E-Rezept & Co.

„Die Kunden werden nicht auf Apotheken warten“ Patrick Hollstein, 14.10.2019 10:29 Uhr

Berlin - Das E-Rezept kommt – und damit werden die Karten neu gemischt. Denn es geht nicht nur darum, dass Zettel durch QR-Codes ersetzt werden: Weil der Patient eine neue Souveränität bekomme, werde sich im Wettbewerb der Angebote die Qualität der Versorgung verbessern, gaben Dr. Cristina Koehn (Kry), Tim Steimle (TK) und Max Müller (DocMorris) beim APOTHEKE ADHOC Talk im Rahmen der Medizinmesse Xpomet zu Protokoll. Apotheker seien gut beraten, sich kopfüber in das Abenteuer zu stürzen.

Auch wenn das E-Rezept noch nicht zu greifen ist – es liegt etwas in der Luft, könnte man meinen. Dass Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) den Weg für eHealth frei gemacht hat, beflügelt die Fantasie – bei Playern aus dem Gesundheitswesen genauso wie bei Newcomern von außerhalb. Von Start-up bis Hedgefonds: Neue Ideen und Kapital drängen in den Gesundheitsmarkt.

Ein Rezept hat in digitaler Form das Potenzial, mehr zu sein als der Austausch von Informationen zwischen Arzt und Apotheker. Eingebettet in die Struktur der elektronischen Patientenakte (ePa) soll die Verordnung zum Anknüpfungspunkt für neue Angebote der pharmazeutischen Versorgung werden – auch solche, die für Leistungserbringer heute noch gar nicht vorstellbar sind, sich aber aus den Bedürfnissen und Erwartungen der Verbraucher ergeben werden.

Laut Steimle von der TK geht es nicht darum, ob die bisherigen Protagonisten im Gesundheitswesen die Entwicklung gut finden oder nicht – und er nimmt selbst seine eigene Branche nicht aus: „Wenn irgendwann ein TK-Versicherter vielleicht das Angebot bekommt, zu einem gänzlich neuen Anbieter beispielsweise mit Konzernsitz in Seattle zu wechseln, werden wir ihn nicht aufhalten können – es sei denn, wir sind besser. Wir alle müssen uns an die sich rasant verändernde Welt anpassen.“

„Wir brauchen mehr Mut und mehr Innovationskraft“, appelliert der TK-Chefapotheker. Mit dem E-Rezept liege man weit zurück; andere Branchen zeigten, wie schnell sich Dinge veränderten: „Wenn ich in Hamburg von A nach B muss, kann ich mir anzeigen lassen, wo ein Auto, ein Fahrrad oder meinetwegen auch einer dieser neuartigen Roller steht. Warum soll ich mir als Patient nicht auch anzeigen lassen, wo mein Medikament vorrätig ist?“ Nicht nur Mobilität werde gerade neu erfunden, sondern auch das Gesundheitswesen, so Steimle.

Apotheker und ihre Mitarbeiter seien längst selbst zu 100 Prozent digital unterwegs und müssten akzeptieren, dass das E-Rezept keine Entscheidung für oder gegen den Versandhandel sei: „Der Versandhandel wird bleiben, europäisch und inländisch“, so Steimle. Auch ihm seien „gleich lange Spieße“ wichtig – Stichwort: Gleichpreisigkeit. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Fast 100 Prozent ihrer Einsparungen generierten die Kassen aus Rabattverträgen – und das werde sich auch nicht ändern: „Wir sehen weder das E-Rezept noch irgendein anderes Modell, um Einsparungen auf Ebene der Apotheke zu generieren. Ich will über eine bessere Versorgung sprechen.“

Laut Steimle glauben die Patienten heute, dass Ärzte und Apotheker über alles, was ihre Behandlung angehe, Bescheid wüssten. Das sei aber nicht so, denn „E-Rezept und ePa sind so gesehen keine Innovation, sondern nur das Einlösen eines Versprechens, das wir den Patienten längst gegeben haben.“ Dabei sieht er die Apotheker im Grundsatz in einer guten Ausgangssituation: „Nehmen wir das Beispiel Adhärenz. Diese lässt sich in einer digitalen Welt sicher schnell verbessern, aber Technik oder ein Paket vor Tür werden den menschlichen Kontakt nicht ersetzen.“

Auch bei DocMorris hat man nach Angaben von Müller die qualitativen Aspekte im Fokus. Eine Schachtel Tabletten von A nach B zu geben oder zu schicken, möge im einfachsten Sinne zweckdienlich sein. „Wenn man aber den ganzen Anspruch als Apotheke wahrnehmen will, muss sich etwas ändern.“ Für DocMorris könne er sagen: „Alle unsere Projekte sind darauf ausgelegt, aus Sicht der Patienten optimal zu funktionieren.“

Müller wirft der ABDA vor, nach wie vor rückwärts gewandt zu agieren, statt sich auf Zukunftsthemen zu konzentrieren. „Die Rolle der Apotheke muss sich ändern, das durfte sie aber bislang nicht im deutschen bestehenden System. Das E-Rezept ist ein Gamechanger.“ Seiner Meinung nach ist die Diskussion derzeit vor allem angstgetrieben, um den Nutzen gehe es nicht. „Apotheker bekommen immer noch Schnappatmung, wenn das Wort E-Rezept fällt.“ Stattdessen sollte die Frage lauten: „Was kann die Apotheke an Mehrwert für den Patienten und den Arzt leisten? Statt diesen Weg zu gehen, werden Scheindebatten geführt, die aber nicht zum Erfolg führen.“ Denn längst sei klar: Wenn die Apotheke mehr leisten könne, sei auch die derzeitige Honorarstruktur obsolet. „Wir wären bereit für eine Pay-for-Performance-Vergütung.“

Derzeit seien eher die Kassen die Treiber, um im Sinne des Patienten voran zu kommen. Auch bei DocMorris habe man sich schon 2013 Gedanken über die Rolle der Apotheke gemacht und in Form eines Manifests zu Papier gebracht. Jetzt sei man dabei, konkrete Angebote zu machen. „Es gibt viel mehr Apotheker, die Innovation können und wollen, denen aber heute Technologie und Handwerkszeug fehlen. Deshalb wollen wir auch Module entwickeln, die unabhängig von DocMorris funktionieren.“

Freilich: Das beste Rezept ist immer noch jenes, das – im Freiumschlag oder künftig per Knopfdruck – nach Heerlen geschickt wird. Doch Müller und sein Team sind sich längst im Klaren darüber, dass kein Bonus dieser Welt den Weg des Päckchens zum Patienten verkürzt. Aus der Versandapotheke soll daher eine Plattform werden, die möglichst viele unterschiedliche Player anbindet. Das Kalkül bei DocMorris: Sobald sich ein neues Konzept beim Patienten etabliert hat, wird er es nicht mehr vermissen wollen. Müllers Ansage daher: „Wir sind bekannt dafür, dass wir keine ‚Schnacker‘ sind, sondern tatsächlich liefern. Wir gehen davon aus, dass wir schon bald erst kritisiert und dann kopiert werden.“

Müller ist sich im Klaren darüber, dass jeder Player – ob DocMorris, ABDA oder Noventi, um nur Beispiele zu nennen – schnell ein Netzwerk aufbauen muss: „Abschotten funktioniert nicht mehr. Wer meint, in einer derart disruptiven Zeit in einem Silo zu überleben, wird schnell überrollt werden und vom Markt verschwinden.“ Aus diesem Grund werde beispielsweise die DocMorris-App offen sein: Jeder Patient könne sein Rezept einlösen, wo er wolle. „Für uns ist wichtig, dass der Kunde uns als Marke treu bleibt. Genauso muss auch die Apotheke zu dem Ergebnis kommen: ‚Ob ich eine DocMorris-App nutze, ist vollkommen egal, Hauptsache der Kunde kommt zu mir.‘“

Übrigens könne es schon aus technologischer Sicht keine Exklusivität geben, so Müller. Zu groß sei das Risiko, am Ende auf das falsche Pferd gesetzt zu haben – und es gebe genügend Akteure, die in den Markt drängten – von Softwarehäusern und Rechenzentren über Pharmaunternehmen bis hin zu IT-Konzernen. Insofern sei es vollkommen müßig, über das Thema Fremdkapital im Gesundheitswesen zu diskutieren, denn irgendjemand müsse die Investitionen schließlich finanzieren. „Wir wollen mit möglichst vielen Partnern sprechen und voneinander lernen. Nur wenn man einen solchen Weg gemeinsam geht, wird man vorankommen. Denn am Ende werden die Kunden nicht auf uns warten.“

Dass der Kunde – und zwar im ganz konkreten Sinne – nicht warten will, darauf basiert auch das Geschäftsmodell von Kry. Das schwedische Unternehmen ist einer jener Anbieter, denen das E-Rezept den Zugang zum deutschen Gesundheitsmarkt eröffnen soll. Kry ermöglicht es Patienten, innerhalb weniger Minuten einen Arzt zu sehen – per Smartphone.

Per App werden die Symptome übermittelt, kurz darauf wird ein Arzt zugeschaltet, der in der Hälfte der Fälle am Ende der Konsultation auch ein Arzneimittel verordnet. „Aus Patientensicht ist das ein riesiger Zugewinn, der nicht möglich wäre ohne das E-Rezept“, erklärt Koehn. „Das geht nicht, wenn Papier hin und her geschoben wird.“

Worauf sich ihrer Meinung nach alle im Gesundheitswesen einstellen müssen, ist die Diversifizierung von Versorgungswegen. „Es geht nicht um Entweder/Oder. Wir haben überhaupt nicht den Anspruch, dass Telemedizin immer die richtige Lösung ist. Aber es ist eine von mehreren Lösungen – und der Patienten wird am Ende entscheiden, welche für ihn in welcher Situation die richtige ist.“