ApoRetrO – der satirische Wochenrückblick

Kommissionierer seit einem Jahr defekt: PKA rettet Apotheke 17.01.2026 09:32 Uhr

Berlin - 

Sie kosten ein halbes Vermögen und haben das Potenzial den Betrieb vollständig lahmzulegen: Kommissionierer. Ein Apothekenteam aus Ostfriesland wartet seit einem Jahr auf die Reparatur ihres technischen Ungetüms. Dank eines glücklichen Händchens bei der Neueinstellung ist das Problem jedoch vollständig in den Hintergrund gerückt. Die defekte Viertelmillionen-Euro-Maschine dient nun einfach als artgerechter Wirkbereich für die neue PKA Birgit Maier, die ohnehin schneller denkt als jede Glasfaserleitung.

„Atorvastatin die 98er, mit Verfall 6/28, hammwa da, 5 Euro Zuzahlung, abholbereit in 15 Minuten, ihre Nummer ist die 26117-334, schönen Tag noch!“ Knallharte Telefonansagen wie diese sind für Kundinnen und Kunden der Apotheke in Groß Holum mittlerweile alltäglich. Seit der hochmoderne Kommissionierer vor einem Jahr den Geist aufgab, bediente das Apothekenteam zuerst aus Großhandelswannen heraus – noch mit der Hoffnung verknüpft, dass der Anbieter die hochpreisige Supermaschine reparieren würde.

Aus Tagen wurden Wochen. Aus Wochen wurden Monate. Aus „der gewünschte Teilnehmer antwortet nicht“ wurde „kein Anschluss unter dieser Nummer“. Während der Hersteller die Evolution der Nichterreichbarkeit auch über alle anderen Kommuniktionswege bis zur vollständigen Transzendenz vollendete, trat PKA Birgit Maier in das Leben des Teams.

PKA als fleischgewordene Recheneinheit

Vorgestellt hatte sie sich mit einem ausgewaschen „Wetten, dass …“-T-Shirt. Leider hatte sie es zu Lebzeiten des Formats nicht in die Sendung geschafft; einem 12-Jährigen, der Buntstifte am Geschmack erkennen konnte, war Vorzug gewährt worden. Auf das Kleidungsstück angesprochen erklärte Sie Inhaber Hans-Rudolf Birkenstock ihre besondere Fähigkeiten – der Rest ist gelebte Realität. „Birgit, haben wir Simvastatin XY-Pharma die 28er da? Verfall nicht vor 1/30?“ – „Hammwa da, 5 Euro Zuzahlung, soll aber das Rezept mitbringen, der hat einen Vermerk im Kundenkonto wegen Unzuverlässigkeit, 29.11.2025, 17.56 Uhr“.

Die neue Mitarbeiterin ist kein einfacher Personalzugang, sondern ein biologisches Firmware-Update auf zwei Beinen. Seit sie da ist, fungiert das Gehäuse des defekten Viertelmillionen-Euro-Kommissionierers nur noch als ihr ergonomischer Wirkbereich. Mit einer Inselbegabung gesegnet, die jeden Großrechner vor Scham in den Standby-Modus versetzt, hat sie ihr Langzeitgedächtnis in eine lebende SQL-Datenbank verwandelt. Ein kurzer Augenscan der Packung genügt, und Birgit hat Verfalldatum, Preis und Rabattvertrag im neuronalen Cache gespeichert, noch bevor die PTA das Wort „Lieferengpass“ auch nur buchstabieren kann.

Mit dem Charme einer Drive-in-Schichtleiterin

Für Außenstehende muss sie über eine neuronale Cloud-Anbindung an sämtliche Kassenärztlichen Vereinigungen verfügen – anders ist diese Rechenleistung nicht zu erklären. Den einst hochmodernen Automaten hat sie nach eigenem Gusto umgerüstet. Die Arzneimittel lagern dort nun nicht mehr in profaner alphabetischer Ordnung, sondern in einer undurchsichtigen Matrix aus Verfall, Indikation und Ombre-Farbverlauf, die außer ihr niemand auch nur im Ansatz versteht.

Auf einem kleinen Rollhöckerchen gleitet sie wie eine Eiskunstläuferin im Präzisionsrausch durch die engen Passagen der Viertelmillioneninvestition. In den Regalen spielt sie ein menschliches ‚Heißer Draht‘-Spiel: Zentimetergenau manövriert sich sich durch das mechanische Relikten zu den einzelnen Packungen, ohne das Gehäuse auch nur zu touchieren. Besonders heikle Umverpackungen saugt sie mittels Strohhalm-Vakuum-Technik an. Der Grund ist einfach wie banal: Aus Vorschriftsgründen steht der Automat noch immer unter Strom. Klingt komisch, ist aber so.

Birgits Ausstattung lässt jedenfalls jede Spezialeinheit blass aussehen. Bewaffnet mit Greifzange, Lineal und besagtem Strohhalm koordiniert sie das geordnete Chaos. Das Headset, mit dem sie auch die verwegenste Kundschaft in Grund und Boden berät, verleiht ihr den verwegenen Charme einer Drive-in-Schichtleiterin.

PKA rettet Versorgung

Die Effizienz der kaputten Hardware hat sie längst deklassiert. Während der obligatorische Wartungsvertrag des unbekannt verzogenen Herstellers noch in der Fax-Warteschleife hängt, hat Birgit das gewünschte Präparat bereits per punktgenauem Unterarmwurf in die Ausgabeschale befördert. Die Packung inklusive handschriftlicher Notiz an die Kollegin landet derart schnell in der Offizin, dass die Photonen in der Glasfaserleitung noch vor Atemlosigkeit glühen.

Die PKA ist damit zur Überlebensversicherung der Branche aufgestiegen. Während in einer anderen Apotheke gestern Abend bereits ein leichtes Ruckeln am Automaten für akute Verunsicherung und Schnappatmung sorgte, bildet Birgit dort nun das Personal für den Ernstfall aus. Die ersten Berliner Apotheken haben bereits angefragt: Sie wollen die PKA als lebendes Notstromaggregat für den Blackoutfall buchen. Wenn die moderne Technik endgültig den Geist aufgibt, bleibt nur noch eine Hoffnung – Personal, das den Laden am Laufen hält.

Apotheken geht es gut

Tatsächlich befindet sich die Königstor-Apotheke in Minden wegen eines defekten Kommissionierers seit einem Monat im Notbetrieb. Die Nerven liegen blank. Inhaber Günter Stange kritisiert in diesem Zusammenhang den mangelhaften Kundendienst des Automatenherstellers und hält eine Erschwerniszulage für gerechtfertigt. Dabei gibt es für Apotheken eigentlich Grund zum Aufatmen: Zwar bewegt sich die Zahl der Apotheken in Deutschland weiter kontinuierlich nach unten. Der GKV-Spitzenverband gibt trotzdem Entwarnung: Den Apotheken gehe es insgesamt gut.

Das bedeutet aber noch lange nicht, dass Vor-Ort-Apotheken einen guten Job machen. Laut einer Stichprobe des NDR-Formats „Markt“ beraten nur zwei von zehn Apotheken gut. „In den anderen hatten wir den Eindruck, dass es eher ums Verkaufen ging.“ Außerdem gab das Landgericht Berlin einer Klage des Verbraucherzentrale Bundesverbands gegen Doctolib statt: Die hatte wegen Irreführung bezüglich Selbstzahlerterminen geklagt.

Auch untersagt wurde Werbung der Cannabisplattform Bloomweel. „Rezept jetzt kostenlos & Blüten bequem geliefert“ – Mit diesem Slogan warb diese bislang. Das Landgericht Frankfurt (LG) untersagte in dieser Woche diese Werbung im Eilverfahren – genauso wie die Reklame mit Rapper Sido.

In diesem Sinne: Ein schönes Wochenende!