Mindestabstand, Video-Screen, Plexiglas & Co.

„Wir werden uns sicher fast alle infizieren“ Alexandra Negt, 17.03.2020 10:35 Uhr

Berlin - Apothekerin Linda Wnendt hat in ihrer Ahrtor-Apotheke in Bad Neuenahr-Ahrweiler in den letzten Tagen einige Veränderungen vorgenommen. Neben allgemeinen Hinweisen als Aushang in der Offizin hat sie draußen vor der Tür einen Wartebereich eingerichtet – in der Apotheke gibt es aktuell keine Sitzmöglichkeiten mehr. Seit gestern bedienen sie und ihre Angestellten hinter Plexiglaswänden, dennoch geht die Inhaberin davon aus, dass eine Infektion kaum ausbleiben wird. Sie appelliert an die Vernunft von Kunden und Kollegen.

Linda Wnendt ist dem Vorgehen anderer Apotheken gefolgt und hat sich auch für eine zusätzliche Schutzbarriere am HV-Tisch entschieden. „Seit Montagabend arbeiten wir auch mit Plexiglaswänden. In der Marke Eigenbau kosteten mich sechs Konstruktionen für drei Arbeitsplätze über 350 Euro, dabei spreche ich vom reinen Materialwert. Die Arbeitskosten sind nicht mit einberechnet, da wir diese selber installierten.“ Als Inhaberin versucht sie ihren Angestellten den größtmöglichen Schutz zu bieten. „Draußen habe ich einen Wartebereich für Kunden eingerichtet. Die desinfizierbaren Klappstühle sind mit Hinweisschildern bestückt und wir gewährleisten so auch für unsere Kunden einen 2-Meter-Abstand trotz großen Andrangs.“

Wnendt informiert in der Apotheke an so vielen Stellen wie möglich über die einzuhaltenden Hygienemaßnahmen. „Auf meinen vier digitalen Sichtwänden läuft zurzeit keine Produktplatzierung. Nur ein Text zu Corona, mit dem Hinweis zur Einhaltung des Abstandes ist geschaltet.“ Die Kunden würden sich auch zum großen Teil an die Regeln halten. So müssen Kunden nach Ablage des Rezeptes zunächst auf eine speziell gekennzeichnete Fläche zurücktreten – dann übernimmt die PTA oder der Apotheker die Verordnung und beginnt mit der Belieferung. „Ich habe alles für die Kunden genau markiert. Die Stelle, an der das Rezept abgelegt werden kann, ist mit einem laminierten, desinfizierbaren DIN-A3-Blatt auf dem HV-Tisch gekennzeichnet.“ Was zunächst viel Arbeit gekostet hat, zahlt sich nun aus. Wnendt und ihre Mitarbeiter sind gegenüber dem Infektionsrisiko durch den Kunden nun gut aufgestellt. Demnächst werden sie im Team auch das erste mal Desinfektionsmittel selber herstellen, die Vorräte haben bislang ausgereicht. Aktuell könne man auch auf Octenisept ausweichen. Hier habe die Ahrtor-Apotheke noch ausreichenden Lagerbestand.

Anfänglich gestaltete sich die Situation zwischen den Kollegen etwas schwierig berichtet die Apothekerin. „Wenn ich mich anstecke, dann vielleicht auch bei den Kollegen. Es ist großes Bemühen nötig gewesen, um verständlich zu machen, dass man nicht nur zum Kunden, sondern auch zu entfernterer Familie und Freunden Abstand halten muss.“ Die Verhaltensweisen aus dem Job müssten im Privatleben weitestgehend fortgeführt werden. Wnendt schließt sich somit den Aussagen von Virologen und Politik an und appelliert an die Vernunft ihrer Kunden und Kollegen: Soziale Kontakte müssten für einen gewissen Zeitraum heruntergefahren werden, sodass der Anstieg der Infektionszahlen verlangsamt werden kann. „Irgendwann ändert sich auch unsere momentane Situation, dann bedienen wir als Infizierte mit Masken.“ Wnendt kann nur hoffen, dass ihr Team, im Falle einer Infektion, fit genug ist, um den Betrieb irgendwie aufrechtzuerhalten.

Die Vorkehrungen in der Ahrtor-Apotheke gelten jedoch nicht nur für die Kunden, auch der Umgang mit den Lieferanten hat sich geändert: „Auch mit den Lieferanten unserer Arzneimittel wünschen wir keinen direkten Kontakt mehr. Die Lieferanten werden gebeten, an unserem rückwertigen Eingang zu klingeln, die Ware vor der Tür stehenzulassen und zu gehen.“ Darüber hinaus beliefert die Apotheke zwei Altenheime. Diese Einrichtungen dürfen in vielen Bundesländern ab sofort keinen Besuch mehr empfangen. Auch Wnendt hat sich entschieden, die Gebäude nicht mehr zu betreten, das Infektionsrisiko sei aktuell zu hoch. „Wir beliefern zwei Altenheime, mit denen wir erstmal absprechen mussten, dass wir nicht mehr reinkommen. Nun heißt es kontaktlose Übergabe im Freien.“

Wnendt hat sich auch dafür entschieden, dass Team in zwei Gruppen einzuteilen. Sie hat zehn Angestellte, vier davon sind Approbierte, so kann sie sicherstellen, dass immer ein Apotheker vor Ort ist. „Wir arbeiten als Team in zwei Schichten, damit wir womöglich nicht alle gleichzeitig in Quarantäne müssen. Als Chefin arbeite ich das erhöhte Arbeitspensum an meinen freien Tagen – um das andere Team nicht zu treffen – in den allerfrühesten Morgenstunden zwischen 4 Uhr und 7.30 Uhr nach.“ Diese Arbeit in unabhängigen Teams ist Teil des Pandemieplans vieler Apotheken, sodass die Wahrscheinlichkeit, dass sich das gesamte Team gleichzeitig infiziert, gering zu halten. „Wir werden uns sicher fast alle infizieren, wir können es nur verlangsamen.“ Einen Aspekt führt die Apothekerin noch an: „Der Infektionen an und über die Augen wurde bislang wenig beachtet. Meine Mitarbeiter tragen alle Brillen – wenn nötig mit Fensterglas.“

Die Apothekerin macht sich natürlich auch Gedanken über die kommenden Wochen oder den Ernstfall: „Der Gedanke, aufgrund unserer Schichtarbeit Kurzarbeit zu beantragen, kommt näher. Was, wenn ich die Apotheke für 14 Tage oder länger schließen muss?“ Wnendt versucht die Arzneimittelversorgung ihrer Kunden so lange wie möglich sicherzustellen, dazu zählt auch, davon auszugehen, dass sich Mitarbeiter infizieren können: „Irgendwann ändert sich auch unsere momentane Situation, dann bedienen wir als Infizierte mit Masken.“

Die Pandemie erfordere auch eine Abwägung von Prioritäten: „In Zeiten von Corona würde ich die Dringlichkeit mancher Rezeptur-Verordnungen hinterfragen. Da wo es ein adäquates Fertigarzneimittel gibt, da sollte dieses in Absprache mit dem Arzt abgegeben werden, da wir im HV gebraucht werden.“ Die Zusammenarbeit mit den Ärzten sei aktuell sehr gut. Wnendt berichtet, dass telefonische Rücksprachen zu schnellen Lösungen führen. Die Versorgung der Altenheime sei momentan ebenfalls sichergestellt.

Ob Wnendt ihre Arbeitszeiten verkürzen wird, weiß sie aktuell noch nicht. Bisher hat die Apotheke weiterhin über Mittag geöffnet. Die Apothekerin wird jedoch, falls nötig, die Schließzeiten anpassen. Bis dahin bleibt ihr und ihrem Team nur die weitere Aufklärung der Kunden. Mit selbst gestalteten Flyern möchte die Apothekerin die Kunden sensibilisieren. Die Blätter legt sie den Kundenzeitschriften bei. Auch mit ihrem Team spricht Wnendt so häufig wie möglich, das Ziel ist, alle auf das eigene Verhalten hinzuweisen.

Die Apothekerin freut sich zumindest über das momentane Wetter: „Wir haben dank der aktuellen Temperaturen die Möglichkeit bei komplett geöffneter Tür und geöffneten Fenstern zu arbeiten.“