Apothekerverband

175 Jahre Honorarstreit in Hessen APOTHEKE ADHOC, 26.10.2014 09:21 Uhr

Berlin - 

Jubiläum für Apotheker: Der Hessische Apothekerverband (HAV) hat in dieser Woche seinen 175. Geburtstag gefeiert. Der scheidende Verbandschef Dr. Peter Homann nutzte den Anlass, um auf die lange Verbandsgeschichte und aktuelle Herausforderungen hinzuweisen.

Die Geschichte des HAV begann am 22. Juli 1839: Damals rief Apotheker Dr. Ferdinand Ludwig-Winkler im südhessischen Zwingenberg seine Kollegen auf, sich an der Einrichtung eines Apothekervereins zu beteiligen. Winkler, der in Gießen studiert und dort 1823 seinen Doktortitel erworben hatte, gelang es, einen provisorischen sechsköpfigen Gründungsausschuss zusammenzustellen, dem neben anderen Medizinalassessor Dr. Ernst Karl Büchner angehörte – der Vater des Dichters Georg Büchner.

Am 8. September 1839 fand in Zwingenberg die konstituierende Versammlung des Apothekervereins statt. An dieser nahmen 28 Apotheker aus den drei Provinzen Oberhessen, Rheinhessen und Starkenburg teil. Im Dezember desselben Jahres genehmigte das Großherzögliche Ministerium die Satzung des Vereins, die damals zwölf Paragraphen umfasste.

Der Apothekerverein hatte sich das Ziel gesetzt, durch Belehrung, Ideenaustausch und Zusammenarbeit die pharmazeutische Wissenschaft zu fördern. Durch gemeinsame Anstrengungen sollte zu einer guten Gehilfenausbildung beigetragen werden. Außerdem übernahm der Verein den Sammeleinkauf, um auch die materiellen Interessen der Mitglieder zu berücksichtigen.

Dass manche aktuellen Wünsche der Apotheker eigentlich schon sehr alt sind, zeigt die außerordentliche Generalversammlung des Vereins im Jahr 1848. Damals machten sie ihre „Desiderien“ geltend: eine selbstständige Vertretung im Medizinalkollegium und bei der höchsten Staatsbehörde, einen größeren Schutz der Eigentumsrechte und eine Absicherung bezüglich ausstehender Geldforderungen. Außerdem wurde beschlossen, sich für die Beibehaltung des damals geltenden Konzessionssystems für Apotheken einzusetzen.

In den nächsten Jahren waren die Einführung der Grammeinheit als neues Medizinalgewicht und die Versorgung auf dem Land Thema: Der Vorschlag, dass in Gemeinden ohne Apotheken eine solche ohne vorherige Genehmigung eröffnet werden könne, rief bei den Pharmazeuten große Aufregung hervor.

Eine eigene Standesvertretung wurde den hessischen Apothekern am 12. Januar 1877 zugebilligt. Damit waren die Apotheker in der Ministerialabteilung für öffentliche Gesundheitspflege mit den gleichen Rechten vertreten wie die Ärzte. Das sei damals eine absolute Novität gewesen, hob Homann bei der Jubiläumsfeier hervor.

In den ersten Jahren stand neben den sozialen und wirtschaftlichen Zielen die Förderung der pharmazeutischen Wissenschaft an erster Stelle. Dazu organisierte der Verband zahlreiche Vortrags- und Lehrveranstaltungen, unter anderem zum Thema „Drogenverfälschungen und Opium“. Das zeigt: Arzneimittelfälschungen waren schon in jenen Tagen ein Problem.

Im Laufe der Jahre rückten die wirtschaftlichen und rechtlichen Themen in den Vordergrund, unter anderem die Diskussion um die Konzessionsfrage, der Vertrieb von sogenannten Geheimmitteln, die gesetzlichen Regelungen über das Apothekenwesen und die Probleme beim Arzneimittelverkehr. Die hessischen Pharmazeuten setzen sich Ende des vorletzten Jahrhunderts für die freie Verkäuflichkeit der Apotheken ein und lehnten eine Konkurrenz durch Gemeindeapotheken sowie jede Form der Niederlassungsfreiheit ab.

Durch „tadelfreie Ware und billigere Handverkaufspreise“ versuchten die Apotheker, sich gegen Übergriffe von Detaildrogisten zu wehren. Streit gab es außerdem um das Dispensierrecht der Homöopathen.

Ein Ärgernis waren um die Jahrhundertwende die „Fabrikspezialitäten“. Mit vereinseigenen Unternehmen versuchte man, die Selbstherstellung zu fördern. Allerdings stieg die Anzahl der Fertigarzneimittel enorm, sodass die Rezepturzahlen rapide zurückgingen. Das führte zu Reibereien mit der Industrie. Die Apotheker beschlossen, nur die billigere Kassenpackung zu führen, um die Fabrikanten zu einer einheitlichen Packung zu zwingen. Auch Appelle an die Ärzte, vermehrt Rezepturen zu verschreiben, konnte die Flut der Fertigarzneimittel nicht eindämmen.

Dauerthemen waren in der Verbandsgeschichte laut Homann die Arzneitaxe, der kämpferische Umgang mit den Krankenkassen, das Eintreiben der Außenstände und die Rabattforderungen der Kassen. „Auch wenn wir heute zum großen Teil ein anderes Vokabular benutzen, so hat sich an diesen Dingen vom Grundsatz her nicht sehr viel verändert“, fasste Homann zusammen.

Die historischen Aufgaben hätten sich weiterentwickelt: Die Apothekerverbände seien im gesamten Bereich der Arznei- und Hilfsmittelversorgung Vertragspartner der Krankenkassen und sorgten für sachliche Regelungen und einen Interessenausgleich – „mitunter nicht ganz ohne Schwierigkeiten“.

Inzwischen biete der Verband seinen Mitgliedern eine Reihe von Dienstleistungen an, etwa die Rezeptabrechnung über das gemeinsam mit den Verbänden in Rheinland-Pfalz, Saarland und Thüringen betriebene ARZ Darmstadt. Homann verwies außerdem auf die gemeinsam betriebene Clearingstelle für Hilfsmittel, die Organisation von Fort- und Weiterbildung, die Beratung in Betriebs- und Tarifangelegenheiten und die Interessenvertretung gegenüber Politik, Wirtschaft und Behörden.

Die Jubiläumsfeier war Homanns letzter großer Auftritt als Verbandschef: Der 65-Jährige war nach 16 Jahren an der Verbandsspitze nicht zur Wahl angetreten. In den vergangenen Tagen wurde bereits ein neuer Vorstand gewählt, die Stimmen werden nun ausgezählt.

Einige Vorstandsmitglieder stehen aber schon fest, da es in den jeweiligen Regionen nur so viele – oder sogar weniger – Anwärter gab wie Sitze: Gießen vertritt Mira Sellheim (Apotheke am Ludwigsplatz, Gießen), Kassel Dr. Ulrich Roesrath (Rosen-Apotheke, Bad Karlshafen) und Darmstadt Uwe Arlt (Turm-Apotheke, Weiterstadt-Braunshardt) sowie Bernd Rupprecht (Modau Apotheke, Mühltal).