Apocheck

Bike-in-Apotheke: Mit dem Fahrrad zum HV-Tisch Lothar Klein, 14.12.2017 10:00 Uhr

Berlin - 

Dass man im Pkw sitzend bei Drive-in-Apotheken Arzneimittel holen kann, ist nicht mehr ganz so ungewöhnlich – mit dem Fahrrad ist das aber noch eine besondere Sache: In Hannover führt Apotheker Bernd Gerstl die vermutlich einzige Bike-in-Apotheke Deutschlands. Bei ihm können die Kunden mit dem Fahrrad bis zum HV-Tisch fahren. „Die Leute sind begeistert“, erzählt Gerstl, der selbst leidenschaftlicher Radfahrer ist. In der Hölty-Apotheke hat Gerstl zwei Fahrradständer aufgestellt. Auch den Botendienst erledigt das Team per Fahrrad.

„Für Mütter, die mit schweren Tüten vom Einkauf kommen, ist das eine erhebliche Erleichterung“, berichtet der Apotheker. „Die Kinder können im Sitz bleiben. Alle anderen Radler müssen ihre zum Teil teuren Fahrräder nicht mehr umständlich anschließen. Das spart viel Zeit und Mühe.“

Die Hölty-Apotheke liegt an einer ein stark befahrenen Einfallstraße zur Hannoverschen Innenstadt. Die Apotheke war daher schon immer mit Fahrradverkehr konfrontiert. Der Fahrradweg wurde zur zweispurigen „Autobahn“ erweitert. Die Frequenz legte zu. Das hatte Folgen bis hin zum HV-Tisch.

Immer mehr Kunden kamen per Rad. Das bereitete Probleme: „Die Kunden hatten immer mit einem Auge ihr Fahrrad vor der Apotheke im Blick“, so Gerstl. „Es gelang mir kaum noch, ein Patientengespräch zu führen, Blickkontakt mit den Patienten aufzubauen. Das hat mich unheimlich gestört.“ Als der Apotheker dann per Zufall mobile Fahrradständer entdeckte, war die Idee geboren: „Wir holen die Fahrräder in die Apotheke.“

Aus eigener Erfahrung kennt Fahrradfan Gerstl nämlich die Probleme der Radler: Die kommen mit immer hochwertigeren Modellen. Zur Sicherung müssen schwere Schlösser herhalten. Die aber beschädigen leicht die edlen Rahmen und das Handling ist umständlich. In Gerstls Apotheke sind die Radler nicht nur willkommen, sondern sicher aufgehoben. Schnell haben sich in Hannover die Vorteile der Bike-in-Apotheke herumgesprochen. Daher kommen immer mehr „Radprofis“ mit ihren Rennmaschinen. Hobby-Radler Gerstl freut sich: „Da kann ich mir immer gleich die Neuigkeiten anschauen.“

In der Hölty-Apotheke gehört die Begeisterung für den Radsport quasi zum Programm. „Ich stelle nur Mitarbeiter ein, die meine Begeisterung und die meiner Frau teilen“, sagt Gerstl. Daher gibt es in der Offizin mehr als den üblichen Apotheken-Service. Dort können auch kleinere Pannen behoben werden. Stets liegt Reparaturmaterial und Werkzeug bereit: Schläuche, Zangen. Schraubenzieher, Öl. Und auch kleinere Probleme an den Gangschaltungen werden in der Hölty-Apotheke fachmännisch behoben.

Mehr noch: Im „Besprechungs- und OP-Raum“ der Apotheken werden im Notfall auch verunfallte Radfahrer akut versorgt, erzählt Gerstl. Die modernen Fahrräder werden immer schneller und E-Bikes sorgen für zusätzliche Unfallgefahr. Und auf der Fahrrad-Autobahn vor der Apothekentür herrscht vor allem morgens und abends Gedränge. Da kann es schon mal zu Unfällen kommen. „Unsere Apotheke hat ja immer geöffnet und ich bin für die Akutversorgung immer erreichbar,“ so Gerstl.

Natürlich gibt es auch vor der Hölty-Apotheke einen Fahrradständer. Weil der besonders groß ist, rangelt Gerstl jetzt mit den Behörden. Die Stadt fordert von ihm monatlich neun Euro plus Mehrwertsteuer Gebühr für den Ständer. Das treibt Gerstl zwar nicht in den Ruin, ärgert den engagierten Radfahrer aber. Einerseits werde das Radfahren von der Kommunal-, der Gesundheitspolitik und den Krankenkassen gefördert: „Und dann wird man noch abkassiert.“ Der Streit mit der Stadt ist noch nicht ausgestanden.

Nicht nur in seiner Apotheke lebt Gerstl den Radsport. Die ganze Familie ist auf zwei Rädern unterwegs. Am Wochenende stehen meist Radtouren auf dem Programm – in den Harz oder auch ins Weserbergland, 70 bis 140 Kilometer sind keine Seltenheit. Und im Urlaub ist das Rad ebenfalls ständiger Begleiter.

Dabei galt die Sportleidenschaft Gerstls zunächst dem Ballsport. Als er aber im Studium seine heutige Ehefrau kennenlernte, änderte sich das. „Ballsport war nichts für meine Frau“, erzählt Gerstl. Weil im Hinterhof des Mietshauses in Berlin-Moabit ein Rennradbauer seine Rahmen zusammen schweißte, schauten sich die beiden das nicht nur an, sondern probierten die Räder aus. Dabei ist es nicht geblieben: „Wir haben uns gemeinsam fürs Radfahren begeistert, richtig rein gesteigert“, so der Apotheker.

Jetzt wünscht er sich, dass er mehr Nachahmer seiner Bike-in Idee finden: „Eine Bank in Hannover hat schon nachgezogen“, berichtet Gerstl. Als die Schalterhalle umgebaut wurde, hat man dort ebenfalls einen Fahrradraum eingerichtet. Und aus Paris und London kennt Gerstl sogar Kneipen mit einem Fahrradvorraum: „So etwas fehlt hier noch in Hannover.“