AfD-konform: Apotheker erfindet Alter Ego 05.09.2026 08:17 Uhr
Es ist ein Geheimnis, das niemand im Örtchen Wamsleben im Bördekreis erfahren darf: Apotheker Sebastian Osterburg heißt in Wirklichkeit Serkan Öztürk. Und er ist – zumindest nach einschlägigen AfD-Kriterien – nicht ansatzweise so deutsch, wie er nach deren Wahlprogramm sein müsste, um „unsere Bürger“ richtig behandeln zu können.
Jeden Morgen stiehlt sich der Apotheker im Schutz der Dunkelheit in seine Apotheke. Dort verbringt er die Zeit bis zum Morgengrauen damit, zu seinem reinrassischen Alter Ego zu werden: Der Teint wird etwas heller, die Haare werden etwas blonder, die Augen etwas blauer. Schminke, Perücke und Kontaktlinsen haben für ihn als Berufsträger mindestens die gleiche Bedeutung wie für andere Kollegen der blütenweiße Kittel.
Nicht dass Serkan Öztürk etwas zu verbergen hätte. Er ist in Deutschland geboren, genauso wie seine Geschwister und auch seine Eltern. Aber ja, da gab es in der Familie irgendwann einmal eine Episode der Zuwanderung. Fast 60 Jahre ist das her, doch der unaufhaltsame Aufstieg der AfD in den vergangenen Jahren hat ihn nachdenklich gemacht: Könnten auch Menschen wie er mit Remigration gemeint sein?
Was waren die Leute in Wamsleben froh gewesen, als er vor zwei Jahren die Apotheke im Ort übernommen hatte. Sein Vorgänger hatte lange durchgehalten, aber mit 80 Jahren hatte er Schluss machen müssen. Einen Nachfolger hatte man auch nach zehnjähriger Suche nicht finden können. Die Schließung schien unausweislich.
Doch dann hatte Öztürk angerufen. Die Begeisterung, dass die Apotheke im letzten Moment gerettet werden könnte, war schon am Telefon zu spüren. Exzellenter Abschluss, beste Referenzen, lupenreines Führungszeugnis und dann auch noch mit Finanzierungszusage. Ein Traumkandidat! Nur mit dem Namen, das sei so eine Sache, hatte der Ortsvorsteher gesagt. Ob man nicht einfach Osterburg sagen könne, das höre sich doch für die älteren Damen gleich viel vertrauter an und mache im Grunde ja keinen Unterschied. Und wenn es irgendwie möglich sei, bitte keine kulturfremden Einsprengsel bei der Arbeit, Gebetskette oder Fusselbart oder Shisha oder so was. Er wisse schon.
Von da an gab es kein Zurück mehr. Öztürk änderte seinen Namen; unter dem Vorwand, er habe Angehörige in Magdeburg, um die er sich kümmern müsse, schlug er mehrmals das Angebot aus, die Wohnung über der Apotheke zu übernehmen.
Trotz dieser tausend kleinen Notlügen ist Öztürk im Grunde mit seinem Leben zufrieden. Die Apotheke läuft gut, sein Fleiß und sein Fachwissen werden über alle Maßen geschätzt. Selbst aus den umliegenden Dörfern bringen Kundinnen und Kunden längst ihre Rezepte in seine Apotheke. Längst ist er Ehrenbürger der Gemeinde, einmal wurde von einer Kundin sogar schon gefragt, ob er nicht selbst als Bürgermeister kandidieren wolle. Als Apotheker hätte er es im Grunde gar nicht besser treffen können: Er wird gebraucht und respektiert – in welchem Beruf hat man das schon.
Nur wenn er manchmal frühmorgens oder spätabends vor seinem Schminkspiegel sitzt, wundert er sich über sein trauriges Gegenüber. Sollte er wirklich an seiner Lebenslüge festhalten, nur weil seinen Kundinnen und Kunden ein völkisches Klischee wichtiger ist als echte pharmazeutische Kompetenz? Ist die Herkunft bei medizinischer Versorgung nicht eigentlich irrelevant? Und was würde wohl passieren, wenn er reinen Tisch machte?
„Sprachbarriere und kulturelle Differenzen“
So oder so ähnlich könnte es in Sachsen-Anhalt tatsächlich ablaufen, jedenfalls dann, wenn die AfD ihr geplantes Regierungsprogramm nach den Landtagswahlen umsetzen kann. Denn die Partei will auch im Gesundheitswesen knallhart durchkehren: Im Kapitel Gesundheit und Pflege erklärt der vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestufte Landesverband, dass ausländische Ärzte „wegen der Sprachbarriere und kultureller Differenzen“ ungeeignet seien, die deutsche Bevölkerung zu behandeln. „Die beste Behandlung ist mit Ärzten gewährleistet, die bei uns ausgebildet wurden“, so das Kredo.
Dem Ärztemangel soll stattdessen durch den Ausbau der Kapazitäten an den Universitäten für das Medizinstudium begegnet werden, und damit es auch genug Bewerberinnen und Bewerber gibt, sollen einfach die Hürden zum Studium durch Anpassung des Numerus clausus gesenkt werden. Ob das die beste Behandlung für „unsere Menschen“ bringt?
Ausländische Ärzte sind aber keinesfalls die einzige Berufsgruppe, der die AfD in ihrem Parteiprogramm die Kompetenzen abspricht. So würden ausländische Fachkräfte generell nicht im ausreichenden Maße Deutsch sprechen, oder ihre Ausbildung würde den deutschen Standards nicht entsprechen. „In Branchen wie dem Gesundheits- und Pflegesektor wird dadurch das Wohl der Patienten gefährdet“, wird behauptet.
Ärger über Job Buddys
Die Anwerbung „kulturfremder Fachkräfte“ zur Lösung von Engpässen führe zudem zu Folgeproblemen. So würden ausländische Fachkräfte den Mangel am Arbeitsmarkt nach Ansicht der AfD durch Integrationsprogramme noch verstärken: „Insgesamt wurden bis zu 50 deutsche Fachkräfte als sogenannte ‚Job Buddys‘ eingestellt, um bei der ‚Integration‘ ausländischer Fachkräfte zu helfen. Diese deutschen Fachkräfte fehlen also am Arbeitsmarkt, weil sie zur ‚Integration‘ ausländischer Fachkräfte eingesetzt werden.“
Um weiter Ängste gegen Ausländer zu schüren und ihre These eines Sicherheitsrisikos zu bestärken – wohlgemerkt in dem Kapitel, das sich um Fachkräfte dreht – weist die AfD in ihrem Wahlprogramm auf den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg hin.
Die Lösung für die AfD? „Eine Geburtenwende und das Ende des deutschen ‚Brain Drain‘“.