Schulschließungen

„Systemrelevante Berufe“: Keine Notfallbetreuung für PTA? dpa/APOTHEKE ADHOC, 13.03.2020 16:31 Uhr aktualisiert am 13.03.2020 17:55 Uhr

  • Nach flächendeckenden Schulschließungen bleibt die Frage nach Kinderbetreuung vorerst offen. Eltern, die einen systemrelevanten beruf ausüben, sollen ab kommender Woche auf eine Notfallbetreuung zurückgreifen können. Foto: DAK

Berlin - Deutschlandweit werden Schulen geschlossen – angesichts der zu erwartenden Ausfälle von Arbeitnehmern hatte sich die Politik zu keiner einheitlichen Regelung durchringen können. Für „systemrelevante Berufe“ soll eine Notbetreuung organisiert werden – aber ob Apotheker, PTA und PKA dazu gehören, ist bislang nicht bekannt. Die ersten Apotheken versuchen, auf eigene Faust eine Lösung zu organisieren.

Baden-Württemberg will bei den flächendeckenden Schulschließungen ab der kommenden Woche die Betreuung von Kindern sicherstellen, deren Eltern bei Polizei, Feuerwehr oder in Krankenhäusern arbeiten. Die Aufrechterhaltung von systemrelevanten Berufen müsse gewährleistet werden. Andernfalls, so befürchten die Kultusministerien und das Bundesgesundheitsministerium, wäre der reibungslose Arbeitsablauf in Krankenhäusern und anderen medizinischen Einrichtungen gefährdet, da Personal für die Kinderbetreuung zu Hause bleiben würde.

ine explizite Liste der berücksichtigten Berufe liegt bislang nicht vor. Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) sagte am Freitag in Stuttgart, dass es eine Notfallbetreuung geben solle, wenn beide Elternteile zur Aufrechterhaltung kritischer Infrastruktur benötigt würden. Dazu zählten Polizei, Feuerwehr, der medizinische und pflegerische Bereich, die Lebensmittelproduktion, der Lebensmittelhandel sowie die Energie- und Wasserversorgung.

„Ich rufe alle Beteiligten dazu auf, in dieser Notsituation konstruktiv mitzuarbeiten“, sagte Eisenmann. Sie forderte insbesondere Lehrer auf, bei der Kinderbetreuung zu helfen, da Lehrer in der Zeit der Schulschließungen nicht offiziell im Urlaub seien. Notfalls könne sie die Lehrer dazu auch anweisen. Sie setze aber zunächst auf Freiwilligkeit. Dies sei eine Notsituation, betonte Eisenmann. Zuvor hatte die Landesregierung angekündigt, von Dienstag an alle Schulen und Kitas im Land bis zum Ende der Osterferien schließen zu wollen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen.

Eine explizite Liste der versorgungsrelevanten Berufe gibt es aktuell nicht. Diese zu erstellen, läge auch nicht im Zuständigkeitsbereich der Kultusministerien, so ein Sprecher des Kultusministeriums Bayern. Hier geht man davon aus, dass seitens der Länder Anfang nächster Woche eine Liste ausgegeben wird. Die Befürchtungen einiger Apotheker und PTA, sie würden nicht berücksichtigt werden, wies Bayern zurück: Pharmazeutisches Personal, das in öffentlichen Apotheken tätig sei, sei genauso relevant wie medizinisches Personal.

Eltern und Schulen müssten dann in enger Absprache das Vorgehen bestimmen. Aktuell scheint noch geprüft zu werden, welche Berufsgruppen Anspruch auf eine Notfallbetreuung hätten. Hierzu könnten zählen: der Gesundheits- und Pflegesektor, der Ordnungs- und Sicherheitssektor wie Feuerwehr, Polizei oder Gesundheitsämter, Arbeitnehmer der öffentlichen Daseinsvorsorge wie Fahrer des öffentlichen Verkehrs (Abfallwirtschaft), Arbeitnehmer der Energie- und Wasserwirtschaft, der Nahrungsmitteleinzelhandel und der Bildungs- und Betreuungsbereich. In den Schulen rechnet man damit, dass sehr strenge Kriterien angewendet werden. „Angehörige dieser Berufsgruppen werden dies in jedem Fall schriftlich nachweisen müssen.“

Kai-Peter Siemsen, Kammerpräsident in Hamburg, hat im „Stern“ bereits zu bedenken gegeben, wie gravierend Ausfälle für die Versorgung werden könnten: „Die Versorgung mit Schutzkleidung und Desinfektionsmitteln können wir gut in den Griff bekommen. Die größere Herausforderung sehe ich beim Personal. Denn infizierte Mitarbeiter lassen sich nur schwer ersetzen.“

Auch in den Apotheken überlegt man fieberhaft, wie man einen personellen Aderlass – auch ohne Krankheitsfälle, sondern alleine aufgrund der Schulschließungen – gerade jetzt verhindern kann. Ein Inhaber aus Norddeutschland bietet seinem Team an, die Kinder einfach mit in die Apotheke zu bringen. Abwechselnd werde sich dann ein Mitarbeiter um die Gruppe kümmern; alle Eltern sollten so viele Spiele wie möglich mitbringen. Geklärt werden muss noch, wie die Familien ohne ÖPNV überhaupt in die Apotheke kommen sollen. Ohnehin sind Gruppen gerade das Gegenteil von dem, was mit der Schließung von Schulen und Kitas erreicht werden soll. Aber in Krisenzeiten braucht es vielleicht auch Kompromisse.