Heinrich vs. Lucas

„Unverzichtbar“: Redcare-CEO warnt vor Aus für Versender 25.03.2026 11:15 Uhr

Berlin - 

Im Rahmen des Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetzes (ApoVWG) sind auch schärfere Regeln für Versandapotheke vorgesehen. Dagegen machen die Versender nun mobil. Nachdem sich bereits der neue Mycare-Chef Roland Helle gegen die strengere Temperaturkontrolle im Versandhandel stark gemacht hat, setzt nun auch Redcare-CEO Olaf Heinrich noch mal an: „Dieser Systembruch würde einen gesamten Versorgungsweg abschneiden – und zwar abrupt“, schreibt er in seinem für das Portal „Table.Briefings“. Abda-Vize Dr. Ina Lucas veröffentlichte ihren Kommentar für die Gegenseite.

„Die Bundesregierung ist dabei, einen essenziellen Versorgungsweg abzuschneiden – ohne jede Evidenz, ohne konkretes Problem und mit enormen Risiken für die Arzneimittelversorgung von Millionen Menschen“, startet Heinrich in seinen Kommentar. Versandapotheken seien seit mehr als 20 Jahren etabliert – „sicher und ohne strukturelle Qualitäts- oder Sicherheitsdefizite“. „Genau das bestätigt auch das Bundesgesundheitsministerium, das mehrfach öffentlich erklärt hat, dass keine Hinweise auf Risiken beim Transport vorliegen.“

Dass künftig die von den Versendern beauftragten Logistiker zu „pharmazeutischen Anforderungen verpflichtet“ werden sollen, gefährde das etablierte Konstrukt, so Heinrich. „Logistikunternehmen würden damit in eine Rolle gedrängt, die sie weder erfüllen können noch übernehmen werden.“

„Dieser Systembruch würde einen gesamten Versorgungsweg abschneiden – und zwar abrupt“, so Heinrich. Dabei würden sich mehr als 26 Millionen Patient:innen und Patienten regelmäßig auf Versandapotheken verlassen. Vor allem für Chroniker, aber auch mobil eingeschränkte oder abgeschieden lebende Menschen gelte dabei: „Für viele Menschen ist der Versand von Arzneimitteln nicht nur ein ergänzender Versorgungsweg, sondern unverzichtbar.“

Außerdem betont Heinrich: Patient:innen profitierten vom Wettbewerb. „Eine Beschränkung des Versandhandels würde zwangsläufig zu höheren individuellen Arzneimittelkosten führen und gleichzeitig verhindern, dass weitere Effizienzreserven im GKV-System gehoben werden.“

„Klarer Verstoß gegen EU-Recht“

Ob das Bundesgesundheitsministerium (BMG) mit dem Vorhaben überhaupt das EU-Recht berücksichtige, sei ebenfalls fraglich, so Heinrichs abschließendes Argument: „Europaweite Anbieter werden diskriminiert – ein klarer Verstoß gegen EU-Recht. Nicht zuletzt riskiert Deutschland Staatshaftungsansprüche in Milliardenhöhe.“

Man stehe jetzt an einem Wendepunkt: „Wir müssen entscheiden, was uns als Gesellschaft wichtig ist: der einseitige Schutz eines einzelnen Versorgungswegs oder die Sicherstellung einer flächendeckenden, bedarfsgerechten und patientenorientierten Arzneimittelversorgung für alle?“ Bei Redcare gehe man davon aus, dass das BMG sich am Ende nicht mit den diskutierten Neuregelungen durchsetzen können wird. „Unabhängig vom fehlenden Regelungsbedarf und der Nicht-Vereinbarkeit mit dem Unionsrecht wurden die verheerenden Auswirkungen auf die Patientenversorgung bislang noch nicht ausreichend berücksichtigt.“

Versender sind „medizinische Blackbox“

Lucas hält hier dagegen: „Wer Arzneimittel aus dem EU-Ausland bestellt, kauft eine medizinische Blackbox.“ Ob das georderte Insulin zwei Stunden bei 30 Grad im Lieferwagen lag, könne anschließend niemand mehr nachvollziehen, so die Apothekerin. „Abweichende Temperaturen können Arzneistoffe zerstören.“ Daher gebe es auch klare Regeln in der Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO): „Für Vor-Ort-Apotheken ist deshalb ein enges Regime Pflicht: kalibrierte Thermometer, dokumentierte Messreihen, Medikamentenkühlschränke mit Alarmfunktion.“ Doch bei Versendern kontrolliere niemand, ob das eingehalten werde.

„Aktuell profitieren ausländische Versender von einer regulatorischen Lücke“, so Lucas. „Gleiche Medikamente, aber ungleiche Pflichten. Während wir in deutschen Apotheken jede Schwankung dokumentieren müssen, verschwinden kühlkettenpflichtige Präparate im Ausland einfach im Logistikstrom. Ohne Nachweis. Ohne Kontrolle. Ohne Verantwortung. Das muss sich ändern!“

Für die Sicherheit der Patient:innen brauche es „endlich gleiche Standards für alle Marktteilnehmer. Temperaturkontrolle darf keine Option sein, sondern eine Frage der pharmazeutischen Integrität. Wer Arzneimittel vertreibt, muss nachweisen, dass sie sicher sind. Alles andere ist ein Experiment – mit der Gesundheit der Menschen.“