Männergesundheit: „Starke Geschlecht“ sucht zu spät Hilfe 26.10.2026 13:40 Uhr
„Ich erlebe im Erstgespräch häufig Männer, die hochgradig belastet sind und trotzdem die Frage stellen: Ist das denn jetzt schlimm genug?“, sagt Psychologin Katharina Piekorz aus Oberderdingen im Landkreis Karlsruhe, die „Die Onlinepraxis“ betreibt. Frauen – so ihre Erfahrung – machten weniger mit sich selbst aus und kämen schneller zu dem Schluss, Hilfe zu brauchen. Anlässlich des „Movember“ soll die Männergesundheit in den Fokus gerückt werden.
„Das hat sicherlich viel mit dem Rollenbild von Männern zu tun“, sagt die Therapeutin. „Mit dem eigenen und dem, das ihnen vorgelebt wird.“ Es mache einen großen Unterschied, ob ein Junge von klein auf bei seinem Vater, Großvater oder anderen männlichen Bezugspersonen sehe, dass sie über Sorgen, Ängste, Stress und Überforderung sprechen und sich bei Bedarf Unterstützung suchen. „Es muss ja nicht gleich professionelle Hilfe sein.“
Doch eine Forsa-Umfrage für die hkk Krankenkasse ergab, dass nur 57 Prozent der Männer mit Partnerin oder Familie über Sorgen sprechen. Im Freundeskreis machten dies 45 Prozent. Vielen falle es schwer, über Gefühle zu reden. Die Konsequenz: Mehr als jeder Dritte versuche, Probleme alleine zu bewältigen.
Das Thema Männergesundheit sei nach wie vor oft mit Tabus behaftet, sagt Piekorz. Die Aktion „Movember“ will im November mit dem Schnurrbart (Moustache) als Symbol darauf aufmerksam machen und aufklären. Psychische Gesundheit ist nur ein Teil davon.
Vom „starken Geschlecht“
Wie wichtig das ist, zeigen Zahlen: Männer sterben im Schnitt fünf Jahre früher als Frauen. „Und zwar aus Gründen, die weitgehend vermeidbar sind“, heißt es bei der Uni Tübingen. Darüber gesprochen werde viel zu selten.
Laut dem „Psychreport 2025“ der Krankenkasse DAK kamen auf je 100 Versicherte bei Frauen 431 Fehltage wegen psychischer Erkrankungen, bei Männern 266. Für Piekorz ein Hinweis, dass sich Männer seltener aufgrund von psychischer Belastung eine Krankschreibung „erlauben“. Finden sie über längere Zeit keine Hilfe, kann das Suizidrisiko steigen – hier machen Männer mit fast 70 Prozent einen überdurchschnittlichen Anteil aus.
„Im Volksmund gelten Männer als „starkes Geschlecht“ und per se als leistungsfähig und gesund“, heißt es in einer Broschüre des Bundesgesundheitsministeriums. Doch die Zahl psychischer Erkrankungen steige. Dies werde häufig auf gesellschaftlich geprägte, geschlechtsspezifische Zwänge der Arbeitswelt zurückgeführt. Finanz- und Wirtschaftskrisen etwa führten vor allem bei Männern zu seelischen Belastungen, Burn-outs oder Depressionen.
Hinweise beachten
Warnsignale könnten schlechter Schlaf über längere Zeit, exzessiver Sport oder hoher Alkoholkonsum sein oder wenn man sich in Arbeit stürze, sagt Piekorz. Gerade Männer neigten zum Schweigen oder zögen sich zurück. Viele ignorierten dies eine ganze Weile. „Das ist fahrlässig.“
Die Psychologin vergleicht das mit der Motorkontrollleuchte im Auto: „Wenn die aufleuchtet, würden viele Menschen recht zeitnah in die Werkstatt fahren und nachgucken lassen, was los ist“, sagt sie. „Doch die eigenen mentalen Warnzeichen schieben viele Männer erstaunlich lange beiseite, funktionieren weiter.“ Irgendwann aber stehe man auf dem Seitenstreifen, nichts gehe mehr.
Ihre Faustregel: „Wenn Belastungssymptome nicht mehr weggehen, andere einen darauf ansprechen oder Erholungszeiten zum Beispiel im Urlaub oder am Wochenende nicht mehr erholsam sind, dann wäre es gut, sich professionelle Unterstützung zu holen und genauer hinzuschauen.“
Psychologische Hilfe in Anspruch zu nehmen, sei kein Zeichen von Schwäche oder eine Niederlage, betont Piekorz. Es gehe um Selbstverantwortung für das eigene Leben, die eigene Gesundheit. „Und so ein Perspektivwechsel kann ja durchaus sehr männlich und stark sein, dass man sich selbst anders bewertet.“