Corona-Impfstoffe aus zweifelhaften Quellen

„Geisterimpfstoffe“: Graumarkt-Angebote auch in Deutschland dpa/ APOTHEKE ADHOC, 25.02.2021 16:17 Uhr

  • Dubiose Vertriebswege: Nach Erkenntnissen von EU-Ermittlern haben Regierungen in aller Welt insgesamt 400 Millionen Dosen des Covid-19-Impfstoffs von AstraZeneca aus zweifelhaften Graumarktquellen angeboten bekommen. Foto: AstraZeneca
Berlin -

Nach Erkenntnissen von EU-Ermittlern haben Regierungen in aller Welt insgesamt 400 Millionen Dosen des Covid-19-Impfstoffs von AstraZeneca aus zweifelhaften Graumarktquellen angeboten bekommen, die nicht direkt von den Herstellern kommen. „Wir nennen das Geisterimpfstoffe, also irgendwelche mehr oder weniger obskuren Angebote, die auch schon an viele Staats- und Regierungschefs wohl gegangen sind“, hieß es am Donnerstag aus Kreisen der EU-Kommission. Die EU-Anti-Betrugsbehörde Olaf und die Strafverfolgungsbehörde Europol hätten Ermittlungen aufgenommen.

Den Angaben zufolge wird das Thema auch bei dem Videogipfel der Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union am Donnerstag zur Sprache kommen. Nach Schätzungen von Olaf seien 400 Millionen Dosen im Wert von bis zu drei Milliarden Euro angeboten worden, von denen man aber nicht genau wisse, ob es sich um echten Impfstoff handele, hieß es weiter. Es könne auch „Salzwasser in kleinen Fläschchen“ sein.

Auch dem Land Nordrhein-Westfalen ist der Impfstoff auf obskuren Vertriebswegen in einer rechtlichen Grauzone angeboten worden. „Das Gesundheitsministerium hat das in höchstem Maße zweifelhafte Angebot nicht weiterverfolgt“, berichtete ein Sprecher am Donnerstag in Düsseldorf. Die Bild-Zeitung berichtete am Donnerstag, ein „in vielen deutschen Behörden vernetzter Vermittler aus NRW“ habe vor wenigen Tagen zahlreichen Regierungen per E-Mail allein 100 Millionen Dosen des Impfstoffs des britisch-schwedischen Herstellers angeboten. Ob es sich bei dem Anbieter, der auf dem Graumarkt an das Land NRW herangetreten sei, um denselben Vermittler handele, sei dem Landesgesundheitsministerium nicht bekannt, erklärte ein Sprecher.

Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums bestätigte dem Bild-Bericht zufolge allgemein, dass auch die Bundesregierung in den vergangenen Wochen etliche Angebote „unterschiedlicher Seriosität“ von privaten Impfstoffvermittlern erhalten habe. Deutschland, das an den EU-Beschaffungsmechanismus gebunden sei, habe aber keines dieser Angebote angenommen.

Laut Bild sieht es in einigen Fällen tatsächlich danach aus, dass die Impfstoffe aus Produktionsstätten des Herstellers in Großbritannien stammen. Angeblich seien sie Teil von Kontingenten die an Investoren gingen. Aus dem Angebot, das der Zeitung vorliegt, gehe hervor, dass die Anbieter eine Mindestbestellmenge von einer Million Dosen verlangen und das Kaufinteresse schriftlich mit Autorisierung der Regierung oder des zuständigen Ministeriums inklusive einer Banksicherheit erfolgen müsse. Die Lieferungen könnten demnach in Teilmengen erfolgen, jedoch sicher im Februar und März 2021. Als Sicherheit sollen die Kaufinteressenten vom Hersteller vorab Chargennummern und Haltbarkeitsdatum erfahren. Ein Preis werde in dem Angebot nicht genannt.

In der vergangenen Woche hatte Bild berichtet, dass Corona-Impfstoffe auf dem Graumarkt unter anderem in Italien angeboten worden seien, illegal exportiert von Fabriken in Indien, die ihn in Lizenz herstellten. Demnach hatte der Regionalpräsident von Venetien, Luca Zaia (52, Lega), offenes Kaufinteresse signalisiert. Nach eigener Darstellung waren Zaia von zwei Anbietern insgesamt 27 Millionen Dosen Biontech-Impfstoff angeboten worden, darunter auch von einem Vermittler, der vergangenes Frühjahr Schutz-Ausrüstung und Beatmungsgeräte geliefert habe. Zaia bemühe sich bisher vergebens um eine Genehmigung für den Deal aus Rom.

Laut Bericht hatten auch die Lombardei und Emilia Romagna bestätigt, dass sie Angebote vom Graumarkt bekommen hätten. Zweifel gebe es aber an der kolportierten Menge, die weder ohne Weiteres zu beschaffen noch unter den extremen Bedingungen zu transportieren sei. Außerdem habe das Gesundheitsministerium Bedenken angemeldet, dass der Impfstoff noch den Anforderungen genüge. Auch in Tschechien sei es zu ähnlichen Vorkommnissen gekommen. So habe der tschechische Regierungschef Andrej Babiš (66) behauptet, dass er und drei weitere Regierungschefs der EU Angebote für zusätzlichen AstraZeneca-Impfstoff erhalten hätten, unter anderem aus Dubai.