Herzprobleme

Mobbing kann tödlich sein APOTHEKE ADHOC, 28.09.2016 13:48 Uhr

Berlin - 

Mobbing am Arbeitsplatz kann nicht nur psychische Erkrankungen wie Depressionen, Angst- und Schlafstörungen auslösen. Forscher des Beratungsunternehmens IMS Health weisen nun darauf hin, dass auch der Körper in Mitleidenschaft gezogen wird. Danach geht Psychoterror am Arbeitsplatz mit einem erhöhten Risiko für Schädigungen des Herz-Kreislauf-Systems einher.

IMS Health hat dazu anonymisierte Behandlungsverläufe aus allgemeinärztlichen Praxen ausgewertet. Verglichen wurden je eine Gruppe von 7374 Patienten mit und ohne Mobbingerfahrung im Blick auf kardiovaskuläre Ereignisse, bei denen Hausärzte im Zeitraum zwischen Januar 2005 und Dezember 2014 zum ersten Mal eine Mobbingerfahrung dokumentierten. 67 Prozent dieser Personen waren Frauen. Die Patienten waren im Durchschnitt 38 Jahre alt, wobei 35 Prozent unter 30 und 18 Prozent über 50 Jahre alt waren.

Die Berechnungen zur Ermittlung des Risikos, eine Angina pectoris, einen Mykardinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, ergaben, dass dieses bei Mobbingerfahrung insgesamt um 69 Prozent erhöht war. Laut IMS Health reicht die Bedeutung dieses Ergebnisses über die Studienresultate hinaus, da kardiovaskuläre Ereignisse zum Teil tödlich verlaufen. Das lege den Schluss nahe, dass ihre Häufigkeit de facto noch höher und der negative Effekt von Mobbing noch größer ist.

Unter Mobbing wird die systematische, andauernde psychische Schikane von Einzelnen durch Vorgesetzte, Kollegen oder Mitarbeiter im beruflichen Kontext verstanden. Nach aktuellen Untersuchungen sind circa zehn Prozent der Beschäftigten von Mobbing betroffen.

Inwieweit Mobbingopfer nicht nur psychische Störungen, sondern auch körperliche Schädigungen erleiden, sei noch relativ wenig erforscht, schreibt IMS Health. Eine litauische Studie aus dem Jahr 2011, in der Lehrer nach Mobbingerfahrungen befragt wurden, wies auf mehr kardiovaskuläre Erkrankungen bei Betroffenen als bei Nichtbetroffenen hin.

Zu ähnlichen Ergebnissen kamen auch Wissenschaftler aus Finnland bei einer Analyse von Beschäftigten in Kliniken. Forscher von IMS Health sind der Fragestellung nun für Deutschland nachgegangen.

Die Mobbing-Patienten wurden mit anderen ohne Mobbing-Dokumentation verglichen, wobei die selektierte Kontrollgruppe den Mobbingopfern hinsichtlich Alter, Geschlecht, Nachbeobachtungszeit, behandelndem Arzt und Co-Diagnosen entsprach. Innerhalb der fünf Jahre nach der ersten Mobbing-Dokumentation erlitten 2,9 Prozent in der Mobbinggruppe, jedoch nur 1,4 Prozent in der Kontrollgruppe ein kardiovaskuläres Ereignis, was laut IMS Health einen statistisch signifikanten Unterschied bedeutet.

Berechnungen unter Anwendung eines Regressionsmodells ergaben, dass das Risiko eines kardiovaskulären Ereignisses durch die Mobbingerfahrung um 69 Prozent erhöht war.

Am stärksten zeigte sich der Effekt laut IMS Health beim Myokardinfarkt (203 Prozent Risikoerhöhung), am schwächsten beim Schlaganfall (56 Prozent). Signifikant war er beim häufig auftretenden Ereignis Angina Pectoris (88 Prozent), die oft eine Vorstufe des Myokardinfarkts darstellt.

„Dadurch, dass ein Teil der kardiovaskulären Ereignisse tödlich verläuft, ist davon auszugehen, dass ihre Häufigkeit noch höher ist und der negative Effekt von Mobbing noch größer. Außerdem sind Depressionen und Angststörungen als Reaktion auf Mobbing ihrerseits mit einem höheren Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse verknüpft. Das heißt, die Betroffenheit dürfte somit insgesamt noch höher sein als angenommen“, so Professor Dr. Karel Kostev, Forschungsleiter bei IMS Health.