Pharmakonzerne

Faktencheck: Boehringer + Sanofi Patrick Hollstein, 28.06.2016 07:56 Uhr

Berlin - 

OTC gegen Veterinär: Thomae und Merial wechseln die Besitzer. Der scheidende Boehringer-Chef Professor Dr. Andreas Barner sieht einen Gewinn für beide Parteien, Sanofi-CEO Oliver Brandicourt spricht von einem Meilenstein auf der Roadmap 2020 seines Konzerns. Die wichtigsten Fakten im Schnellcheck.

Was ist der Deal? Boehringer gibt seine komplette OTC-Sparte – mit Ausnahme von China – an Sanofi ab, bekommt dafür im Gegenzug das Veterinärgeschäft der Franzosen.

Um welche Summen geht es? Merial wird mit 11,4 Milliarden Euro bewertet, Thomae mit 6,7 Milliarden Euro. Die Differenz von 4,7 Milliarden Euro zahlt Boehringer in bar – was wiederum die Kriegkasse von Sanofi für weitere Zukäufe füllt.

Wie groß sind die Sparten? Boehringer erlöste zuletzt 1,51 Milliarden Euro im OTC-Bereich, das waren 10 Prozent des Gesamtumsatzes. Sanofi kam auf 3,4 Milliarden Euro. Im Veterinärbereich sind die Franzosen ebenfalls etwas größer: Merial kommt auf Erlöse von 2,5 Milliarden Euro, Vetmedica auf 1,36 Milliarden Euro.

Welche Position haben die kombinierten Sparten? Sanofi wird mit einem Anteil von 4,3 Prozent die neue Nummer 3 im weltweiten OTC-Markt hinter Bayer und GlaxoSmithKline/Novartis und vor Johnson & Johnson, Pfizer und Reckitt Benckiser. Boehringer steigt mit Merial zum zweitgrößten Anbieter für Tiergesundheit auf, nach der von Pfizer abgespaltenen Firma Zoetis und vor Elanco (Lilly) und Intervet (Merck).



Was sind die Motive? Für beide Konzerne ist dieser Tausch ein Schritt zu einer stärkeren Spezialisierung. Nach eigenen Angaben haben sie so die Möglichkeit, Weltmarktführer mit den jeweiligen Sparten zu werden. Dass beide Unternehmen europäisch geprägt sind, hat die Sache sicher einfacher gemacht.

Was will Boehringer? Die Versuchung, den Wachstumsbereich Tiergesundheit auszubauen, muss riesig gewesen sein, dass dafür auch die ebenso traditionsreiche wie ertragsstarke Selbstmedikation geopfert wurde. Selbst Insider waren von dem radikalen Schritt überrascht. Andererseits fehlt Boehringer als Familienunternehmen die Möglichkeit, neues Aktienkapital für größere Zukäufe auszugeben. Nach den jüngsten Megafusionen sah man sich nicht mehr im Spitzenfeld. Eigene Versuche, den Bereich zu vergrößern, scheiterten.

Was will Sanofi? Sanofi hatte im vergangenen Herbst die strategischen Ziele bis 2020 definiert. Auf dem Prüfstand stand neben der Generikalinie Zentiva auch das Geschäftsfeld Tiergesundheit, das die Franzosen 2009 von ihrem damaligen Partern Merck & Co. Übernommen hatten. Zur selben Zeit entdeckte Sanofi das OTC-Geschäft neu: Nach Verkäufen gab es plötzlich wieder Zukäufe.

Wo liegen die Synergien? Die beiden Portfolios ergänzen sich hervorragend. Sanofi wird Marktführer in den Bereichen Frauengesundheit und Verdauungspräparate, die Nummer 2 im Bereich Schmerzmittel. Mit Antiallergika kommt der Konzern auf Rang 3, mit Erkältungsmitteln auf Rang 6. Außerdem kann Sanofi in Europa, Asien und Lateinamerika seinen Umsatz deutlich ausbauen und in Deutschland und Japan weiße Flecken schließen. Boehringer/Merial wird Marktführer in den Bereichen Kleintiere, Schweine und Pferde, Nummer 3 bei Geflügel und Nummer 4 bei Wiederkäuern.



Wie geht es weiter? Bis zum Jahresende soll die Transaktion abgeschlossen sein, dann könnten die Sparten integriert werden. Bereits zum Auftakt der Verhandlungen hatten die Partner vereinbart, dass Lyon und Toulouse wichtige Dreh- und Angelpunkte für den Bereich Tiergesundheit bleiben sollen. Auch die Dynamik der US-Standorte soll erhalten werden. Deutschland soll ein Kernzentrum im OTC-Geschäft werden – insbesondere in den Bereichen Gastrointestinal sowie Husten- & Erkältungsmedikamente, die von den „außerordentlichen Fähigkeiten“ der Boehringer-Teams profitieren.

Was sind die Folgen für den deutschen Markt? Boehringer ist mit einem Umsatz von rund 200 Millionen Euro die Nummer 6 im OTC-Bereich; Sanofi taucht mit seinen Generika sowie den Marken Ibuflam, Maalox, Bronchoforton und Heumann-Tee nicht unter den Top-50 auf. Im Veterinärbereich liegt Vetmedica knapp vor Merial auf Rang 3. Anders als Boehringer ist Sanofi aber in der Apotheke vertreten: Das Antiparasitikum Frontline mit 80 Prozent Marktanteil spült gut ein Drittel der Erlöse von 60 Millionen Euro in die Kasse – mit einem einzigen Verantwortlichen. Insgesamt arbeiten in Hallbergmoos und im Außendienst 120 Mitarbeiter.

Wer übernimmt welche Leitungsfunktionen? Das steht noch nicht fest oder ist noch nicht bekannt gemacht. In der Geschäftsführung von Boehringer ist Dr. Joachim Hasenmaier für beide Geschäftsbereiche zuständig. Im Vorstand von Sanofi hat Carsten Hellmann die Verantwortung für Merial, er hat schon einen neuen Job als Chef von Alk Abelló gefunden. Ein OTC-Vorstand wurde noch nicht ernannt, Vincent Warnery leitet als Senior Vice President den Bereich.



Wer hat den Hut im deutschen Geschäft auf? Auch das steht noch nicht fest. Bei Boehringer ist Patricia Alison Hartley für die Selbstmedikation zuständig, Stephan-Günther Dolle für das Veterinärgeschäft. Bei Sanofi betreut Daniel Diesel die Geschäftsbereiche OTC, Generika und patentfreie Originalprodukte. Dr. Gerfried Zeller leitet in Hallbergmoos bei München den Bereich Merial.

Was sind die wichtigsten OTC-Marken von Boehringer? Das Spasmolytikum Buscopan (223 Millionen Euro; vor allem in Europa und den Schwellenmärkten), das Abführmittel Dulcolax (225 Millionen Euro; in mehr als 40 Ländern verkauft, besonders stark in den USA), das Multivitaminpräparat Pharmaton (140 Millionen Euro; vor allem. in den Schwellenländern), die Hustenmittel Mucosolvan (168 Millionen Euro; vor allem in Deutschland und Russland) und Bisolvon (96 Millionen Euro; mit einer weltweiten Präsenz, größte Absatzmärkte Spanien und Italien) sowie die Erkältungsmittel Mucoangin/Lysopaine (54 Millionen Euro).

Was sind die wichtigsten OTC-Marken von Sanofi? Die Allergieprodukte Allerga (424 Millionen Euro) und Nasacort (122 Millionen Euro), die Schmerzmittel Doliprane (303 Millionen Euro), No-Spa (88 Millionen Euro) und Dorflex (81 Millionen Euro), die Stoffwechselprodukte Essentiale (196 Millionen Euro), Enterogermina (161 Millionen Euro) und Maalox (97 Millionen Euro), das Damenhygieneprodukt Lactacyd (114 Millionen Euro) und das vitamin- und mineralstoffhaltige Nahrungsergänzungsmittel Magné B6 (103 Millionen Euro).



Was sagen die Beteiligten? Der scheidende Boehringer-Chef Professor Dr. Andreas Barner bezeichnete die Transaktion als „eines der bedeutsamsten Ereignisse in unserer Unternehmensgeschichte“. Man verbessere die Position im Bereich Tiergesundheit deutlich und werde sich in diesem Segment als einer der größten globalen Akteure etablieren. „Boehringer Ingelheim und Sanofi ähneln sich hinsichtlich ihrer Unternehmenskultur und ihrer grundsätzlichen Herangehensweise. Das wird dazu beitragen, dass sich die jeweils erworbenen Geschäfte in der Zukunft gut entwickeln.“

Olivier Brandicourt, CEO von Sanofi, sprach von einem Meilenstein auf der Roadmap 2020, nämlich eine Spitzenposition im Bereich Selbstmedikation einzunehmen. „Mit dem Tauschgeschäft würden wir ein komplementäres Portfolio aus renommierten Marken für unser Selbstmedikationsgeschäft gewinnen, mit dem wir mittel- und langfristig Werte schaffen und den Markt in einigen für uns wichtigen Ländern noch stärker durchdringen können.“

Hubertus von Baumbach, designierter Boehringer-Chef, sagte, dass der Tausch „nur dank unserer Mitarbeiter, ihres Engagements und ihrer exzellenten Leistungen für beide Seiten so attraktiv ist. Boehringer Ingelheim und Sanofi werden diese Geschäfte daher auch in Zukunft erfolgreich und nachhaltig vorantreiben.“