Primärversorgung

Scharpf: Apotheken sollen Lotsen werden 21.08.2026 11:04 Uhr

Berlin - 

Beim Primärversorgungssystem sollten die Apotheken eine Rolle spielen, ist Franziska Scharpf, Vizepräsidentin der Bundesapothekerkammer (BAK), überzeugt. Allerdings müsse der Bund hierfür auch die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen. 

„Primärversorgung bedeutet erste Anlaufstelle im Gesundheitswesen, dort wo Menschen zuerst Hilfe suchen. Apotheken sind prädestiniert dafür, denn sie sind flächendeckend und wohnortnah vorhanden und bieten einen niederschwelligen Zugang mit hochqualifizierter Beratung für Patientinnen und Patienten rund um die Uhr“, erklärt Scharpf.

Apotheken würden entscheidend zur Gesundheitsförderung beitragen, durch Aufklärung und Beratung beispielsweise zu Arzneimittel- und Gesundheitsfragen, zu Ernährung sowie Impfungen. Außerdem böten sie zahlreiche Präventions- und Früherkennungsangebote zum Beispiel zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Demenz an. „Nicht zu vergessen, die unterschiedlichen pharmazeutischen Dienstleistungen“, so Scharpf. Das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG) sehe im Bereich der Vorsorge noch weitere Aufgaben vor, die Apotheken künftig übernehmen sollen. Darüber hinaus unterstützen Apothekenteams Patientinnen und Patienten auch bei der Anwendung und Nutzung digitaler Tools.

„Apotheken können Arztpraxen und Notfalleinrichtungen entlasten, weil sie eine Lotsenfunktion übernehmen und an den richtigen Ansprechpartner im Gesundheitswesen weiterleiten können. Sie können Risiken und Grenzen der Selbstbehandlung erkennen und gegebenenfalls zu Arzt oder Ärztin beziehungsweise notfallmedizinischer Versorgung weiterverweisen“, erklärt sie.

So könnten sie ärztliche Akutsprechstunden und Notdienste entlasten, unter anderem durch die pharmazeutische Betreuung nach einer Krankenhausentlassung oder durch die Abgabe von OTC-Arzneimitteln zu Lasten der GKV. „Eltern müssen aktuell zur Kostenübernahme einen Notdienst oder eine Arztpraxis aufsuchen, nur um dafür eine Verordnung zu erhalten.“

Außerdem trügen Apotheken zur Arzneimitteltherapiesicherheit und damit entscheidend zur Patientensicherheit bei, durch die kontinuierliche Pflege des elektronischen Medikationsplans, die Verbesserung der Therapietreue bei Dauermedikation und die Begleitung bei chronischen Erkrankungen oder in besonderen Lebensphasen.

Stabilisierung der Apotheken

„Apothekerinnen und Apotheker sind bereit, mehr Verantwortung in der Primärversorgung zu übernehmen“, erklärt Scharpf. Erforderlich dafür sei aber eine gute wirtschaftliche Stabilisierung der Apotheken, zum einen, um weitere Schließungen zu verhindern, zum anderen um auch entsprechendes Personal für die zusätzlichen Aufgaben zu gewinnen. „Wichtig sind zudem ein konstruktiver Dialog und Austausch zwischen allen Beteiligten – sprich Gesundheitsprofessionen, Gesellschaft und Politik. Der derzeit hohe Druck auf viele Gesundheitsberufe und die finanziellen Engpässe erschweren den Prozess, zeigen aber gleichzeitig die Notwendigkeit neuer Lösungsansätze auf“, so Scharpf weiter.

Verbindlichkeit im System könne außerdem durch entsprechende gesetzliche Rahmenbedingungen und den Abbau unnötiger Bürokratie hergestellt werden. „Die Politik ist aufgefordert, diese Voraussetzungen zu schaffen und die Apotheke vor Ort als eine tragende Säule der Primärversorgung zu stärken.“

Weitere Gesundheitsberufe

Auch weitere Gesundheitsberufe sollten laut Scharpf in das geplante Primärversorgungsystem eingebunden werden. „Im Grunde genommen alle Gesundheitsberufe, das hängt von den Beschwerden beziehungsweise dem Krankheitsbild ab.“ Besonders relevant seien dabei Pflegefachpersonal und Physiotherapeuten, aber auch Psychotherapeuten, Medizinische Fachangestellte, Hebammen, Ergotherapeuten, Logopäden sollten je nach medizinischer Problemstellung eingebunden werden.

Auch die Krankenkassen könnten eine Lotsenfunktion übernehmen und Informationen für ihre Versicherten bereitstellen, an welche medizinische Einrichtung sie sich je nach Problemstellung wenden können. „Die Kassen könnten auch ihre Bonusprogramme hingehend Prävention und Primärversorgung sowie ihre Chronikerprogramme ausbauen. Ebenso könnten sie finanzielle Anreize für ihre Versicherten für sinnvolle Inanspruchnahme der richtigen Versorgungsebene geben“, so Scharpf.

 

Was bringt die Primärversorgung mit sich? Dieses und weitere Themen finden Sie in der neu erscheinenden Ausgabe der Apotheken Umschau. Für weitere Beiträge besuchen Sie gern die APOTHEKE ADHOC-Rubrik „Apotheken Umschau“.