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Medfakes: Gesundheits- und Demokratiegefährdend 09.09.2026 13:06 Uhr

Berlin - 

Es werde nicht nur ein Gesicht geklaut, sondern Vertrauen, erklärte die Moderatorin Yara Hoffmann. Was passiert mit der Medizin, wenn man nicht mehr vertrauen kann? Und wer trägt die Verantwortung dafür, dass wir auch weiter vertrauen können? Darüber diskutierten Dr. Julia Fischer, Ärztin, Journalistin und Medfluencerin, Andreas Arntzen, CEO des Wort & Bild Verlags, Dr. Eckart von Hirschhausen, Anna-Lena von Hodenberg, Mitbegründerin von HateAid, und Dr. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer (BÄK).

Man spreche bei Medfakes nicht über Einzelfälle, sondern über 100.000 irreführende und gesundheitsgefährdende Anzeigeninhalte mit einer Reichweite von 100 Millionen Views. Doch das sei nur der Beginn einer gefährlichen Entwicklung, stellte von Hirschhausen klar. „Das, was auf uns zukommt, ist so viel größer als das, was wir gerade sehen.“ Der Umgang mit Deepfakes und gefährlicher Desinformation sei ein gesamtgesellschaftliches Thema, betonte er, sogar ein demokratiegefährdendes Thema.

„In diesen Anzeigen wird suggeriert, dass etablierte Therapien nicht funktionieren und man stattdessen irgendwelche Mittel einnehmen soll – da sind Leben in Gefahr“, betonte Fischer. Arntzen sieht vor allem Vertrauen in Gefahr.

Von Hirschhausen wurde bereits mehrfach Opfer von Betrügern, die im Netz mit seinem Gesicht Werbung betrieben. Dadurch werde die Gesundheit der Konsumenten gefährdet und das mühselig aufgebaute Vertrauen in seine Person verspielt. „Wer mitverdient, sind Meta und Google“, erklärte er. Die Sehnsüchte, den Schmerz und die Verzweiflung von Menschen so schamlos auszunutzen, sei das Mieseste, was man machen könne. Strafrechtlich werde aber wenig getan, um dagegen vorzugehen. „Wir verfolgen das Fälschen von Geldscheinen so akribisch; ich wünsche mir, dass das Faken von Menschen ebenso akribisch verfolgt wird“, so von Hirschhausen.

Keine gemeinsame Realität

„Wenn wir uns nicht mehr auf bestimmte Dinge einigen können, dass das Fakten sind, dann ist das gefährlich für die demokratische Gesellschaft“, betonte von Hodenberg. Wie solle ein gesellschaftlicher Diskurs stattfinden, wenn man sich nicht auf eine Realität einigen könne? An Medfakes verdiene eine Industrie, der die Gesundheit und Gesellschaft egal sei.

Reinhardt ist der Meinung, dass Google und Meta gerade „ganz große Fehler begehen“. Irgendwann würden die Menschen lernen, dass die Informationen dieser Plattformen nichts wert seien. In der Konsequenz würden dadurch persönliche Begegnungen einen neuen Wert erhalten.

Arzt oder Apotheker fragen

„Auf eine kuriose Art und Weise nehmen wir die digitale Welt immer noch nicht als real an, sie hat aber reale Konsequenzen“, so von Hirschhausen. Gefälschte Medikamente haben reale Konsequenzen, betonte er. Daher sei Medienkompetenz auch Gesundheitskompetenz.

„Der Check muss wieder im analogen Leben stattfinden – da kommt auch die Apotheke ins Spiel“, fordert von Hirschhausen. In der Apotheke habe man immer eine echte Fachkraft stehen, die man fragen könne, bevor man im Internet bestelle. Es müsse gelingen, alle gefährdeten Menschen dafür zu sensibilisieren. „Helft mit, dieses Bewusstsein zu schaffen“, appellierte er. „Fragt einen Arzt oder Apotheker – wir brauchen einen analogen Check.“

„Wir buchen schließlich auch nicht einfach ein Hotel, weil auf der Webseite ‚tolles Hotel‘ steht, sondern checken, was andere dazu sagen, die schon mal da waren“, erklärte Fischer. „Das Schlimme ist eben, Hoffnung und Verzweiflung sind so stark, dass man das dann doch denkt, vielleicht könnte es helfen.“ Auch ihre Inhalte sind schon gefakt worden. Sie sei schockiert gewesen, wie schwer es gewesen sei, die Fake-Anzeigen herunternehmen zu lassen. „Das ist wie David gegen Goliath, wir als Einzelne sind relativ chancenlos“, meint Fischer.

Die Plattformen seien nicht verpflichtet, die Inhalte zu suchen, sondern die Person sei verantwortlich, jeden einzelnen Inhalt zu finden und um Löschung zu bitten, erklärt von Hodenberg. Hier müsse rechtlich dringend nachgebessert werden: „Wenn die größten Plattformen nicht dazu verpflichtet sind, dann müssen wir als Gesellschaft doch sagen, wir verpflichten sie dazu“, fordert sie.

„Es muss doch möglich sein, diese Fakes zu melden, und dann hat es sich erledigt – es gibt noch nicht mal eine Anlaufstelle in Deutschland dazu“, pflichtete von Hirschhausen bei. Er habe, als er gegen die ihn betreffenden Deepfakes vorging, mit einer Stelle in Irland korrespondieren müssen. „Du hast einem Drachen einen Kopf abgehauen und zehn sind nachgewachsen. Außerdem hast du kein Schwert, sondern ein stumpfes Messer“, beschrieb auch von Hirschhausen. Die technische Entwicklung sei so viel schneller, als der Mensch sich darauf einzustellen vermag. Die evolutionäre Bedeutung von KI sei noch nicht richtig verstanden. „‚Ich habe es mit eigenen Augen gesehen‘ ist immer noch ein Qualitätsmerkmal. Das gilt aber nicht im Digitalen.“

Auch Reinhardt sieht Nachbesserungsbedarf: „Um ein Knöllchen einzutreiben, verfolgen wir durch ganz Deutschland. Wie wenig Vollzug an dieser Stelle geschieht, ist eine Katastrophe.“

Mehr persönlichen Kontakt

Negative Folgen für das individuelle, persönliche Arzt-Patienten-Verhältnis sieht Reinhardt nicht. „Im Gegenteil, das wird mehr wertgeschätzt.“ Man werde sich in Zukunft mehr auf dieses persönliche Vertrauen stützen müssen. Dennoch verkompliziere es natürlich die Arbeit, wenn im Gespräch mit einem Patienten viele Desinformationen ausgeräumt werden müssen.

Die Apotheken Umschau erreiche 20 Millionen Menschen pro Monat, erklärt Arntzen. „Es ist auch unsere Verantwortung, 20 Millionen Menschen vor den gesundheitlichen Folgen solcher Fakes zu warnen und die Gesellschaft zu informieren.“

Was kann man tun?

Betroffene sollten im ersten Schritt Beweise sichern, zum Beispiel durch Screenshots mit Datum, dann müsse man zur Polizei gehen und Strafanzeige stellen, anschließend müssen die Fake-Inhalte bei der Plattform gemeldet werden, gerne auch über einen Trusted Flagger, erklärt von Hodenberg. Allerdings sei der Kampf beschwerlich und wirklich alles entfernen zu lassen, gelinge meistens nicht. „Wenn wir gar nicht im Internet auftauchen, haben wir eine Chance, nicht im Deepfake zu landen, aber schon ein Instagram-Foto reicht aus. Wenn es einmal im Internet ist, ist es dort im Moment zumindest aktuell für immer“, erklärt sie. Am häufigsten betreffen Deepfakes nach wie vor pornografische Inhalte von Frauen und Mädchen. Vor drei Jahren sei es dann mit den Scams losgegangen.

Wie schütze ich mich?

„Wenn es emotional aufrührend ist, Angst erregt oder Hoffnung weckt, müssen wir querlesen“, rät Fischer. „Auch immer, wenn etwas verkauft werden soll.“ Außerdem müsse auch staatlich besser reguliert werden. „Die Verantwortung darf nicht allein auf den Einzelnen abgewälzt werden.“ Auch von Hodenberg erklärte, dass es dringend mehr staatliche Verantwortung brauche. „Schließlich können wir nicht alle Faktenchecker und Journalisten werden.“

Wichtig sei auch, dass das Thema weiterhin in der Öffentlichkeit bleibe. „Die Wahrheit lohnt sich immer, auch wenn ich nur eine Person erreiche“, so Arntzen. Man dürfe das Feld nicht den Fakes überlassen. Aber Menschen müssten auch wieder lernen, mehrere Quellen zu checken.

Darüber hinaus müssten auch die Geschichten derer erzählt werden, die negative Folgen von Fakes zu spüren bekommen haben. Dieser Schaden muss dokumentiert und kommuniziert werden, betonte Reinhardt.