ApoRetro – Der satirische Wochenrückblick

Apotheken zu, Versender übernehmen 11.04.2026 08:02 Uhr

Berlin - 

Es ist der 11. April 2040, in Ibbelshausen hat die letzte Apotheke vor drei Monaten dicht gemacht. Bislang haben nur einige eingeschworene Stammkunden bemerkt, dass in der Gemeinde eine wichtige Institution fehlt. Die meisten Menschen freuen sich über eine Rabattschlacht, mit der zwei große niederländische Versender um ihre Gunst buhlen. Doch plötzlich macht sich eine gedrückte Stimmung breit und das Desaster nimmt seinen Lauf.

Als Inhaber Dr. Alois Tellmair sich entschloss, seine Apotheke nach 34 Jahren endgültig zu schließen, hatte er schon eine lange Durststrecke hinter sich. Seit mehreren Jahren schon waren immer weniger Kundinnen und Kunden gekommen. Die dringend nötige Anhebung des Fixums hatte es am Ende doch nicht gegeben, und zur Zweigapotheke konnte er seinen Ein-Mann-Betrieb auch nicht umwidmen, weil er dazu ja erst einmal hätte filialisieren müssen. Mit standardisierter Blutdruckerfassung hatte er sich noch eine Weile über Wasser gehalten, aber da musste er schon alle möglichen Verwandten und Bekannten zusammentrommeln, um ein bisschen Kohle aus dem pDL-Topf zusammenkratzen zu können.

Apotheker in der Metzgerei

Als er eines Tages ein Paket von Shop Apotheke für einen Nachbarn annehmen musste, war für ihn endgültig Schluss.Tellmair suchte gar nicht erst nach einem Käufer, er verrammelte einfach das Ladenlokal, in dem er seinen Betrieb durch wenig Höhen und viele Tiefen geführt hatte, und bewarb sich als Aushilfskraft beim Metzger, dem einzigen verbliebenen Geschäft im Ort.

Für die Kundschaft änderte sich erst einmal nicht allzu viel. Denn die großen Versender hatten es sich zur Angewohnheit gemacht, die Kammerrundschreiben zu lesen. Sobald irgendwo die Schließung einer Apotheke angekündigt wurde, wurden eilends Postwurfsendungen organisiert und Rabattschlachten angezettelt. In Ibbelshausen konnten an einem Samstag sogar die örtlichen Lautsprecher angezapft werden: „Das ist ein Probealarm – und wir spendieren übrigens 10 Euro pro Rezept.“

Versender können Rabattarzneimittel nicht erklären

So merkte über Wochen hinweg kaum jemand, dass es ein Problem bei der Arzneimittelversorgung geben könnte. Die Versender lieferten in der Regel schon am nächsten Tag, „nehme ich meine Tablette eben erst morgen“. Und die DHL-Fahrer waren geschult, bei der Abgabe von Paketen direkt die nächsten Bestellungen mitzunehmen. Ein wenig Magnesium, ein bisschen Paracetamol, ein paar Vitamine konnte man immer brauchen. Alles lief wie am Schnürchen – zunächst auch noch als Tellmair nicht mehr in seiner Offizin stand.

Als erstes bemerkte es Ilse Weinl. Die Rentnerin – im Dorf bekannt für ihre scharfe Zunge – erhielt seit wenigen Jahren von Shop Apotheke ihren Blutdrucksenker von einem anderen Hersteller. Mit dem Service war sie zwar nie wirklich zufrieden, auch das leidige Altpapier war ihr ein Dorn im Auge, aber sie sparte die Zuzahlung – für Klatsch und Tratsch war die Vor-Ort-Apotheke ja immer noch erreichbar. Den offensichtlichen Wechsel des Rabattpartners konnte ihr jedoch jetzt niemand bei der Hotline der Versandapotheke erklären. Dort überhaupt durchzukommen war in den vergangenen Jahren wegen der starken Nachfrage und dem Personalmangel überaus schwierig geworden. Bis dato stand Tellmair immer parat und erklärte gutmütig die Gründe, auch wenn er selbst nicht mit dieser Form der Beratung verdiente.

Hausarzt weist Patientin ab

Als Weinl also in die Metzgerei kam, um sich die Sachlage wieder einmal von dem umgeschulten Apotheker erklären zu lassen, winkte der nur ab. Zwischen Rippchen und Rotgelegtem blieb ihm keine Zeit für Rabattverträge – Lust auf diese Diskussion hatte er ohnehin nicht. Also wandte sich Weinl an ihren Arzt. In der Hausarztpraxis im nahegelegenen Stettfort verdrehten die MFA die Augen und verwiesen entnervt zurück zur Apotheke oder zur Krankenkasse. Weinl blieb aufaufgeklärt zurück und verfluchte Shop Apotheke und ihre AOK.

In den Praxen war die Stimmung beim Personal auf einem neuen Tiefstand. Denn seit es keine Vor-Ort-Apotheke mehr gab, mussten die Ärztinnen und Ärzte nicht nur mit Hilfsmitteln versorgen oder wieder Nagelpilze begutachten. Es kam noch schlimmer – täglich fluteten totternde Senioren die Wartezimmer zum Blutdruckmessen und forderten „ihre“ Zeitschriften. Andere pochten auf „Pröbchen“ und klagten über die Verwandschaft. Die MFA wünschten sich PTA zurück, die mit lieblicher Geduld jede Kundin und jeden Kunden anhören konnten.

Schreiendes Kind weil Saft fehlt

Gleichzeitig suchte die junge Mutter Louisa Meier nach der nächsten offenen Apotheke, um schnell einen Schmerz- und Fiebersaft für ihr krankes Kleinkind zu bekommen. Sie hatte wie ihre Freundinnen die jüngste Rabattrunde bei Paracetamol-Säften bei den Versendern verpasst und der Vorrat war futsch. Auch der Drogerie- und Möchtegern-Apothekenriese dm hatte anders als vor Jahren verlautbart doch nicht in Ibbelshausen aufgemacht.

Ihre Kinderärztin zuckte nur mit den Schultern und empfahl Wadenwickel. Meier blieben ein schreiendes Kind und die wehmütige Erinnerung an den verlässlichen Notdienst vom lieben Herrn Tellmair. Die Akutversorgung mit Arzneimitteln litt zusehends.

Als die ärztlichen Bereitschaftsdienste zunehmend von Notdienstanfragen nach Taschentüchern, Schwangerschaftstests oder Nasensprays überrannt wurden, fiel das System fast in sich zusammen. Weil die Abda immer noch nicht reagierte, stürmte der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung das Bundesgesundheitsministerium. Der Termin war mehr als ein Lobbytreffen und ging in die Geschichte ein – das Fixum wurde auf 22 Euro erhöht. Denn erst nachdem die letzte Apotheke dicht gemacht hatte, wurde es den verbliebenen Playern im Gesundheitssystem und der Politik bewusst, wie wichtig die Vor-Ort-Versorgung durch Apotheken für die Gesellschaft war.

In diesem Sinne: Schönes Wochenende!