Gebärmutterhalskrebs

Tumore erkennen, bevor sie entstehen dpa, 06.07.2017 10:57 Uhr

Trotz guter Vorsorge erkranken noch immer rund 4000 Frauen in Deutschland jedes Jahr an Gebärmutterhalskrebs. Der Krebs lässt sich im frühen Stadium gut behandeln, teils jedoch mit lebenslangen Folgen. Grafik: European Bioinformatics Institute
München - 

Als Anna Schäfer (Name geändert) wegen andauernder Zwischenblutungen zum Gynäkologen ging, war sie eigentlich nicht allzu besorgt. Die regelmäßig erfolgten Abstriche zur Krebsfrüherkennung – sogenannte Pap-Abstriche – waren bei der 33-Jährigen immer unauffällig gewesen. „Beim letzten Abstrich blutete es plötzlich so stark, dass ich als Notfall ins Krankenhaus kam“, erzählt sie. Nach einer Operation war klar, dass sie einen bösartigen Tumor hat: Gebärmutterhalskrebs. Damit hatte sie nicht gerechnet.

Da sich Gebärmutterhalskrebs in der Regel langsam entwickelt, sollen mit der Krebsfrüherkennung Zellveränderung aufgespürt werden, noch bevor Krebs entsteht. Die Krankenkassen zahlen bislang allen Frauen ab 20 Jahren einmal jährlich einen Pap-Abstrich. Bei diesem Test werden Schleimhautzellen an Gebärmutterhals und Muttermund abgestrichen und unter dem Mikroskop begutachtet. Das Ergebnis wird einer von mehreren Kategorien zugeordnet und kann Hinweise auf veränderte Zellen oder Krebsvorstufen geben.

„Leider ist der Abstrich nicht so sensitiv, wie wir das gerne hätten“, sagt Professor Dr. Christian Dannecker, stellvertretender Direktor der Frauenklinik der LMU München. So können veränderte Zellen auch übersehen werden. „Der Test bietet daher nur bei regelmäßiger Teilnahme eine hohe Sicherheit“. Der Krebs von Anna Schäfer blieb trotz jährlicher Vorsorge unentdeckt – ein sehr seltener Fall.

Damit dies noch seltener passiert, wird die Früherkennung für Frauen über 35 Jahren geändert: nur noch alle drei Jahre ein Abstrich, dafür ein zusätzlicher Test auf humane Papillomviren (HPV). Man weiß heute, dass HPV für rund 90 Prozent der Gebärmutterhalskarzinome verantwortlich ist. Fast jeder Mensch infiziert sich einmal im Leben mit HPV, viele schon beim ersten sexuellen Kontakt über die Haut. „Bei Frauen unter 30 Jahren ist ein positiver HPV-Test fast schon normal“, sagt Dannecker.

Die Infektion verläuft unbemerkt und heilt meistens von allein ab. Nur in wenigen Fällen kann das Immunsystem die Viren nicht eliminieren. Eine mögliche Folge: Zellveränderungen, die sich bis zu Krebszellen entwickeln können. „Lässt sich bei Frauen über 35 Jahren eine HPV-Infektion nachweisen, ist anzunehmen, dass diese Infektion schon länger besteht und nicht von allein verschwinden wird“, sagt Prof. Klaus Joachim Neis, tätig unter anderem an der Frauenklinik der Universität des Saarlandes. Daher ist diese kombinierte Form der Früherkennung wahrscheinlich besser als der alleinige Abstrich. Allerdings aber eben erst ab Mitte 30.

Findet der Arzt veränderte Zellen am Gebärmutterhals, ist dies noch keine Krebsdiagnose. Die Veränderungen werden zunächst nur beobachtet. Im fortgeschrittenen Stadium sprechen Ärzte von Krebsvorstufen. Sie werden meist operativ entfernt. Bei der sogenannten Konisation trennt der Arzt mit einer Elektroschlinge das veränderte Gewebe am Gebärmutterhals heraus. „Nach erfolgreicher Konisation entwickeln über 90 Prozent der Frauen im Laufe ihres Lebens keine erneuten Zellveränderungen“, sagt Neis. Eine Schwangerschaft ist weiterhin möglich, das Risiko für eine Frühgeburt bei dieser minimalinvasiven Technik nur leicht erhöht.

Bei Anna Schäfer war das anders. Sie hätte gern noch eigene Kinder bekommen, hat nun aber keine Gebärmutter mehr. Ihr Arzt riet zu einer kompletten Entfernung, weil der Tumor schon so groß war. In einer siebenstündigen Operation nahmen die Ärzte auch fast 30 Lymphknoten aus ihrem unteren Bauch heraus, um sicherzugehen, dass sich dort keine Krebszellen verstecken. Weil das nicht der Fall war, brauchte die junge Frau keine Chemotherapie. „Es wird versucht, unimodal zu behandeln, also entweder mit einer OP oder mit Strahlen-Chemotherapie, um die Patientin nicht doppelt zu belasten“, erklärt Dannecker.

Mit den Folgen der Operation hat Anna Schäfer jedoch immer noch zu kämpfen. Blasenschwäche, Verdauungsprobleme, zeitweise Taubheitsgefühle, regelmäßige Lymphdrainagen gegen Wassereinlagerungen, Einschränkungen beim Sport – all das gehört für sie zum Alltag. „Ich habe mich für mein Leben entschieden, und im Leben hat eben alles seinen Preis.“

Vor der OP habe sie Angst gehabt, sich nicht mehr als Frau zu fühlen. Eine Sorge, die sich zum Glück nicht erfüllte. Über die Frauenselbsthilfe nach Krebs fand sie andere Betroffene. Der Austausch gab ihr das Gefühl, nicht allein zu sein. Es entwickelte sich sogar eine Freundschaft. Ein halbes Jahr war Anna Schäfer krankgeschrieben, in Kürze wird sie wieder arbeiten gehen.

Schäfers Erkrankung soll bald der Vergangenheit angehören. Der neueste HPV-Impfstoff verhindert die Infektion mit den neun häufigsten Typen. „Man kann den Wert der Impfung gar nicht hoch genug einschätzen“, sagt Neis. „Leider sind die Impfraten zu niedrig“ – und das, obwohl der Pieks kaum Nebenwirkungen hat. Empfohlen wird die Impfung für Mädchen vor dem ersten sexuellen Kontakt. Denn: „Auf eine bestehende Infektion hat die HPV-Impfung keinen Einfluss mehr“, sagt Dannecker. Dann muss der Körper selbst mit den Viren fertig werden.

Der Pap-Abstrich oder Pap-Test ist nach seinem Erfinder Papanicolaou benannt. Die Ergebnisse werden in Pap I bis V eingeteilt, I steht für normale Zellen, V für Zellen eines Tumors. Zellveränderungen unterteilen Ärzte in drei Kategorien CIN I bis III. CIN I und II sind leichte und mittlere Zellveränderungen und entsprechen einem Pap III. CIN III sind schwere Zellveränderungen oder eine Krebsvorstufe und entsprechen einem Pap IV. Tumoren am Gebärmutterhals werden in T1 bis 4 eingeteilt, je nach Größe und Stadium des Tumors.