Antibiotika: „Haben wir denn gar nichts gelernt?“ 29.05.2026 12:23 Uhr
Hinter Kufstein kommt Wörgl, hinter Wörgl kommt Kundl. Hier, in der nur 5000 Einwohner zählenden Marktgemeinde im Inntal, befindet sich der letzte vollintegrierte Produktionsstandort für Antibiotika in ganz Europa. In diesem Jahr feiert das Werk, das zu Sandoz gehört, sein 80-jähriges Bestehen. Doch die Verantwortlichen machen sich Sorgen, dass die rigide Sparpolitik im Gesundheitswesen solche Investments in Versorgungssicherheit gefährden könnte.
Es war ausgerechnet ein Offizier der französischen Streitkräfte, der nach dem 2. Weltkrieg die Grundlage für den Standort legte. Michel Rambaud war Chemiker und in England in der Penicillin-Forschung tätig gewesen. Er wusste, dass man sich in den Nachkriegsjahren vor Seuchen werde schützen müssen. Die stillgelegten Räumlichkeiten einer Bierbrauerei in Kundl schienen perfekt, um sie in eine Penicillinfabrik umzubauen. Denn Bier und Penicillin entstehen im Prinzip auf Basis desselben Verfahrens: Fermentation.
Gemeinsam mit der Eigentümerin der Brauerei machte er sich ans Werk und gründete eine Firma namens Biochemie. Ziel war es, die österreichische Bevölkerung mit Penicillin aus eigener Erzeugung zu versorgen. Ein Schwerpunkt waren in den Anfangsjahren auch Antibiotika für Pferde.
Die ersten Stämme wurden noch aus Frankreich importiert, wie Sandoz-CEO Richard Saynor beim Festakt erklärte. Landeshauptmann Anton Mattle nannte den Standort ein Paradebeispiel dafür, wie durch die Zusammenarbeit mit den Alliierten das Wirtschaftswunder überhaupt erst möglich wurde.
Schon zwei Jahre später verließen die ersten Ampullen das Werk. Der Durchbruch kam, als es Forschern am Standort gelangt, durch Zusatz von Desinfektionsmittel das erste säurefeste Penicillin herzustellen. Nun konnten Antibiotika erstmals in Tablettenform verabreicht werden.
Heute ist das Werk mit rund 2500 Mitarbeitenden ein globales Exzellenzzentrum für Antibiotikaforschung und -produktion. In riesigen Fermenten werden nach wie vor die Wirkstoffe hergestellt – 4000 Tonnen sind es pro Jahr, die vor Ort weiter zu 240 Millionen Packungen oraler und steriler Fertigarzneimittel verarbeitet werden.
Saynor sprach von einem Eckpfeiler für die europäische Arzneimittelversorgung. In den vergangenen Jahren habe man 250 Millionen Euro investiert, denn Antiobiotika gehörten zur DNA von Sandoz.
Elisabeth Zehetner, Staatssekretärin im österreichischen Wirtschaftsministerium, sprach von einem Flaggschiffstandort für ganz Europa. Als Regierung habe man sich mit 50 Millionen Euro beteiligt und werde auch weiter unterstützen. Immerhin gehe es auch um die Versorgung von Patientinnen und Patienten, aber auch um Wachstum und hochqualifzierte Arbeitsplätze. Wichtig sei, dass auch andere Länder in Europa mitzögen.
Saynor warnte aber auch davor, diese Errungenschaft durch eine Niedrigpreisstrategie bei Generika zu gefährden. Gerade die Pandemie und die aktuellen globalen Krisen hätten ja gezeigt, wie vulnerabel die Lieferketten seien. Dass Antibiotika weniger kosten dürften als ein Becher Kaffee, sei ein Symptom für einen „gebrochenen Markt“.
Mehr als 90 Prozent der Wirkstoffe kämen auch in diesem Bereich aus China, weil dort die Produktion staatlich subventioniert werde. Das mache Europa abhängig und damit verwundbar. Im Falle einer globalen Krise sei man auf Gnade angewiesen. Bei Covid hätten selbst innerhalb der EU alle Mitgliedstaaten die Grenzen für wichtige Waren dicht gemacht, um ihre Bevölkerung zuerst versorgen zu können. „Haben wir denn gar nichts gelernt?“
Harald Vodosek, Nationaler Rüstungsdirektor im Verteidigungsministerium, stimmte zu: An die Stelle von Partnerschaften seien Konflikte getreten, die auch über den Zugang zu Energie und Rohstoffen ausgetragen würden. Ob Halbleiter oder Medikamente: Bei Verteidigung gehe es längst um mehr als nur um Waffen. Der Zugang zu Antibiotika sei in Friedenszeiten unerlässlich – und erst recht in Auseinandersetzungen. „Wenn nur das Billigste zählt, dann bekommen wir im Fall einer Krise ein Problem.“
Das Problem: Laut Saynor versteht jeder die Warnungen. Aber wenn es dann konkret ums Geld gehe, passiere gar nichts. Dabei müssten sich die Regierungen die Frage stellen, ob sie der Abwanderung einer Schlüsselindustrie weiter tatenlos zusehen wollten. „Als Unternehmen habe Sie gar keine andere Wahl: Sie müssen irgendwann Entscheidungen treffen.“
Gerade die aktuellen und anstehenden Patentabläufe seien eine Chance, um die Generikabranche zu unterstützen. Alleine die Tatsache, dass er kein deutsches Produkt in Österreich verkaufen dürfe, zeige, wie viele bürokratische Hürden nach wie vor zu beachten seien.
Die Abschottung des US-Marktes folge einer gewissen Logik, wie Jon Toomey von der Coalition for a Prosperous America erklärte. Es gehe den USA nicht um einen Krieg mit zivilen Mitteln, sondern um die Frage, wie man an Investitionen komme. Und da Neuansiedlungen von Unternehmen aufwendig seien und einen langen Zeithorizont hätten, seien im Arzneimittelbereich Anreize bei der Erstattung ein gutes Mittel.
Gleichzeitig gehe es um Versorgungssicherheit. Auch bei Heparin sei die Welt abhängig von China, so Toomey. Aus solchen Situationen wolle man sich befreien, denn es gehe um die eigene Sicherheit. „Das Billigste kann teuer werden.“
Saynor warnte davor, dass diese Haltung zu einer Kaskade führen könne, die schnell auch Europa betreffen werde. Denn wenn für Hersteller aus China oder Indien der US-Markt wegfalle, werde der europäische Markt für sie noch wichtiger. „Unsere ganze heimische Industrie würde dann im Chaos enden.“
Als Beispiel nannte der CEO den deutschen Markt: Hier werde zwar bei Ausschreibungen angeblich auch auf andere Kriterien geachtet, am Ende entscheide aber stets nur der Preis. In den anderen EU-Ländern sehe es nicht viel besser aus, was es deutlich schwieriger mache, europaweit ein Umdenken zu erzeugen.
Professor Dr. Ulrike Holzgrabe stimmte zu: Europa laufe in 22 unterschiedliche Richtungen, eine echte Antwort habe aber noch kein Mitgliedsland geliefert. In Deutschland habe man ein halbes Jahr Bevorratung vorgeschrieben. „Und was dann?“ Nur Verständnis zu zeigen, beende das Problem nicht. Man brauche endlich tragfähige Lösungen.
„Wir müssen andere Maßstäbe finden“, so Saynors Botschaft. „Die Qualität muss entscheiden – immerhin geht es um die Gesundheitsversorgung.“