Landversorgung

Erste „OhneArztPraxis“ öffnet in Baden-Württemberg Lothar Klein, 24.07.2019 15:06 Uhr

  • OhneArztPraxis: „Die medizinischen Fachangestellten führen die Tätigkeiten im Rahmen der ärztlichen Delegation für die teilnehmenden Ärzte aus“, so Dr. Tobias Gantner. Foto: HealthCare Futurists GmbH

Berlin - Baden-Württemberg ist wieder einmal Vorreiter bei der Digitalisierung: Nach mehreren Modellversuchen mit der Telemedizin starten demnächst die ersten Praxen Deutschlands, die nicht von Ärzten, sondern von medizinischen Fachangestellten geführt werden. Nach zweijähriger Vorbereitungszeit öffnen ab Oktober in den Gemeinden Spiegelberg im Rems-Murr-Kreis und Zweiflingen im Hohenlohekreis an zwei sogenannte „OhneArztPraxien“ von TeleMedicon.

Die Praxen sind mit speziellen telemedizinischen Geräten ausgestattet, die es den mitwirkenden Haus- und Fachärzten erlauben, sowohl eine Video-Sprechstunde mit den Patienten als auch eine große Anzahl diagnostischer Verfahren telemedizinisch durchzuführen. Damit sollen bereits bestehende oder drohende Versorgungslücken im ländlichen Raum geschlossen werden. Die beiden „OhneArztPraxen“ werden gemeinsam von zwei niedergelassenen Ärzten der Region betreut. Es werden in ersten Schritt nur Patienten telemedizinisch betreut, die den Ärzten bereits bekannt sind. Die Genehmigung für telemedizinischen Behandlung von neuen Patienten muss erst noch beantragt werden. Das soll demnächst bei der Ärztekammer des Landes erfolgen.

„Die medizinischen Fachangestellten führen die Tätigkeiten im Rahmen der ärztlichen Delegation für die teilnehmenden Ärzte aus“, so Dr. Tobias Gantner, Gründer und Geschäftsführer der PhilonMed, die das Konzept der TeleMedicon Praxen umsetzt. „Ein Ersetzen der ärztlichen Tätigkeiten durch andere medizinische Fachberufe ist nicht vorgesehen“, so der Arzt, Jurist und Gesundheitsökonom.

Die politischen und gesetzlichen Entwicklungen der vergangenen beiden Jahre machten das Projekt in dieser Form erstmalig möglich. Inzwischen sind ausschließliche Fernbehandlungen nicht nur nach der ärztlichen Berufsordnung erlaubt, sondern seit einigen Monaten können diese auch über die kassenärztlichen Vereinigungen mit den Krankenkassen abgerechnet werden. Zumindest, solange Arzt und Patient sich bereits aus vorherigen Behandlungen persönlich kennen. „Das ist der Kern des Konzepts der sogenannten „OhneArztPraxen“: Wenn der telemedizinische Patientenkontakt nicht mehr ausreicht, ist der Arzt aufgrund der kurzen Entfernungen auch kurzfristig persönlich erreichbar“, so Gantner. „Insoweit unterscheidet sich dieses Projekt von rein telemedizinischen Ansätzen, bei denen die behandelnden Ärzte irgendwo in Deutschland oder sogar im Ausland sitzen.“

Dr. Jens Steinat, Inhaber einer hausärztlichen Praxis im Nachbarort Oppenweiler, ist einer der ersten Ärzte, die sich für die Teilnahme an dem Projekt entschieden haben. „Wir versorgen bereits jetzt die Nachbargemeinden mit geringer Arztdichte oder fehlenden Hausärzten mit“, so der Arzt. „Wir wollen unseren Patienten ergänzend eine zukunftsfähige und innovative Versorgung mit telemedizinischen Möglichkeiten bieten, zusammen mit einem jederzeit möglichen persönlichen Arzt-Patientenkontakt.“ Technisch sei die Telemedizin heute bereits so weit entwickelt, dass für viele Untersuchungen gar kein persönlicher Kontakt mehr nötig ist. So übertrügen Stethoskope die Herz- und Lungentöne über sichere Kommunikationsleitungen an entfernte Standorte, wo der Arzt sie befunden kann.

„Das Projekt ist auf die Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger vor Ort und der Gemeinden angewiesen“, sagt Uwe Bossert, der Spiegelberger Bürgermeister. „Wir unterstützen es durch die Bereitstellung der Räumlichkeiten und der Geräteausstattung, denn eine ärztliche Versorgungsmöglichkeit im Ort halten wir für sehr wichtig.“ Die medizinische Diagnostik und Behandlung sei dabei nur ein erster Schritt. Das Konzept sehe vor, auch die Versorgung mit Arzneimitteln über elektronische Rezepte und Botendienste sicherzustellen. Auch weitere medizinische Dienstleistungen wie ein Sanitätsfachhandel oder Physiotherapie sind denkbar.

Gefördert wird das Vorhabens in Höhe von knapp 200.000 Euro aus Mitteln des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Die Projektträgerschaft erfolgt über die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) im Rahmen des Bundesprogramms für ländliche Entwicklung. Über die politischen Standesorganisationen und Ministerien werden aktuell in vielen Regionen Deutschlands bereits Gespräche über weitere mögliche Standorte der TeleMedicon-Praxen geführt. „Moderne ersorgungskonzepte helfen den Regionen dabei, mit den Städten gleichzuziehen oder hier sogar eine bessere Versorgung anzubieten“, so Gantner.