren in einigen Regionen, aber vor allem in London, auf unter 85 Prozent. Für eine wirksame Herdenimmunität sind jedoch Quoten um die 95 Prozent nötig. Die Gründe könnten laut Experten eine Mischung aus Falschinformationen im Internet, mangelndem Vertrauen in staatliche Stellen und eine Überlastung des staatlichen Gesundheitssystems (NHS) sein, was die Terminvergabe für Eltern erschwert.
Auffrischungen werden verpasst
Aserbaidschan gehört laut UNICEF-Berichten zu den Ländern der Region, in denen verhältnismäßig viele Kinder unvollständig geimpft sind. Das Problem: Es gibt eine erhebliche Diskrepanz zwischen den offiziell gemeldeten Impfquoten und den tatsächlichen Stichproben vor Ort. Viele Kinder verpassen die wichtigen Auffrischungsimpfungen im Kleinkind- und Vorschulalter.
Gründe könnten laut Experten Schwächen im ländlichen Gesundheitssystem sein. Während in der Hauptstadt Baku die Versorgung gut ist, ist der Zugang zu Impfstoffen in abgelegenen Regionen unregelmäßig. Zudem gibt es auch hier eine wachsende Skepsis gegenüber der Notwendigkeit von Impfungen in Teilen der Bevölkerung. In der Türkei verhindern vor allem die Folgen regionaler Krisen und Migration eine flächendeckende Abdeckung.
In Kasachstan wiederum korrigierten WHO und UNICEF die offiziellen Impfquoten zuletzt deutlich nach unten, da die realen Zahlen vor Ort hinter den behördlichen Meldungen zurückblieben.