„Regelversorgung zum Resteverwerter gemacht“

Nur ein Vial pro Praxis – Brandbrief an die Ärzte APOTHEKE ADHOC, 10.05.2021 14:58 Uhr

  • „Gegeneinander mit unfairen Regeln“: Frank Dastych, Vorsitzender der KV Hessen, beklagt eine Benachteiligung der Arztpraxen gegenüber den Impfzentren. Foto: KV Hessen/ Carolina Ramirez
Berlin -

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) hat ihre Mitglieder aufgerufen, in der nächsten und übernächsten Woche mit Comirnaty zuvorderst Zweitimpfungen durchzuführen – für Erstimpfungen könne jeweils nur ein Vial bestellt werden. Der Führung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen ist daraufhin der Kragen geplatzt: In einem Brandbrief an ihre Mitglieder beklagt sie die Benachteiligung der Praxen durch die Politik und fordert die Ärzte auf, verstärkt auf AstraZeneca zu setzen.

Dass es in den kommenden beiden Wochen eng wird mit den Comirnaty-Impfungen, liegt laut KV nicht nur daran, „dass noch bis Ende Mai die Lieferungen des Impfstoffs von Biontech an uns weiter lächerlich niedrig bleiben“, sondern auch daran, dass die Impfzentren weiter betrieben und bevorzugt mit diesem Impfstoff beliefert würden. „Das hat dann auch nichts mehr mit einem Miteinander für den Patienten, sondern mit einem Gegeneinander mit unfairen Regeln zu tun“, so der KV-Vorsitzende Frank Dastych und sein Vize Dr. Eckhard Starke in dem Rundschreiben, das APOTHEKE ADHOC vorliegt. Das gelte besonders auch deshalb, weil nun die Gefahr bestehe, dass der vorgeschriebene Abstand von sechs Wochen zwischen Erst- und Zweitimpfung ansonsten überschritten würde.

Um das Impfschema gewährleisten zu können, sollen die Ärzte bei Ihren Bereitstellungen für die dritte und vierte Maiwoche jeweils an der Referenzwoche sechs Wochen zuvor orientieren und dabei das Zweitimpfungsrezept nutzen, da es für die in dieser Zeit formal keine individuelle Höchstbestellmenge geben wird. So hatte es kurz zuvor auch schon die KBV empfohlen. Aufgrund der prioritären Belieferung für Zweitimpfungen des Biontech-Impfstoffs werde es so allerdings folgerichtig in den letzten beide Mai-Wochen kaum Reserven für Erstimpfungen mit diesem Impfstoff geben, so die KV Hessen nun. Aus Berlin sei zu hören, dass kaum mehr als ein Vial pro Praxis dafür zu erwarten sei.

„Uns ist bewusst, dass das natürlich in erster Linie all die Praxen umfasst, die solidarisch erst einmal gewartet haben, bevor sie mit dem Impfen angefangen haben. Jetzt trifft es diese Praxen das zweite Mal“, so Dastych und Starke. „Hier rächt beziehungsweise bestätigt sich die von uns immer kritisierte Politik, bei der das Bundesgesundheitsministerium (BMG) und vor allem gewisse, an ihren Impfzentren klebende Landesregierungen die Regelversorgung quasi zum Resteverwerter gemacht haben. Schlimmstenfalls erleben wir sogar die oben beschriebene Situation, dass in unseren Praxen Zweitimpfungen ausfallen, während die Impfzentren lustig weiter Erstimpfungen durchführen.“

Sollte in einer Praxis nicht genug Impfstoff für alle Zweitimpfungen zur Verfügung gestellt werden, solle die unverzüglich die KV informieren. Bereits Anfang Juni soll sich die Liefersituation bei Biontech wieder verbessern – offenbar gibt die KV aber nicht mehr viel auf solche Ankündigungen des BMG, denn „auch hier muss sich die Verlässlichkeit dieser Auskunft erst noch erweisen. Bitte berücksichtigen Sie dies unbedingt bei Ihren Planungen.“ Die KV Hessen setzt jedenfalls nicht darauf, dass das BMG auf die kommenden Wochen vorbereitet ist: „Lassen Sie uns daher hoffen, dass wenigstens dieses Mal das BMG endlich einmal die Lieferungen realisiert, die es immer verspricht. Denn im Juli soll ja angeblich beziehungsweise zusätzlich die gesamte Priorisierung fallen und jeder ein Impfangebot bekommen.“ Allerdings bräuchte dafür es nach KV-Berechnungen wöchentlich sechs bis acht Millionen Impfdosen bundesweit, um dies auch zeitnah umzusetzen. „Ob das BMG das weiß?“, so Dastych und Starke.

Eine verfügbare Alternative zu Comirnaty wäre demnach der AstraZeneca-Impfstoff – doch den wollen viele Menschen nicht. Die Probleme rund um Vaxzevria seien der KV nur allzu bewusst. „Wer aufmerksam unsere Rundschreiben liest, merkt, wie sehr wir an dieser Stelle ‚herumeiern‘ müssen“, schreibt sie. Auf der einen Seite stehe ein guter und hochwirksamer Impfstoff, auf der anderen Seite „ein katastrophales Image und die damit verbundenen Kollateralprobleme bei der Verimpfung in den Praxen. „Wir haben deshalb größtes Verständnis für die Zurückhaltung der einen oder anderen Kollegin beziehungsweise des einen oder anderen Kollegen, was den Einsatz dieses Impfstoffs angeht. Der zusätzliche Beratungsaufwand ist teilweise enorm und wird nicht abgebildet.“ Auch deshalb scheinen manche Ärzte auf den Einsatz nur noch eines Impfstoffs in ihrer Praxis umgestellt zu haben. „Dazu kommt, dass AstraZeneca nicht gerade der Hersteller ist, der am zuverlässigsten liefert. Das ist angesichts der Gesamtlage, für die wir die Verantwortlichen wohl nicht noch einmal benennen müssen, mehr als verständlich und nachvollziehbar.“

Trotzdem wolle die KV noch einmal das Augenmerk ihrer Mitglieder auf den Impfstoff lenken, denn bei dem gebe es keine Priorisierung mehr zu berücksichtigen und auch das Thema der Arzthaftung bei Impfschäden sei mittlerweile ausgeräumt. „Und es ist absehbar wirklich genug Vaxzevria da! Sie können mit diesem Impfstoff also nun endlich das tun, was eigentlich für die Pandemiebekämpfung notwendig ist, also alle Ihre Patienten impfen, impfen und impfen. All die, die auch nur irgendwie dafür in Frage kommen und es wollen. Und Sie können die Mengen auch bestellen.“

Allerdings sieht die KV auch hier wieder die Ärzte ungerecht behandelt, denn es sei „es an Absurdität kaum zu überbieten […], wenn sich ehrenwerte Impfzentren und damit auch in erster Linie das hessische Innenministerium bei Vaxzevria erst einen schlanken Fuß und dann vom Acker machen, sich dann aber bei uns beschweren, wir würden den Impfstoff nicht genug verimpfen“, schreiben Dastyh und Starke. „Wenn die Politik schon ihrer Verantwortung in der Pandemiebekämpfung nur unzureichend nachkommt, sollten wir versuchen, es im Interesse unserer Patienten und der Bekämpfung der Pandemie besser zu machen.“