OTC-Analgetika

Thomapyrin Tension Duo: Sanofi schwört Apotheken ein Eva Bahn, 20.02.2018 12:27 Uhr

Berlin - Im Juni 2017 hat der Sachverständigenausschuss für Verschreibungspflicht empfohlen, die Kombination der Wirkstoffe Ibuprofen und Coffein in die Selbstmedikation zu entlassen. Sanofi will nach der Freigabe durch den Bundesrat das Produkt „Thomapyrin Tension Duo“ auf den Markt bringen und rührt über die Außendienstmitarbeiter bereits die Werbetrommel in den Apotheken. Doch hält diese neue Kombination das Versprechen, besser als die Summe der Bestandteile zu sein?

Bereits aus früheren Studien ist bekannt, dass der Zusatz von Coffein zu Analgetika zu einem schnelleren Wirkeintritt und einer stärkeren Schmerzminderung führt. Ein Cochrane Review aus dem Jahr 2012 zeigte anhand von Daten von mehr als 7000 Probanden, dass es zu einem schnelleren Wirkeintritt und einer stärkeren Schmerzminderung kommt. Die Kombinationen war den Einzelsubstanzen in jeder Hinsicht überlegen, kritische Arzneimittelereignisse, die über die bekannten Nebenwirkungen der Bestandteile hinausgingen, wurden nicht beobachtet.

2015 konnten die Autoren in einem weiteren Review zeigen, dass die Befunde auch für die Kombination aus 200 mg Ibuprofen und 100 mg Coffein positiv sind. Ausgewertet wurden vier placebokontrollierte Studien mit insgesamt 900 Probanden. Obwohl die Zahl der Teilnehmer in den einzelnen Untersuchungen gering war, überzeugte die Qualität die Gutachter von der Universität Oxford.

Um auch die höhere Dosierung von 400 mg Ibuprofen und 100 mg Coffein abzusichern, die in Thomapyrin Tension Duo zum Einsatz kommen soll, hatte Sanofi – beziehungsweise Boehringer als Vorbesitzer der Marke – eine klinische Untersuchung durchgeführt. Die Zulassungsstudie war randomisiert, doppelblind und zweistufig mit Parallelgruppen. Überprüft wurden Wirksamkeit und Sicherheit der Kombination im Vergleich zu den jeweiligen Monotherapien beziehungsweise Placebo bei Patienten mit postoperativen Zahnschmerzen. Die Daten von 562 Studienteilnehmern im Alter von 18 bis 55 Jahren wurden evaluiert.

Die Analysen zeigten einen statistisch signifikanten Vorteil der Kombination. So war Ibuprofen/Coffein 30 bis 40 Prozent effektiver, die Wirkung trat 38 Minuten früher ein. Außerdem gab es eine höhere Responderrate. Die Remedikation und damit die Gesamtdosis an Ibuprofen konnten deutlich reduziert werden.

Der Sachverständigenausschuss lehnte den Antrag im Januar 2017 trotzdem ab; erst im zweiten Anlauf konnte Sanofi ein halbes Jahr später die Experten überzeugen. Um die laut Arzneimittelgesetz (AMG) geforderten Erfahrungswerte zu belegen, hatte der Hersteller Daten aus Südamerika und Japan vorgelegt, wo die Kombination schon seit Jahren auf dem Markt ist und wo laut Sanofi zu keinem erkennbaren Anstieg der unerwünschten Arzneimittelereignisse (UAW) beobachtet wurde.

Auf ihrer Sitzung monierten die Sachverständigen, dass diese Daten erhebliche Schwächen hätten: So seien aus Südamerika ausschließlich Abverkaufszahlen vorgelegt wurden; in Japan wiederum seien ausschließlich Produkte mit einem weiteren Wirkstoff und einer anderen Dosierung auf dem Markt. Bei der Zulassungsstudie schließlich fehlten Daten zur Sicherheit, außerdem würden die Ergebnisse möglicherweise durch das junge Patientenkollektiv verzerrt.

Andererseits sahen die Experten durchaus eine Berechtigung für die Kombination, etwa für Asthmapatienten, für die ASS nicht in Frage kommt. Auch seien Probleme vermutlich nicht zu erwarten: Patienten sein mit der Stärke von 400 mg Ibuprofen vertraut; im Alltag werde Coffein vielfach auch über Genussmittel wie Kaffee aufgenommen, teilweise sogar in höheren Dosierungen. Ein Experte merkte an, dass bei der erhofften Wirkungsverstärkung von Ibuprofen durch Coffein ein Bereich erreicht werden könne, der bereits rezeptpflichtig sei. Ein Blutungsrisiko wurde nicht gesehen, da dies erst bei sehr hohen Dosen und längerer Behandlung auftrete.

So wurde der Switch schließlich empfohlen und im Dezember auch verabschiedet. Nun laufen bei Sanofi die Hochtouren für die Markteinführung. In der Apotheke ist der Außendienst mit den wichtigsten Botschaften zum Produkt präsent. Ein Argument: Ibuprofen-Lysinat wirkt zwar schneller – aber nur, wenn der Patient nüchtern ist. Das sei für die Einnahme von Ibuprofen aufgrund der UAW nicht optimal. Auch die Sicherheit und Verträglichkeit sei über einen Anwendungszeitraum von fünf Tagen bei 3x1 Tablette täglich belegt. Das Studiendesign und das Patientenkollektiv entsprächen dem heutigen Stand der Technik, und von einer Verzerrung der Ergebnisse durch das Alter der Patienten sei nicht auszugehen.

Innerhalb von 24 Stunden soll eine Gesamtdosis von drei Filmtabletten – entsprechend 1200 mg Ibuprofen und 300 mg Coffein – nicht überschritten werden. Zwischen zwei Dosen sollen mindestens sechs Stunden Zeitabstand eingehalten werden. Thomapyrin Tension Duo soll maximal für drei Tage und nicht von Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren angewendet werden.

Bei der Beratung der Kunden ist es wichtig, nicht nur an Ibuprofen und dessen Nebenwirkung zu denken, sondern auch Coffein im Blick zu behalten. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) empfiehlt nicht mehr als 400 mg täglich. Eine Tasse normaler Filterkaffee enthält 100 mg. Bei drei Tabletten am Tag sollte entsprechend nicht mehr als eine Tasse Kaffee zusätzlich konsumiert werden. Sanofi hat unter der Traditionsmarke Thomapyrin zwei Varianten auf dem Markt: „Thomapyrin Classic“ enthält 250 mg ASS, 200 mg Paracetamol und 50 mg Coffein, bei „Thomapyrin Intensiv“ sind 50 mg mehr Paracetamol enthalten.