Praktikumserlaubnis

Zwangspause für Flüchtlingsapotheker Silvia Meixner, 06.06.2017 14:33 Uhr

Berlin - 

Welle der Empörung und Unterstützung bei Facebook: Weil dem afghanischen Pharmazeuten Bahir Barna ein Dokument fehlt, darf er seine Arbeit in der Bären-Apotheke in Erkrath nicht fortsetzen. Chef, Kunden, Kollegen – alle sind hochzufrieden mit dem Mitarbeiter aus Kabul. Nur der deutsche Amtsschimmel wiehert – und entzieht dem Mann kurzerhand die Praktikumserlaubnis. Das Posting wurde bisher über 42.000 Mal geteilt, es gibt über 3000 Kommentare.

„Wir haben ein Schreiben von der Bezirksregierung erhalten, dass ein Dokument fehlt“, sagt Apotheker Wolfgang Wittig. „Leider ist das Schreiben so formuliert, dass wir es nicht ganz verstanden haben und die Behörde ist nur zweimal in der Woche erreichbar. Wir versuchen jetzt herauszufinden, was genau fehlt und was wir tun können. Offenbar stimmt etwas mit dem Zeugnis der Uni Kabul nicht, möglicherweise entspricht der Master of Pharmacy nicht unserem deutschen Staatsexamen.“ Bahir Barna hätte sein Praktikum gerne fortgesetzt, zum 1. Juni wurde es amtlich beendet.

Sein Chef erzählte den Fall auf Facebook und löste damit eine Kommentarflut aus: „Herr Barna hat sich die letzten sieben Monate auf seine Gleichwertigkeitsprüfung zur Anerkennung seines pharmazeutischen Abschlusses der Uni Kabul vorbereitet. Dazu hatte er eine Arbeitserlaubnis von der Bezirksregierung Düsseldorf, um als Apotheker unter Aufsicht arbeiten zu dürfen. Viele von Euch haben erlebt, wie Herr Barna in sehr gutem Deutsch fundiert zu allen Arzneimittelfragen beraten hat. Eigentlich stand der Prüfung nichts mehr im Weg und er hätte in Kürze als Apotheker arbeiten dürfen.

Wenn wir es richtig verstehen, ist nun jedoch letzten Monat jemandem aufgefallen, dass ein notwendiges Dokument fehlt und eigentlich auch keine Arbeitserlaubnis hätte ausgestellt werden dürfen. Eine Behörde in Berlin soll sich nun darum kümmern, dass das Dokument aus Kabul neu angefordert wird. Ob das wirklich funktioniert und wie lange das dauert, kann uns leider niemand sagen und Herr Barna bekommt in der Zwischenzeit auch keine Verlängerung seiner Arbeitserlaubnis, um wenigstens sein Praktikum bei uns fortsetzen zu dürfen.“

Der Apotheker bleibt in seinem Posting optimistisch: „Wir danken Herrn Barna für sein hervorragendes Engagement und hoffen sehr, dass wir ihn bald zur Approbation als Apotheker beglückwünschen dürfen.“

Bei Facebook schlägt der Fall hohe Wellen, in der Bären-Apotheke stehen die Telefone nicht mehr still. Menschen bieten Hilfe an, äußern ihre Empörung. Wir sichten derzeit alles, es sind 500 Kommentare und 30 private Nachrichten, wir haben unter anderem Adressen von Anwälten bekommen“, sagt Wittig.

Direkt bedroht von einer Abschiebung ist Bahir Barna glücklicherweise nicht. „Er hat einen Aufenthaltstitel und eine deutsche Arbeitserlaubnis, darf aufgrund des fehlenden Dokumentes allerdings nicht in der Apotheke arbeiten“, erläutert Wittig. Und fügt resigniert hinzu: „Er könnte Taxi fahren...“

Die Unterstützung der Facebook-Gemeinde ist ermutigend. „Nicht aufgeben – viel Erfolg“, postet zum Beispiel ein Facebook-User. Die Politik bleibt nicht von Häme verschont: „Afghanistan ist ein sicheres Herkunftsland. Da könnte doch ein deutscher Regierungsbeamter hinfahren und das Papier besorgen. ...lol“, postet ein Freund. Eine Freundin schreibt: „Es ist zum Kotzen. Immer wieder diese Sesselpupser. Ich flipp aus.“ Eine andere Frau postet: „Ich finde es einfach nur beschämend...da lässt man den Mann arbeiten...um dann kurz vor Schluss zu bemerken, dass da ein Dokument fehlt. Normal ist das doch nun wirklich nicht. Ich drücke dem Herrn alle Daumen, dass das Amt es so schnell wie möglich behebt und er als Apotheker arbeiten kann.“

Viele Apotheker freuen sich angesichts des Fachkräftemangels, wenn sie Bewerbungen von Menschen bekommen, die aus ihrer Heimat flüchten mussten. Dass es auch anders geht, beweist zum Beispiel dieser Fall aus Dresden: Bashar Hussein, Apotheker aus Palästina, hat kürzlich seine Gleichwertigkeitsprüfung bestanden. Auch in seinem Fall war die Anteilnahme der Facebook-Gemeinde überwältigend, als die Besitzerin der Ostend-Apotheke die bestandene Prüfung verkündete, gab es über 3400 Likes. Hussein kam vor knapp zwei Jahren als Flüchtling aus Palästina nach Deutschland, eine Kundin, bei der er anfangs wohnte, empfahl den jungen Mann in ihrer Lieblingsapotheke.

Als er ankam, sprach der 28-Jährige kein Wort Deutsch. In jeder freien Minute lernte er mit Hilfe seines Smartphones mit Youtube-Videos Deutsch. Viele Menschen halfen ihm, die bürokratischen Hürden zu überwinden. Nach seiner Hospitanz zog er nach Frankfurt, wo ein Teil seiner Familie lebt - die Dresdner vermissen ihn.