Porträt

Hennig: Erfolg mit Schwindelgefühl Julia Pradel, 29.04.2013 09:19 Uhr

Berlin - 

Nischen und komplizierte Arzneimittel – darin liegen heute die Chancen für mittelständische Pharmaunternehmen. Ein Hersteller, der sich bereits seit 115 Jahren auf dem Markt behaupten kann, ist Hennig. Das Familienunternehmen produziert nach wie vor in Deutschland und wird bereits in vierter Generation geführt. Der Schwerpunkt der Firma liegt auf Arzneimitteln gegen Schwindel und Gleichgewichtsstörungen – einem Nischenmarkt.

Das nach wie vor wichtigste Produkt des Unternehmens, Arlevert zur Behandlung von Schwindel, wurde 1982 eingeführt. „Mein Großvater kombinierte damals die Wirkstoffe Cinnarizin und Dimenhydrinat“, sagt Dr. Kai Schleenhain, einer der Firmenleiter. „Es stellte sich heraus, dass so die Dosierung reduziert werden konnte, und somit auch weniger Nebenwirkungen auftraten.“

Heute sei Hennig Marktführer im Indikationsbereich Schwindel und Gleichgewichtsstörungen. „Als einzige Firma in Deutschland bieten wir alle Wirkstoffe zur Behandlung von Schwindel aus einer Hand an“, so Schleenhain.

Das Unternehmen gibt es jedoch schon deutlich länger: Hennig Arzneimittel wurde 1898 von dem Chemiker Max Hennig in Berlin gegründet. Das erste Produkt war ein Leberextrakt, später kamen Herzmuskelextrakte und pflanzliche Arzneimittel hinzu. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Unternehmen vollständig zerstört, Hennig starb wenig später.

Kurt Moschner, ein langjähriger Mitarbeiter und Großvater der heutigen Firmenchefs, begann im Osten Berlins mit dem Wiederaufbau. Als der Firma die Enteignung drohte, verließ Moschner die sowjetische Zone und zog an den heutigen Standort in Flörsheim bei Frankfurt am Main. Dort begann die Firma mit der Produktion chemisch-synthetischer Arzneimittel.

Nach Moschners Tod übernahm 1984 seine Tochter, die Apothekerin Helga Schleenhain, zusammen mit ihrem Mann Wolfram die Firmenleitung. Seit 2006 sind auch die Brüder Holger und Dr. Kai Schleenhain in der Geschäftsleitung. Beide waren bereits in frühen Jahren im Unternehmen aktiv: „Schon als Schüler haben wir in der Konfektionierung gearbeitet“, sagt Schleenhain. Er selbst war auch bei Boehringer Ingelheim und Merz angestellt, bevor er in das Familienunternehmen zurückkehrte.

Neben Arzneimitteln gegen Schwindel und Gleichgewichtsstörungen sind für den Erfolg des Unternehmens aus Sicht Schleenhains zwei weiteren Standbeine verantwortlich: die Auftragsfertigung und eine breite Palette an Generika.

Hennig hat sich bei der Auftragsproduktion auf aufwändige Darreichungsformen und komplizierte Produkte spezialisiert, etwa Retardtabletten oder Betäubungsmittel: „Wir brauchen nicht die einfachen Wald- und Wiesentabletten herstellen, das können die Mitbewerber in Asien auch“, erklärt Schleenhain. Die Lohnherstellung soll in Zukunft weiter ausgebaut werden: „Wir verfügen über modernste Produktionsanlagen, die ausgelastet sein müssen. Wir müssen deshalb mehr Kunden finden, die Qualität aus Deutschland haben wollen.“

Bei den Generika konzentriert sich Hennig auf Schnelldreher: Clopidogrel, Enalapril, Losartan, Metoprolol, Omeprazol, Pantoprazol und Simvastatin sind einige der Präparate. Hennig produziert seine Arzneimittel am Standort Flörsheim, insgesamt hat das Unternehmen 35 Medikamente im Portfolio.

Für einige Wirkstoffe hat Hennig Rabattverträge abgeschlossen, so richtig glücklich ist Schleenhain damit aber nicht. Für Omeprazol gebe es etwa eine Vereinbarung mit dem BKK-Dienstleister Spectrum K: „Das ist allerdings ein älterer Vertrag“, sagt Schleenhain. „Heute hätte man sicher weniger Chancen, und wenn man den Rabattvertrag bekommt, dann ist man als Hersteller auch nicht glücklich – weil man gerade mal die Herstellungskosten decken kann.“

Neben der Lohnherstellung soll in Zukunft das internationale Geschäft mit Arlevert ausgebaut werden. Derzeit wird das Präparat vor allem in die Schweiz, nach Italien, Englang, Belgien und Österreich exportiert. Ein nächster großer Schritt sei nun der südamerikanische Markt, so Schleenhain.

Schließlich soll auch das OTC-Geschäft vergrößert werden: Vor kurzem hat Hennig das OTC-Produkt „Vertigo Hennig“ gegen Schwindel im Alter auf den Markt gebracht, für den Herbst ist die Einführung eines neuen Läuse-Shampoos geplant. Schleenhain erhofft sich von den neuen OTC-Präparaten ein weiteres Wachstum in den kommenden Jahren.

Nachdem das Unternehmen in Folge des AMNOG starke Einbußen habe hinnehmen musste, sieht man sich nun auf einem guten Weg: Im vergangenen Jahr sei der Umsatz um 12,5 Prozent auf 45 Millionen Euro angestiegen, so Schleenhain. Das Unternehmen beschäftigt heute 280 Mitarbeiter, 85 davon sind als Außendienstler bei Ärzten und Apothekern unterwegs.