Forschungsprojekt

Fahndung nach Stechmücken dpa, 25.05.2015 08:37 Uhr

Mücken per Post: Bürger unterstützen die Laborarbeit von Doreen Werner, indem sie ihr erlegte Mücken schicken, in Einmachgläsern, Schächtelchen oder Küchenkrepp. Foto: Frank Hollenbach / Pixelio
Berlin - 

Hauchdünne Beinchen, bräunliche Borsten und ein fieser Saugrüssel zum Stechen: Bis zu 50 Mücken verschiedener Arten landen im Sommer pro Tag bei Doreen Werner im Labor – tot in der Post. Bürger unterstützen die Arbeit der Biologin, indem sie ihr erlegte Mücken schicken, in Einmachgläsern, Schächtelchen oder Küchenkrepp.

Wichtig: Intakt, etwa im Tiefkühlfach eingefroren, statt zerquetscht sollten die Mücken sein. Denn die Experten um Werner in Müncheberg in Brandenburg wollen unter dem Mikroskop die jeweilige Art bestimmen. All das kommt dem sogenannten Mückenatlas zugute: Doreen Werner leitet das 2012 gestartete Projekt. Weitere Förderung dafür kommt in den kommenden drei Jahren von der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung.

Einen Überblick zu gewinnen über die Verbreitung von Mückenarten in Deutschland ist eines der Ziele des Teams am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) und Kollegen des Friedrich-Löffler-Instituts. Experten gehen von rund 50 Arten von Stechmücken hierzulande aus.

Allein für 2014 hat Werners Team bundesweit mehr als 1250 Mücken-Fangorte mit Datum und Art auf einer Online-Karte verzeichnet. Seit Projektbeginn 2012 schickten Bürger mehr als 25.000 Mücken mehr als 40 verschiedener Arten ein. „Jede Mücke landet in der Referenzsammlung“, sagt Werner. Mit deren Hilfe könnten eines Tages weitergehende Untersuchungen zu Mücken aus bestimmten Regionen gemacht werden.

Richtig los geht es für die Forscher im Juni und Juli. „Bisher ist die Mückensaison lau. Wenige, manchmal keine, sind uns bisher in die Fallen gegangen“, sagt der Parasitologe Egbert Tannich vom Hamburger Bernard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM). „Für die Larvenentwicklung im Wasser braucht es bestimmte Temperaturen, noch ist es zu kalt.“

Exoten gehen Bürgern wie Profi-Forschern immer wieder mal ins Netz: etwa die Asiatische Buschmücke (Aedes japonicus), die sich seit einigen Jahren vor allem in westdeutschen Bundesländern ausbreitet. Noch nicht umfassend angesiedelt hat sich die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus), die warme Temperaturen liebt. Einzelne Exemplare mit den charakteristisch schwarz-weißen Beinchen hat Werner allerdings 2014 aus dem Raum Freiburg in Baden-Württemberg zugeschickt bekommen. Ob Mücken dieser Art oder ihre Eier vielleicht überwintert haben?

Das will Werner im Sommer mit mindestens 500 Fallen prüfen, auf denen Mückenweibchen ihre Eier ablegen können. Hinzu kommen zehn Lebendfallen. „Die Bürger-Hinweise waren genial für uns, weil wir jetzt gezielt suchen können“, sagte Werner. Auf diese Weise muss sie auch ausschließen, dass Urlaubsmitbringsel als deutscher Fang deklariert wurden. Ergebnisse gebe es frühstens Ende August.

Auch die Forscher um Tannich betreiben mit Partnern rund 150 Fallen in Deutschland. Im Blick haben sie ebenfalls die Tigermücke, die in anderen Ländern das Dengue- und das Chikungunya-Fieber übertragen kann. Spezielle Fallen haben sie entlang von Autobahnen aufgestellt. „Tigermücken kommen immer wieder in Autos über die Alpen und werden an Raststätten freigesetzt“, sagt Tannich. Die Mücke selbst könne den deutschen Winter schwerlich überstehen, glaubt er. Ihre Eier an geschützten Orten hingegen schon. „Die Mücken haben dann einen frühen und guten Start in die Saison. So können mehr Nachkommen entstehen, als wenn ein Exemplar spät im Jahr aus Italien mitgebracht wird.“

Sollte das passieren, wollen es die Wissenschaftler so früh wie möglich mitbekommen. Sie setzen auf ausgetüftelte Fallen – nicht jede Mücke reagiere auf jedes Lockmittel. Verschiedene Mischungen aus Duftstoffen und Kohlendioxid sollen die Plagegeister anlocken.

Für Laien dürfte der Mücken-Fang schwieriger sein, doch der Forscherdrang überwiegt offenbar bei vielen. Der Direktor des Potsdamer Naturkundemuseums Detlef Knuth etwa erzählt, dass er vor allem Mücken aus Gebieten mitbringe, in die sonst kaum jemand komme.

Die Regionen an der Elbe und der Oder und das an Gewässern reiche Brandenburg seien wichtige Areale für die Forschung - auch, da sich dort Entwicklungen aus Osteuropa zuerst bemerkbar machten, sagt er. Die diesjährige Mückensaison jedenfalls könnte relativ harmlos werden, vorausgesetzt, es bleibt kühl und trocken. Entscheiden werde sich das aber erst in den nächsten Wochen, sagt Egbert Tannich.