e-Rezept

Geldadel wettet auf Apotheken Patrick Hollstein, 30.08.2018 10:37 Uhr

Berlin -

Nicht nur für Versandapotheken ist das E-Rezept eine Verheißung. Auch Investoren hoffen, endlich schnell und nachhaltig in den Apothekenmarkt vorstoßen zu können. Ganz vorne im Rennen um die Pole Position: Teleclinic. Was das Start-up aus München von anderen Playern unterscheidet, ist nicht nur der konzeptionelle und politische Vorsprung, sondern auch der finanzielle Background. Die Liste der Geldgeber liest sich wie das Who is Who der deutschen Internet-Millionäre. Der OTC-Hersteller Dr. Willmar Schwabe ist über einen Investmentfonds auch dabei.

Die Gründer

Katharina Jünger (27)
Professor Dr. Reinhard Meier (40)
Patrick Palacin (26)

Jünger, die als CEO bei Teleclinic die Strategie verantwortet, stammt aus einer Arztfamilie. Sie selbst ist Juristin und hatte nach dem Studium jeweils für einige Monate für White & Case, BMW und Boston Consulting gearbeitet. Bei einer Projektarbeit am Center for Digital Technology & Management der TUM/LMU in München lernte sie Meier kennen. Der Radiologe, heute Medizinischer Direktor von Teleclinic vor allem für den guten Kontakt zu den Ärzten zuständig, hatte als Oberarzt am Universitätsklinikum Ulm und am Klinikum rechts der Isar bereits Karriere gemacht. Weil die Zusammenarbeit gut funktionierte, entschlossen sich die beiden, ein Telemedizinprojekt auf die Beine zu stellen.

Für Teleclinic brauchten sie allerdings noch einen Techniker. Jünger klapperte die Szene in München ab, verteilte Visitenkarten und stieß schließlich auf Palacin. Er schien perfekt für den Job: Sein Vater hatte 40 Jahre lang für IBM gearbeitet, Palacin selbst hatte während des Informatikstudiums die Welt von IBM und SAP kennengelernt. Während eines Forschungsaufenthaltes in den USA hatte er sogar schon Erfahrung mit telemedizinischen Anwendungen gemacht. Nach einigem Hin und Her sagte er zu.

Staatliche Förderung

Den Start ermöglichte ein Gründerstipendium des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi). Ein Jahr lang gab es Mittel aus dem Förderprogramm Exist.

1. Finanzierungsrunde

Max-Josef Meier (33)
Dr. Degenhard Meier (43)
Anselm Bauer (34)

Wie gewinnt man als Start-up das Geld von Investoren? Mit aussagekräftigen Unterlagen, überzeugendem Auftreten – und guten Beziehungen. Letztere spielten bei der ersten Finanzierungsrunde von Teleclinic im April 2016 eine wichtige Rolle. Denn Meier war bestens vernetzt: Sein Bruder Max-Josef Meier gehörte 2008 zu den Gründern des Internetportals Stylight, das vier Jahre für 80 Millionen an ProSiebenSat.1 verkauft wurde. Er brachte mit Anselm Bauer einen seiner beiden ehemaligen Partner mit zu Teleclinic.

Ein weiterer Investor aus der ersten Runde war Dr. Degenhard Meier. Der Betriebswirt hatte ab 2001 als Principal für den Finanzinvestor Bain & Company gearbeitet, seit 2014 ist er Vice President bei der Versicherungsgruppe Huk Coburg. Er ist der dritte Bruder im Bunde.

2. Finanzierungsrunde

Urs Keller (47)
Michael Brehm (38)
Dr. Alexander Brehm (71)
Dr. Stefan Wiskemann (56)
Alexander Graf Fugger-Babenhausen (36)
Alexander Stärker (38)

Nur zwei Monate später regnete es erneut Geld. Mit dabei waren erneut verschiedene Gründer und Investoren aus der Internetszene: Urs Keller hatte seine Agentur Websolute im Jahr 2000 an Web.de verkauft, bei Deutschlands größtem E-Mail-Anbieter blieb er noch drei Jahre, danach gründete er das Preisvergleichsportal billiger.de. Als Investor war er später unter anderem an Stylight beteiligt; gut möglich, dass er von Meier und Bauer auf das neue Projekt aufmerksam gemacht wurde.

Michael Brehm hatte nach seiner Zeit bei der Investmentbank Merrill Lynch beim Netzwerk StudiVZ den kaufmännischen Bereich geleitet, später gründete er den Inkubator Rebate Networks. Zu seinen erfolgreichen Investments gehörten unter anderem Kreditech, Lieferando, Kaufda oder Brands4friends.

Bei Teleclinic kam er als Investor zusammen mit seinem Vater an Bord. Dr. Alexander Brehm hatte eine der größten gynäkologischen Praxen in München geleitet und gilt als überzeugter Befürworter der Telemedizin: Eine Mehrzahl seiner Patientinnen hätte er genauso gut per Fernsprechstunde betreuen können, so sein Argument.

Stefan Wiskemann und zwei Partner hatten 1998 die Auktionsplattform Ricardo.de gegründet und vor dem Börsencrash ihre Anteile für geschätzte 
140 Millionen Euro an den britischen Rivalen QXL verkauft. Seitdem ist auch er als Investor unter anderem im Internetbereich aktiv.

Der alte Geldadel ist bei Teleclinic auch dabei: Jeweils 2 Prozent halten Alexander Graf Fugger-Babenhausen und Alexander Stärker; beide sind auch als Investoren bei der Online-Sprachschule Lingoda dabei. Letzterer ist der Sohn von Hubertus Stärker, einem politisch gut vernetzten Unternehmer aus Augsburg, der den Automobilzulieferer Zeuna Stärker 2003 verkauft hatte.

3. Finanzierungsrunde

Digital Health Ventures (DHV)

Im November kam mit DHV ein weiterer Geldgeber an Bord. 2 Millionen Euro investierte die Berliner Beteiligungsfirma, der zuvor Kapital bei einer ganzen Reihe vermögender Anleger eingesammelt hatte. So sind der Phytokonzern Dr. Willmar Schwabe und die Eigentümerfamilie über DHV an Teleclinic beteiligt. Auch Andreas Rudolph, Chef der GHD-Gruppe aus Ahrensburg, und Reinhard Koop, einer der Großaktionäre bei CompuGroup Medical (CGM) dürften zu den strategischen Anlegern gehören. Daneben gibt es auch hier Finanzinvestoren wie Christoph Behn (Kartenmacherei) und Florian Huber (Neubau Kompass, United Domains).

„Aus unserer Sicht besteht enormes Nachfragepotential nach telemedizinischen Angeboten – zudem sind wir begeistert davon, wie erfolgreich TeleClinic sich als Vorreiter im deutschen Markt bereits etablieren konnte. Wir freuen uns darauf, das Unternehmen dabei zu unterstützen, Telemedizin in allen Bundesländern für möglichst viele Patienten zugänglich zu machen“, sagte Guido Hegener, Managing Partner bei DHV, beim Einstieg.

Aktuell gehört den Gründern damit noch ein Drittel der Anteile, jeweils knapp 18 Prozent halten Max-Josef Meier und DHV. Dem Schwabe-Clan sind damit indirekt 10 Prozent zuzurechnen, der Rest verteilt sich auf die übrigen Investoren. Doch auch das ist nur ein Zwischenstand. Die nächste Finanzierungsrunde ist laut Jünger bereits in trockenen Tüchern und soll in den nächsten Wochen bekanntgegeben werden. Angesichts der politischen Entwicklungen und des operativen Vorsprungs dürfte Teleclinic eine Erfolgsstory bleiben.