Notdienst: Apotheker hilft verzweifelter Mutter 28.02.2026 08:58 Uhr
Es ist ein Horrorszenario: Ein zweijähriges Kind erbricht seit Stunden immer wieder – aber der ärztliche Bereitschaftsdienst geht nicht ans Telefon. Eine junge Mutter wendet sich in ihrer Verzweiflung um zwei Uhr nachts telefonisch an Apothekeninhaber Dr. Clemens Hock. Dessen Abtei-Apotheke im rund 30 Minuten entfernten unterfränkischen Amorbach hat Notdienst. „Zum Glück rief sie bei mir an und ließ sich zunächst ausführlich am Telefon beraten.“ Dennoch kamen die Eltern um den langen Fahrtweg nicht herum.
Um 2 Uhr nachts klingelte das Telefon im Notdienst. Am anderen Ende: Eine junge Mutter, deren Kind zu diesem Zeitpunkt seit nunmehr zwei Stunden immer wieder erbrochen hatte. Während die junge Frau im Gespräch mit Hock war, hörte der im Hintergrund die Warteschleifenmusik des ärztlichen Bereitschaftsdienstes. „Dort versuchte sie bereits seit 20 Minuten durchzukommen.“
Der Apotheker musste entscheiden, ob das Zweijährige ins Krankenhaus müsste oder ob gar ein Notarzt gebraucht werde. „Genau diese Fragen wollte sie ja beantwortet haben.“ Darin erkenne er zwar durchaus seine Aufgabe, nur: „Sie hat ja nicht ohne Grund den ärztlichen Bereitschaftsdienst angerufen. Wenn Eltern schon eine Eskalationsstufe höher sind, dann aber zur Not auf mich zurückgreifen, weil die anderen nicht rangehen, dann ist das nicht im Sinne des Systems.“
Mutter in Notsituation
Der ärztliche Bereitschaftsdienst in Bayern hat eine Sammelnummer, von der aus Betroffene dann weitergeleitet werden. „Die müssen doch rangehen. Wenn ich bei der Feuerwehr anrufe, brauche ich die auch nicht erst am nächsten Tag.“
Die junge Mutter habe in ihrer Situation dringend eine Ersteinschätzung gebraucht. „Ich sage nicht, dass da einer hätte losfahren müssen. Aber es muss doch jemand erreichbar sein, der halbwegs kompetent ist, die Situation einschätzen kann und sagt: Arztkonsultation ja oder nein – oder gehen Sie in die Apotheke und besorgen Sie sich ein Antiemetikum.“
Letztlich habe es sich zwar „nur“ um Erbrechen gehandelt. „Aber bei einem relativ kleinen Kind kann das schon zu einer bedrohlichen Lage führen – und junge Eltern in größte Sorge versetzen“, so Hock.
Vater nimmt Fahrtweg auf sich
Schlussendlich machte sich der Vater des Kindes auf den Weg. Hocks Apotheke liegt im Dreiländereck von Bayern, Baden-Württemberg und Hessen. „Der Ort, aus dem die junge Mutter mich anrief, war mir nicht geläufig“, erklärt der Inhaber. So groß sei sein Einzugsgebiet mittlerweile. Vom Wohnort der Anruferin aus war Hocks Apotheke die nächstgelegene.
„Insgesamt hat es eine Stunde gedauert, bis der Vater ankam – also auch eine Stunde, in der ich wach war.“ Gegen drei Uhr traf der Mann bei ihm ein. „Da macht man sich natürlich auch selbst Sorgen, was jetzt gerade mit dem Kind passiert.“ Im Notdienst müsse sich auch immer die Frage gestellt werden, ob die Personen letzten Endes wirklich in die Apotheke kommen, betont Hock.
„Eine Schande für unser System“
„Als er bei mir eintraf, erklärte er mir, dass sie mittlerweile beim Bereitschaftsdienst durchgekommen seien. Da war vermutlich schon über eine halbe Stunde um – und er auf dem Weg zu mir. Das ist eine Schande für unser System.“ Die Fahrt musste dann natürlich noch einmal bewältigt werden. „In der Zeit geht es dem Kind ja auch nicht besser – und die Mutter war in großer Sorge. Die wird nicht kleiner, wenn der Vater unterwegs ist.“
Empfohlen habe Hock letztlich Zäpfchen, aber auch einen antiemetischen Saft abgegeben, „weil der Vater unbedingt beides wollte, um zu Hause entscheiden zu können.“
Wie die Sache ausgegangen ist, wisse er nicht. „Ich habe nach bestem Wissen versorgt und mich relativ lang mit der Mutter unterhalten, um das Risiko einschätzen zu können.“ In der Nacht habe er dann nichts mehr von der kleinen Familie gehört. „Bei dem langen Anfahrtsweg werden sie sicher nicht wiederkommen.“
Längere Fahrtwege wegen mangelnder Honorierung
Hock selbst hat einen 36-Stunden-Dienst hinter sich. „Mich stört, dass wir rumkrebsen mit unserem Honorar und deshalb eine Mutter so einen weiten Weg hat. Früher hätte es auf dem Weg zu mir wahrscheinlich noch zwei andere Apotheken gegeben.“
In keiner anderen Branche müssten derartige Dienste gestemmt werden. „Aber das interessiert niemanden. Das wird von Selbstständigen so erwartet, aber es wird überhaupt nicht honoriert – und wenn es nicht honoriert wird, dann kann man auch nicht sagen: ‚Ich gönne mir den Luxus und setze einen Approbierten ein‘. Ein Angestellter brauche seine Ruhezeiten und müsse für die 36 Stunden ordnungsgemäß bezahlt werden. „Wenn ich aber selbst rumknapsen muss, damit ich über die Runden komme, dann ist dieser Luxus einfach nicht drin.“