Kunden würden bei Tchibo bestellen

„Die stationäre Apotheke wird an Bedeutung verlieren“ 11.06.2026 13:59 Uhr

Berlin - 

„Die stationäre Apotheke wird an Bedeutung verlieren", machte Thomas Golly, Managing Director Sempora, beim Kongress des Bundesverbands Deutscher Versandapotheken (BVDVA) deutlich. Ihre Relevanz in der Versorgung werde jedoch nicht abnehmen, denn die Kolleg:innen erbrächten Leistungen, die Versender nicht anbieten könnten. Dennoch zeige sich eine Verschiebung im Markt: Kund:innen würden Arzneimittel auch bei Rewe oder Tchibo bestellen, wenn dies möglich wäre. 

Im Apothekenmarkt wurde ein Umsatz von 82 Milliarden Euro erzielt – ein leichtes Plus von 5 Prozent. 80 Prozent entfallen auf das wachsende Rx-Geschäft, der Rest entfällt auf den abnehmenden OTC-Bereich, wie Michael Rühl von Insight Health aufzeigte. Dabei verlieren stationäre Apotheken im OTC-Bereich stärker als der Versand, der mittlerweile auf einen Anteil von 27 Prozent kommt.

Die Rollenverschiebung zeige sich in unterschiedlichen Segmenten. Im Versandhandel gebe es ein Wachstum im Bereich der planbaren, wiederkehrenden und präventiven Käufe. Produkte wie Vitamine, Mineralstoffe und Allergiemittel seien online stärker und weniger beratungsintensiv. Unter Druck stünden akute, saisonale und gegen Infektionserreger eingesetzte Produkte – ein Basiseffekt nach starken Corona-, Grippe- und Erkältungsjahren: Tests sowie Produkte gegen Husten, Halsschmerzen oder grippale Infekte verlieren laut Rühl im zweistelligen Bereich. Aber auch Inflation und ein verändertes Konsumentenverhalten gehörten zu den Ursachen bei Veränderungen im OTC-Bereich.

Gewinner und Verlierer

Im vergangenen Jahr wurden im Versandhandel 4,6 Milliarden Euro erzielt – ein Wachstum von rund 10 Prozent, das durch Rx getragen wird. Der Markt wird von wenigen Playern dominiert. Zudem habe das Wachstum zuletzt stark gelitten: „Wir kommen aus einer Zeit, in der wir zweistellige Wachstumsraten gewöhnt waren“, so Dr. Dominique Ziegelmayer von DatamedIQ. In der zweiten Jahreshälfte 2025 sei das Wachstum im Versandhandel deutlich zurückgegangen, bis in den Januar und Februar, wo die Zahlen auf Vorjahresniveau gelegen hätten und kein Wachstum zu verzeichnen gewesen sei. Im März sei die Nachfrage wieder in Schwung gekommen – unter anderem aufgrund von Urlaubsbevorratungen.

Wachstumstreiber seien Mineralstoffpräparate (12,3 Prozent), Dermatika (9,4 Prozent) und Produkte gegen trockene Augen (10,5 Prozent).

Zwar hätten Eucerin, Orthomol und La Roche-Posay weiterhin die Nase vorn. Doch es zeigen sich deutliche Unterschiede. Eucerin wachse mit 1,4 Prozent nur schwach, Orthomol lege um 6,3 Prozent zu und La Roche-Posay verliere 1,7 Prozent. Überdurchschnittlich seien Iberogast (18,5 Prozent) und Doppelherz (16,9 Prozent) gewachsen.

Im OTC-Bereich setze der Versandhandel seinen Wachstumskurs fort, wenn auch mit 4,2 Prozent nur gedämpft. 3,9 Milliarden Euro wurden in dem Bereich erzielt. 2026 knüpfe an das hohe Vorjahresniveau an – der März sei mit 369 Millionen Euro der umsatzstärkste Monat der letzten drei Jahre gewesen. Im Mai sei ein Plus von mehr als 5 Prozent erreicht worden.

Momentum eingebrochen: Keine Innovationen, neue Kanäle

Die Absätze sinken, aber höhere Preise stabilisieren das Wachstum – die Steigerung des Umsatzes ist laut Ziegelmayer mit 0,1 Prozent nur gering. Verringert haben sich die Anzahl der Packungen (minus 1,6 Prozent) pro Bestellung sowie die Bestellfrequenz (minus 0,5 Prozent). Im Gegenzug sind die Preise pro Packung um 2,3 Prozent gestiegen.

Im Bestandskundensegment verzeichneten Versender kein Wachstum, bei Neukunden hingegen schon – 3,1 Prozent neue Shopper:innen zählten die Versender. Vor allem jüngere Personen legten zu. Für den Umsatz sorgten Frauen (65 Prozent), der Löwenanteil liege im Alter von 30 bis 59 Jahren. Das Momentum sei eingebrochen. Mögliche Ursachen könnten fehlende Innovationen sowie neue Kanäle sein.

Kunden würden auch bei Tchibo bestellen

„Die stationäre Apotheke hat wirklich Probleme“, so Ziegelmayer. Das bestätigt auch Golly: „Die stationäre Apotheke wird an Bedeutung verlieren – Verbünde und Kooperationen werden hingegen an Bedeutung gewinnen.“ Davon gingen Ärzt:innen und Apotheker:innen aus, wie die Sempora-Studie zeige. Die Bedeutung von Versandhandel und Amazon sowie der Direktvertrieb werde steigen.

Die Konsumentenperspektive zeige: Verbraucher:innen seien offen für Versandapotheken und Drogeriemärkte – sowohl im Bereich OTC als auch Rx. 60 Prozent der Befragten würden OTC-Produkte bei Rossmann bestellen, 40 Prozent bei Müller, 29 Prozent bei Rewe und sogar 17 Prozent bei Tchibo. Auch rezeptpflichtige Arzneimittel würden Verbraucher:innen bei Drogeriemärkten & Co. bestellen – 33 Prozent bei Rossmann, 24 Prozent bei Müller, 18 Prozent bei Rewe und 12 Prozent bei Tchibo.

Dennoch: „Die Relevanz der Apotheken vor Ort wird nicht abnehmen“, so Golly. „Impfen kann kein Versender.“ Die Aufgaben würden sich qualitativ mit Blick auf die Leistungen aufteilen.