ApoRetro – Der satirische Wochenrücklick

Überführt: Apotheke stellt Rezeptfälscher ein 15.08.2026 07:57 Uhr

Berlin - 

Die Borstelweber-Apotheke in Wanne-Eickel hat einen neuen Mitarbeiter. Borislav Ratanovic hat zwar keine entsprechende Ausbildung abgeschlossen, doch als Rezeptfälscher bringt er Talente mit, die Inhaber Dr. Friedhelm Klöser und sein Team immer wieder zum Staunen bringen. Innerhalb weniger Stunden hat sich der Quereinsteiger im Betrieb unersetzbar gemacht. Und das kam so.

Eigentlich fing alles denkbar ungünstig an. Am Mittwochabend rief ein unbekannter Mann in der Apotheke an, um ein besonders hochpreisiges Krebsmedikament vorzubestellen. Ein Foto der Verordnung wollte er nicht schicken, stattdessen tauchte er am Donnerstag kurz vor Ladenschluss plötzlich persönlich mit dem Papierrezept auf. Weil PTA Antje – dank entsprechender Romanlektüre in Kriminalistik nicht ganz unerfahren – die Sache seltsam vorkam, vertröstete sie den Kunden auf Freitag.

Als Ratanovic dann tatsächlich erschien, um das Medikament abzuholen, schnappte die Falle zu. Während seine Approbierte die Polizei rief, führte Klöser den Delinquenten persönlich zu einem Stuhl in der Beratungsecke. „Sie warten hier“, herrschte er den überführten Straftäter mit nur minimal zittriger Stimme an. Ein wenig staunte der Apotheker über seine eigene Courage, immerhin war sein Gegenüber fast doppelt so hoch und breit wie er selbst. PKA Jessie erhielt den Auftrag, ihn nicht aus den Augen zu lassen.

Harte Schale, weicher Kern

Doch schnell stellte sich heraus, dass Ratanovic im Grunde die Sanftmut in Person ist. Außen Panzerknacker, innen Goldschatz, sozusagen. Nicht nur dass er gar nicht erst versuchte zu fliehen. Umgehend knüpfte er vielfältige Kontakte mit Belegschaft und Kunden.

Schon wenige Minuten nach der Festsetzung drang ein Kichern durch den Verkaufsraum. Klöser runzelte die Stirn, offenbar hatte seine PKA gar nicht verstanden, wie gefährlich der Muskelprotz war, mit dem sie es da zu tun hatte. Weil aber die Offizin voll mit Kundinnen und Kunden war, beließ er es vorerst bei einem strengen Blick in ihre Richtung.

Rezeptfälscher umgarnt Apothekenkundschaft

Kurz darauf erschien Oma Pachulke, um sich den Blutdruck messen zu lassen. Ratanovic machte höflich den Sitzplatz frei und legte kurzerhand die Manschette an. Das habe er schon als kleiner Junge bei seiner Tante immer gemacht, ließ er die Dame wissen, während das Rattern der Pumpe einsetzte. Da Jessie kurz ums Eck und alle PTA im Verkaufsgespräch waren, trug er die Werte in ihr Buch ein und kassierte 50 Cent. Außerdem sprach er ihr ein paar beruhigende Worte zu: Ein Schnaps am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen. Die Stammkundin lachte beherzt, dankte für den guten Service und zeigte beim Verlassen der Apotheke strahlend einen Daumen nach oben zum restlichen Team an der Kasse.

Dann sah man ihn mit einem Staubwedel am Kosmetikregal, ein paar außerordentlich erfolgreiche Verkaufsgespräche kamen auf diese Weise auch zustande. Jetzt wurde Ratanovic von einer PTA aus dem Team angesprochen: Es sei jetzt vielleicht ein wenig ungewöhnlich, aber wo er sich doch mit Fälschungen auskenne… Ob er er nicht einmal einen Blick auf ein Rezept werfen könne. Ratanovic brauchte nur Sekunden, um die Verordnung aus dem Verkehr zu ziehen.

Krimineller mit Computerwissen

Schon wurde er zu einem der Verkaufsplätze gerufen. Das System reagiere nicht mehr, die Apotheke sei doch so voll, klagte die Angestellte. „Mach ich immer Neustart“, sagte er und fummelte mit Fingerspitzengefühl an der Rückseite des PC herum. Schon nach wenigen Sekunden lief die Kasse wieder wie am Schnürchen.

Aus dem Augenwinkel sah Ratanovic noch, dass auf einem Rezept der Einnahmehinweis fehlte. „Verdammte Retax“, murmelte er und fügte mit dem Kuli ein „3 x 1“ sowie einen unleserlichen Kringel hinzu.

Zu diesem Zeitpunkt hatten zwei Mitarbeiterinnen den Chef schon zur Seite genommen und ihm von den unglaublichen Qualitäten dieses Mannes berichtet. Doch Klöser wollte davon nichts wissen: Eine derart grobschlächtige Gestalt würde ihm noch die Kunden verprellen. Höchste Zeit, dass die Polizei endlich eintreffen würde. Wo blieb die eigentlich?

Inhaber bejubelt Rezeptfälscher

Doch als die Beamten eine halbe Stunde später die Apotheke betraten, hatte es sich auch der Apotheker anders überlegt. Denn in der Zwischenzeit hatte Ratanovic auf vollkommen unerklärliche Weise noch 200 Sonnenfinsternis-Brillen abverkauft, die am Tag nach dem Spektakel in einem Karton im Backoffice entdeckt worden waren. Und weil ihm – anders als dem Apotheker – Scheine näher lagen als Münzgeld, hatte er auch noch 20 Euro pro Stück kassiert. Dieser Mann ist ein Wunder, jubelte Klöser still in sich hinein.

Wie nun aber die Kripo loswerden? Auch da musste Ratanovic nicht lange überlegen. „Ist abgehauen“, gab er zu Protokoll, nachdem er sich als Apothekenbote Jimmy vorgestellt hatte.

Aber als Fahrer ist Ratanovic nur nachmittags unterwegs. Tagsüber kontrolliert er Rezepte für die Abrechnung, pflegt das QMS und hilft dem Chef bei den (kreativen) Vorbereitungen für die Buchhaltung. Pakete von Shop Apotheke, die im Betrieb für die Anwohner im Haus abgegeben werden, verschwinden auf ungeklärte Weise. Streitigkeiten unter den Damen im Team kommen faktisch nicht mehr vor. Und auch der Pharmazierat lässt sich seltener blicken.

Fazit: Einen Ratanovic braucht jede Apotheke! Schönes Wochenende.