DRK fordert Geld für Hitzeschutz 31.08.2026 06:30 Uhr
Der Sommer ist vorbei, doch was bleibt, ist eine traurige Bilanz: Nach Schätzungen des Robert Koch-Instituts (RKI) sind bis Mitte August etwa 15.800 Menschen durch Hitze gestorben. 9600 dieser Todesfälle entfielen auf die Extremhitze Ende Juni, wie es im letzten Wochenbericht hieß. Weitere 4000 Sterbefälle seien auf die hohen Temperaturen in den ersten zwei Augustwochen zurückzuführen.
In diesem Jahr sind wesentlich mehr Menschen an Hitze gestorben als in den vergangenen mindestens zehn Jahren. Laut RKI handelt es sich um konservative Schätzungen. Die Zahl könne sogar noch höher liegen. Der medizinische Geschäftsführer der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Professor Dr. Uwe Janssens, hatte erklärt, viele Fälle würden nicht als hitzebedingt erfasst, weil auf Totenscheinen etwa Organversagen stehe.
Das DRK Hessen berichtet von einem erhöhten Einsatzaufkommen in mehreren Rettungsdienstbereichen in Hessen während der Hitzewellen des Sommers. „Besonders betroffen waren ältere Menschen sowie Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen“, hieß es. „Beobachtet wurden insbesondere Kreislaufprobleme, Flüssigkeitsmangel, Erschöpfungszustände und hitzebedingte Verschlechterungen bereits bestehender Erkrankungen.“
Wärmster Sommer
Nach einer vorläufigen Auswertung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) ist der diesjährige Sommer einer der wärmsten seit Beginn flächendeckender Messungen gewesen. „Auffällig und außergewöhnlich waren insbesondere die Extreme: Die Hitzewelle Ende Juni erreichte in Ausmaß und Folgen Dimensionen, wie sie in Deutschland bislang nicht beobachtet wurden“ hieß es. Die Temperaturen lagen zeitweise deutlich über 40 °C, tropische Nächte brachten auch nachts kaum Abkühlung.
„Eine DWD-Attributionsstudie zur Hitzewelle Ende Juni 2026 ergab: Ohne den Klimawandel wäre eine Hitzewelle dieses Ausmaßes statistisch unmöglich gewesen.“ Mit Attributionsstudien lässt sich abschätzen, inwieweit der vom Menschen verursachte Klimawandel die Wahrscheinlichkeit und Intensität individueller Wetter- oder Klimaextreme verändert hat.
Der Sommer war nach vorläufigen Angaben zudem sehr trocken, besonders im Westen und Südwesten Deutschlands. „Bei den Sonnenstunden dürfte sich der Sommer 2026 unter den Sonnenschein-reichsten seit Beginn der Aufzeichnungen einreihen.“
Auch die Psyche leidet
Hannah Wallis, Juniorprofessorin an der Universitätsklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Magdeburg, forscht zum Zusammenhang von Hitze und psychischer Gesundheit. Sowohl 2025 als auch 2026 habe sie Menschen an Tagen mit mehr als 25 °C zu ihren psychischen und körperlichen Belastungen befragt und das mit Daten des DWD abgeglichen.
Zu den Ergebnissen der ersten Studie im vergangenen Jahr sagt sie: „Je heißer es wird, desto mehr depressive und körperliche Symptome berichteten die Teilnehmer.“ Das sei nicht für jeden direkt spürbar. „Es kann sein, dass das ein leichtes, depressives, ängstliches Symptom ist.“ Besonders wichtig sei die Erkenntnis: Menschen, die ohnehin schon psychisch vorbelastet waren, haben bei steigenden Temperaturen deutlich mehr ängstliche und depressive Symptome berichtet als Menschen ohne solche Vorbelastungen.
Konsequenzen der Bundesregierung?
Bestehende Programme zum Klimaschutz sollten geprüft und besser verzahnt, Hürden für Anträge und Befristungen abgebaut und alles transparenter gestaltet werden, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Man wolle wissen, wo die Länder Geld vom Bund investieren.
„Wir werden außerdem aus dem Hitzesommer 2026 Lehren ziehen und konkrete Hilfen prüfen müssen. Das betrifft vor allem die Vorsorge für Waldbrände, die Ausstattung der Feuerwehren und der weiteren Hilfsorganisationen, die bemerkenswerte Arbeit geleistet haben in diesem Sommer“, sagte Merz. Es gehe auch um Gesundheitsprävention, die Folgen für den Verkehr sowie Land- und Forstwirtschaft.
Die hessische Gesundheitsministerin Diana Stolz (CDU) sagte: „Die Hitzephasen haben in diesem Sommer einmal mehr gezeigt, dass wir als Gesellschaft insbesondere den Schutz älterer und alleinlebender Menschen noch stärker in den Blick nehmen müssen.“ Gerade ältere und alleinlebende Menschen seien besonders gefährdet. „Deshalb müssen wir als Gesellschaft genauer hinschauen und füreinander da sein.“ Hitzeschutz sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.
Sie will das Thema bei einer Dialogplattform ansprechen: „Sie wird darüber beraten, wie bei extremer Hitze insbesondere ältere Menschen besser erreicht und für die Bedeutung gegenseitiger Unterstützung über eine landesweite Kampagne sensibilisiert werden könnte.“ Für künftige Hitzephasen müssten Kampagnen vorbereitet sein, die einen besonderen Schwerpunkt auf ältere Menschen und die gegenseitige Unterstützung in der Gesellschaft legten.
Problem: Medikamente
Das DRK Hessen fordert ein „landesweit abgestimmtes Vorgehen, das Prävention, Gesundheitsversorgung, Pflege und Rettungsdienst“ einbeziehe. Besonders wichtig sei, die Bevölkerung früh zu informieren, besonders gefährdete Menschen zu schützen und „verbindliche Hitzeschutzkonzepte in Einrichtungen des Gesundheitswesens sowie eine hitzeresiliente Infrastruktur im Rettungsdienst“.
Es geht aber gerade bei der Infrastruktur auch um Geld: „Zusätzliche Maßnahmen wie die Klimatisierung von Rettungswachen, technische Nachrüstungen an Fahrzeugen, die Sicherstellung geeigneter Medikamentenlagerung oder weitergehende Arbeitsschutzmaßnahmen verursachen erhebliche Kosten“, sagt das DRK Hessen. Hier gebe es noch Klärungsbedarf. Notwendige Investitionen dürften nicht zulasten der Leistungsfähigkeit im Gesundheitswesen gehen. „Die Diskussion über Anpassungsmaßnahmen muss daher mit einer Diskussion über deren nachhaltige Finanzierung verbunden werden.“
Der Schutz besonders gefährdeter Menschen und der Einsatzkräfte müsse nach Ansicht des DRK „als dauerhafte Aufgabe verstanden werden, auf die sich Gesundheitswesen, Pflege, Rettungsdienst, Kindertagesbetreuung, Politik und Kostenträger gemeinsam vorbereiten müssen“.
Und wie kann das klappen?
Wallis hat noch eine andere Erkenntnis aus ihrer Studie gezogen: „Hitzebezogene Selbstwirksamkeit, also ob ich wirklich das Gefühl habe, mich vor Hitze schützen zu können, und Risikowahrnehmung, also wie sehr ich mein eigenes Risiko wahrnehme von Hitze, das ist besonders relevant für die Vorhersage von Hitzeschutzverhalten.“ Menschen, die sich wenig selbstwirksam fühlten, seien weniger motiviert, ein Hitzeschutzverhalten zu etablieren, sagt die Forscherin.
Auch die persönlichen Voraussetzungen seien wichtig. „Wenn in ein Wasserglas, was sehr voll ist, noch etwas obendrauf kommt, dann schwappt es über. Wenn es aber fast leer ist, ist noch Platz für mehr. So ist es auch mit Hitze und psychischer Gesundheit, wenn ein Mensch schon stark psychisch vorbelastet ist, kann die Hitze zu Problemen führen“, erklärt sie. „Mein Rat ist, besonders an heißen Tagen zu schauen, was einem guttut, und auch darauf zu hören.“