EU-Gesundheitsminister beraten

Coronavirus: Polizeischutz für Apotheken? APOTHEKE ADHOC/ dpa, 25.02.2020 09:14 Uhr

  • Zwischen Beruhigungs- und Sicherheitsmaßnahmen: Die europäischen Gesundheitsminister versuchen, sich für weitere Ausbrüche des Coronavirus zu wappnen. Foto: SamaraHeisz5/shutterstock.com

Berlin - Die Nervosität steigt: Nachdem ein Ausbruch des Coronavirus in Italien kaum unter Kontrolle zu bringen scheint, versuchen sich andere europäische Staaten für eine mögliche Ankunft des neuartigen Erregers zu wappnen. Das Robert Koch-Institut (RKI) erwartet hierzulande keine Abriegelung von ganzen Städten wie in Italien, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und seine bayerische Amtskollegin Melanie Huml (CSU) äußern sich da schon offener. Und in Österreich bringt die Polizei bereits Schutzmaßnahmen für Apotheken ins Gespräch.

Angesichts der raschen Ausbreitung des neuen Coronavirus in Italien berät die italienische Regierung an diesem Dienstag mit den Nachbarländern und Deutschland die Lage. Auch Spahn reist dazu nach Rom. An dem Treffen am Nachmittag sollen neben dem Gastgeber zudem seine Kollegen aus Slowenien, Frankreich, der Schweiz und Österreich teilnehmen. In Italien sind nach Behördenangaben bis zum frühen Montagabend mindestens sieben Infizierte gestorben – alle hatten demnach Vorerkrankungen.

Mehr als 220 Infizierte in Italien

Die Zahl der Infektionsnachweise stieg trotz drastischer Maßnahmen wie Sperrzonen auf mehr als 220, wie Zivilschutzchef Angelo Borrelli am Abend in Rom sagte. Mehr als 25 Menschen seien auf der Intensivstation. Am Vorabend waren es noch rund 150 gemeldete Infizierte. Italien ist aktuell mit Abstand das Land mit den meisten erfassten Fällen in Europa. In der besonders schwer betroffenen Lombardei wurden zehn Gemeinden in der Provinz Lodi zu Sperrzonen erklärt. Dort kontrollieren Sicherheitskräfte, wer rein und raus darf.

Erwartet wird, dass die Minister bei ihrem Treffen in Rom Reaktionen auf die Ausbreitung des Virus beraten. Der italienische Zivilschutz und die Regierung in Rom hatten sich bereits gegen Grenzschließungen ausgesprochen. Dies sei rechtlich zwar machbar, bringe aber keinen praktischen Nutzen, so der Zivilschutz. Spahn sagte am Montag, ein Virus mache an Landesgrenzen nicht halt. Zur Frage, ob auch in Deutschland ganze Städte abgeriegelt werden könnten, meinte er, theoretisch sei Vieles denkbar. Notwendig sei so ein Schritt nicht. „Von der Absage von Großveranstaltungen [...] bis zum kompletten Abriegeln ganzer Städte gibt es ja auch noch viele Zwischenstufen.“

Aus Sicht von Sicht von Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml darf die Abschottung ganzer Städte wie jetzt in Italien nur die Ultima Ratio sein. „Bevor über die Abriegelung einer Stadt entschieden wird, sollte zunächst auf andere Lösungsmöglichkeiten gesetzt werden“, so die CSU-Politikerin. Der Schutz der Bevölkerung in Bayern habe oberste Priorität. „Deshalb können auch einschneidende Maßnahmen vorgenommen werden, um eine Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen“, so Huml. Wichtig sei aber, immer im konkreten Einzelfall zu entscheiden und mit Augenmaß vorzugehen.

RKI: Deutsche Behörden gut vorbereitet

Der Präsident des Robert Koch-Instituts, Lothar H. Wieler, geht hingegen davon aus, dass es so weit nicht kommen wird. „Quarantäne von ganzen Ortschaften kann ich mir in Deutschland nicht vorstellen“, sagte er im Heute-Journal des ZDF. Die Menschen müssten dann mit Lebensmitteln und Wasser, aber auch mit ärztlicher Hilfe versorgt werden. Das sei in einem Quarantänegebiet sehr schwierig.

Viele Menschen hierzulande seien aufmerksam und würden sich wohl rechtzeitig auf das neuartige Virus testen lassen. Sobald ein Fall entdeckt werde, würden unter anderem Kontaktpersonen gesucht, erläuterte der RKI-Chef. „Das können die deutschen Behörden, das haben sie in Bayern sehr gut gezeigt.“ Im Freistaat gab es 14 der 16 bisher in der Bundesrepublik positiv getesteten Covid-19-Patienten. So habe der Ausbruch eingedämmt werden können, sagte Wieler weiter.

Auch in Österreich sorgen sich Behörden und Bevölkerung zunehmend. Am Montagabend wurde ein Reisebus bei Allhaming angehalten, weil mehrere Patienten über Symptome klagten. Es rückten Polizisten in Schutzanzügen an, die den Bus stundenlang bewachten, bis Ärzte den Gesundheitszustand der Passagiere kontrolliert hatten. Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) hatte wenige Stunden zuvor die Öffentlichkeit mit einem Fünf-Punkte-Programm zu beruhigen versucht, das unter anderem Reisewarnungen für betroffene Gebiete, eine bessere Koordination der zuständigen Stellen und eine Informationskampagne umfasst.

„Medikamenten-Transporte und Apotheken bewachen“

„Es gibt keinen Grund zur Panik, aber natürlich braucht es einen realistischen Blick auf die Dinge“, sagte Kurz am Montagabend. Fritz Lang, Direktor des österreichischen Bundeskriminalamts und Leiter des Einsatzstabes, bringt allerdings bereits härtere Maßnahmen ins Spiel. „Es kann Quarantäne-Situationen geben und diese Szenarien gehen so weit, dass wir zum Beispiel auch Medikamenten-Transporte und Apotheken bewachen müssen“, erklärte Lang im Ö1-Morgenjournal.

Die EU-Kommission hat den 27 Mitgliedstaaten unterdessen eine gemeinsame Beschaffung von Schutzausrüstungen gegen das neue Coronavirus angeboten. Die Kommission habe die Mitglieder des Ausschusses für Gesundheitsschutz über diese Möglichkeit informiert, teilte die Brüsseler Behörde mit. Die EU-Länder hatten demnach noch bis zum Montag Zeit, ihren genauen Bedarf anzugeben. In dem Ausschuss sind Fachleute aus allen 27 Mitgliedstaaten vertreten. Sie sprachen bei ihrem Treffen am Montag in Brüssel auch über Möglichkeiten, angesichts neuer Covid-19-Erkrankungen in Italien Reisen zu beschränken und Menschen an Einreisestellen zu kontrollieren. Mehrere Länder hätten ihre Reisehinweise aktualisiert. Die Staaten wurden in der Sitzung daran erinnert, ihre Maßnahmen vorab dem Ausschuss für Gesundheitsschutz mitzuteilen, um koordiniert handeln zu können, teilte die Kommission weiter mit.

Allerdings ist die Gefahr einer Ansteckung mit dem Virus nach einer neuen EU-Einschätzung für Europäer derzeit „niedrig bis moderat“. Alle bisher berichteten Fälle in der Europäischen Union hätten klare epidemiologische Verbindungen, hieß es in einer Erklärung des ECDC. Man habe Maßnahmen ergriffen, um die weitere Ausbreitung zu begrenzen. Trotz steigender Fallzahlen in mehreren Ländern übt sich auch die WHO weiterhin in Optimismus. Es sei sehr ermutigend, dass die Fallzahlen in China zurückgingen, sagte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus am Montag in Genf. Die Ausbreitung des Virus könne noch gestoppt werden. Die Zahlen aus Italien, dem Iran und Südkorea seien gleichwohl sehr beunruhigend, sagte er. Nach WHO-Einschätzung handele es sich bislang nicht um eine Pandemie, sondern Epidemien in einzelnen Ländern.