Vorsicht bei Kindern und Jugendlichen

Lebensgefahr bei unsachgemäßem Arzneigebrauch 24.02.2026 14:07 Uhr

Berlin - 

In Deutschland ist eine gesicherte Arzneimittelversorgung eigentlich Standard – doch bei Kindern und Jugendlichen klaffen erhebliche Lücken. Das 21. Diskussionsforum der SEG 6 und des Medizinischen Dienstes Westfalen-Lippe in Hamm beleuchtete die Gründe für diesen Missstand. Dr. Fabian Arcari vom Medizinischen Dienst Rheinland-Pfalz mahnte zur Vorsicht bei nicht bestimmungsgemäßem Gebrauch zu und den daraus resultierenden lebensbedrohlichen unerwünschten Wirkungen.

In der Arzneimittelversorgung für Kinder und Jugendliche herrschen derzeit große Probleme, stellten Expert:innen fest. Ein Kernproblem sei der Mangel an klinischen Studien für die jüngsten Patient:innen. Dr. Claudia Riedel vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) betonte, dass dies vor allem an kleinen Fallzahlen, schwieriger Rekrutierung und komplexen Einwilligungsprozessen durch Erziehungsberechtigte liege. Dennoch plädierte sie dafür, „die hohen Zulassungshürden beizubehalten, da Kinder einem besonderen Schutz unterliegen“.

Das Off-Label-Dilemma

In der Praxis führt der Mangel an speziell zugelassenen Medikamenten dazu, dass Ärzte häufig auf Präparate zurückgreifen müssen, die für Kinder nicht offiziell geprüft sind. Dies sei keine Ausnahme, sondern die Regel. „In pädiatrischen Fachgebieten werden 60 bis 90 Prozent der Arzneimittel zulassungsüberschreitend verordnet“, so Dr. Andreas Rhode, Leiter der SEG 6 Arzneimittelversorgung.

Arcari mahnte in der Versorgung von Kindern und Jugendlichen zur Vorsicht: „Selbst nicht rezeptpflichtige Arzneimittel können bei nicht bestimmungsgemäßem Gebrauch zu lebensbedrohlichen unerwünschten Wirkungen führen.“

Der Grund der Probleme sei auch die Alternativlosigkeit, wie Professor Martin Holtmann der Universitätsklinik in Hamm betont. Er wies darauf hin, dass insbesondere bei Depressionen und Psychosen die Behandlungsmöglichkeiten stark eingeschränkt seien. Das führe zu einem Dilemma: „Arzneimittel, die heutzutage niemand mehr ernsthaft bei Kindern einsetzen will, haben eine Zulassung, während Medikamente mit einer an sich guten Datenlage keine aufweisen.“

Dr. Nicole Armbrüster von Pharma Deutschland erläuterte die Sicht der Industrie: „Der Aufwand für Studien ist durch inhomogene Patientengruppen und praxisferne Bestimmungen unverhältnismäßig hoch.“ Zudem stünden sich Zulassungsfragen und die Nutzenbewertung oft unvereinbar gegenüber, wodurch pädiatrische Besonderheiten kaum berücksichtigt würden.

Lösungsansätze und Ausblick

Trotz der schwierigen Lage gibt es laut Dr. Maximilian Blindzellner vom GKV-Spitzenverband bereits heute gesetzliche Möglichkeiten zur Verbesserung: „Es gibt sehr wohl Möglichkeiten, auch heute bereits die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit den bestehenden gesetzlichen Möglichkeiten zu verbessern.“ Über eine Bewertung durch die Off-Label-Expertengruppe beim BfArM auf Antrag beim G-BA könnten Arzneimittel in Anlage VI der Arzneimittel-Richtlinie (AM-RL) aufgenommen werden. „Dadurch werden diese Arzneimittel zu Lasten der GKV verordnungsfähig“, so Blindzellner. „Eine ähnliche Regelung zulassungsüberschreitend eingesetzte Arzneimittel zu bewerten, ist auch europäisch in der Diskussion und in der Ausgestaltung.“