Betrugsfall

Scharlatan im weißen Kittel dpa, 10.07.2017 13:08 Uhr

Gert Postel narrte Mediziner, Juristen und Patienten. Als falscher Oberarzt in einer psychiatrischen Klinik bei Leipzig flog er im Juli vor 20 Jahren auf, sein Fall erregte deutschlandweit Aufsehen. Foto: Elke Hinkelbein
Leipzig - 

Er brachte es von der Straße auf den Oberarztsessel. Fast zwei Jahre praktizierte der gelernte Postbote ohne einschlägige Ausbildung in der psychiatrischen Klinik Zschadraß bei Leipzig. Mit gefälschten Papieren hatte Gert Postel sich die Stelle erschwindelt. Er schreckte selbst davor nicht zurück, psychiatrische Gutachten für Gerichte zu verfassen.

Zum Verhängnis wurde dem bei Bremen geborenen Mann im Juli vor 20 Jahren, dass er eine Mitarbeiterin einstellte, deren Wurzeln bis nach Norddeutschland reichten. Dann kam schnell heraus, dass es sich bei Postel um einen einschlägig vorbestraften Hochstapler handelte. Als Amtsarzt „Dr. Dr. Bartholdy“ hatte er seine Karriere in Flensburg begonnen. Dort flog er auf, weil er eine Ausweishülle mit falschen Dokumenten verloren hatte. Nachdem sein erneuter Schwindel in Zschadraß aufgedeckt worden war, tauchte Postel im Juli 1997 unter und war zunächst nicht auffindbar.

„Alle Hochstapler haben eines gemeinsam: Sie sind gute Schauspieler, nehmen den Fachjargon der jeweiligen Berufsgruppe an und haben ein großes Selbstbewusstsein“, erläutert Marco Löw, der 15 Jahre bei der Kriminalpolizei München als Vernehmer und Experte für Betrug tätig war. Auch Postel habe diese Rolle offenbar gut ausgefüllt, sagt Löw, der heute als Berater tätig ist und unter anderem bei großen Unternehmen Vorträge zum Thema hält, wie man Menschen entschlüsselt.

Die notwendigen Unterlagen für eine Bewerbung zu beschaffen, sei recht einfach, zumal im Zeitalter des Internet. „Wenn die Personalchefs jedoch bei einer Bewerbung gezielt fragen würden, wäre eine Enttarnung durchaus möglich“, sagt Löw.

„Wenn sie keine gravierenden Fehler machen, fallen Hochstapler nicht auf, denn das Umfeld hegt zunächst keine Zweifel“, sagt Prof. Rainer Banse vom Institut für Psychologie der Universität Bonn. In der Regel taktierten sie vorsichtig und gäben zumindest am Anfang ihrer neuen Karriere Aufgaben weiter. „Vor therapeutischen Entscheidungen hat er oft Rücksprache mit mir oder Kollegen genommen“, sagte der damalige Chef des Klinikums, Horst Krömker, in Postels Strafprozess am Landgericht Leipzig aus.

Im Mai 1998 wurde Postel in Stuttgart festgenommen. Im Januar darauf begann der Prozess am Landgericht Leipzig. Der Vorsitzende Richter hatte angesichts eines gewaltigen öffentlichen Interesses den größten Saal für die Verhandlung bestimmt, doch der reichte nicht aus. Viele Besucher mussten abgewiesen werden.

Beobachter hatten mit einem milden Urteil gerechnet. Doch das Gericht sprach Postel des Betruges teilweise in Tateinheit mit Urkundenfälschung und Missbrauchs von Titeln und Berufsbezeichnungen schuldig. Postel erhielt vier Jahre Gefängnis. Das Landgericht Flensburg hatte ihn seinerzeit zu einer Freiheitsstrafe von lediglich einem Jahr auf Bewährung verurteilt.

„Das akademische Kapitel meines Lebens ist nun abgeschlossen“, antwortete Postel auf die Frage des Vorsitzenden Richters, wie es nun weitergehen solle. Nach seiner vorzeitigen Entlassung im Jahr 2001 veröffentlichte der heute 59 Jahre alten Postel, der sich nicht mehr zu seiner Geschichte äußern wollte, unter anderem das während der Haftzeit verfasste Buch „Doktorspiele – Geständnisse eines Hochstaplers“.