Telemedizin: Wund-Monitoring von zu Hause per App 20.02.2026 14:52 Uhr
Ein interdisziplinäres Team des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) und der Universität Würzburg hat die App Wunderkint entwickelt. Ziel des Projekts ist es, die Dokumentation chronischer Wunden in das häusliche Umfeld der Patienten zu verlagern.
Viele Menschen, vor allem im höheren Alter, leiden unter Wunden, die einfach nicht heilen wollen. Krankheiten wie Diabetes oder Durchblutungsstörungen blockieren die natürliche Selbstheilung des Körpers, sodass die Wunde in einem Entzündungszustand verharrt.
Die klassische Behandlung ist oft mühsam: Sie kostet viel Zeit und verlangt den Patienten – die oft ohnehin schwer zu Fuß sind – regelmäßige, anstrengende Wege in die Praxis ab.
Arztbesuch ist Momentaufnahme
Mit der App Wunderkint – kurz für „Segmentierung und Verlaufskontrolle chronischer Wunden durch Künstliche Intelligenz“ – wollen Forschende des Universitätsklinikums Würzburg (UKW) und der Universität Würzburg den Alltag Betroffener erleichtern.
„Normalerweise sehen wir unsere Patientinnen und Patienten nur im Intervall, zum Beispiel einmal im Quartal“, berichtet Dr. Tassilo Dege, der gemeinsam mit Professor Dr. Astrid Schmieder die Idee zur App hatte. Die Besuche der Patient:innen seien immer nur Momentaufnahmen. „Eine teledermatologische Versorgung hingegen bietet eine fortlaufende Beurteilung, nicht nur von der Wunde, sondern auch von der Lebensqualität der Betroffenen.“
Ärzte passen Therapie aus der Ferne an
Aktuell werde die Wunderkint in einer Machbarkeitsstudie getestet. Proband:innen können mit der App regelmäßig ihre Wunde selbst fotografieren. Dabei wird eine beigelegte Referenzkarte mit Farbskala und Pixel-Code neben die Wunde gehalten. Dies ermöglicht der App-KI die präzise Analyse von Wundgröße und Rötung. Außerdem können Proband:innen auf einer Skala Schmerzintensität, Juckreiz, Nässe der Wunde und ihre Stimmung in die App eintragen.
Die Daten werden dann sicher an die behandelnden Ärzt:innen gesendet. Über ein Dashboard können sie den Heilungsverlauf in Echtzeit aus der Ferne bewerten und bei Bedarf die Therapien anpassen. Die App ermöglicht zudem Video-Termine und Absprachen.
Präzise Vermessung per Algorithmus
Die technische Grundlage für Wunderkint wurde am Lehrstuhl für Software-Engineering der Universität Würzburg entwickelt. Informatikerin Vanessa Borst trainierte dafür spezielle Deep-Learning-Modelle mit tausenden Wundbildern, damit die KI lernt, Wundränder und Flächen auf einem Foto exakt zu identifizieren.
„Konkret bedeutet das: Aus den von der KI erkannten Wundflächen mussten verlässliche Größenangaben in Millimetern oder Zentimetern abgeleitet werden. Gerade unterschiedliche Aufnahmebedingungen – etwa wenn die Kamera einmal näher und einmal weiter von der Wunde entfernt ist – machen diese Umrechnung besonders herausfordernd“, erläutert Borst.
Um sicherzugehen, dass die Technik verlässlich arbeitet, glich das Forschungsteam die Ergebnisse der KI mit den Einschätzungen erfahrener Mediziner des UKW ab.
Dieser Brückenschlag zwischen moderner Informatik und realer Patientenversorgung wurde im September 2025 auf der wichtigsten europäischen Fachkonferenz für Maschinelles Lernen, der European Conference on Machine Learning and Principles and Practice of Knowledge Discovery in Databases mit dem Preis für die beste studentische Forschungsarbeit im Bereich der angewandten Datenwissenschaft gewürdigt.
Arztkontakt bleibt wichtig
Erste Studienergebnisse attestieren Wunderkint eine gute Benutzerfreundlichkeit, eine positive Akzeptanz bei Patient:innen und eine deutliche Entlastung des medizinischen Personals. „Wobei der persönliche Kontakt zum Arzt oder zur Ärztin nicht zu unterschätzen ist und wahrscheinlich zum Heilungsprozess dazugehört“, betont Schmieder.
Sie verstehe die Digitalisierung in der Wunderkint-Zielgruppe eher als ein „Add-on“. „Durch die App lernen unsere Patientinnen und Patienten mehr über ihre Erkrankung und den Umgang damit. Das gibt ihnen Mut, Zuversicht und Sicherheit, die Wunde fachgerecht zu behandeln, was zu einer schnelleren Wundheilung führt.“
Die Studie mit dem Titel „WoundAIssist: A Patient-Centered Mobile App for AI-Assisted Wound Care With Physicians in the Loop“ wurde an der Universität Würzburg durchgeführt und in der Fachzeitschrift ACM Transactions on Computing for Healthcare veröffentlicht.