Depression bei Kindern: Welche Medikamente helfen 12.09.2026 08:21 Uhr
Depressionen im Kindes- und Jugendalter werden oft unterschätzt. Da sich die Erkrankung in jungen Jahren ganz anders zeigen kann als bei Erwachsenen, bleibt sie häufig viel zu lange unerkannt. Doch je früher Hilfe da ist, desto besser stehen die Chancen für eine gesunde Entwicklung.
Während Jugendliche ihre Sorgen und Gefühle meist schon recht präzise in Worte fassen können, sieht das bei Kindern anders aus. Das National Institute of Mental Health (NIH) weist darauf hin, dass bei ihnen in der Regel keine klassische Traurigkeit im Vordergrund steht. Stattdessen fallen sie eher durch starke Reizbarkeit, körperliche Beschwerden wie unerklärliche Bauchschmerzen oder totalen Rückzug auf. Genau deshalb gehört die Abklärung immer in die Hände von Fachleuten für Kinder- und Jugendpsychiatrie oder spezialisierten Psychotherapeuten.
Neue Leitlinie
Eine im März veröffentlichte Leitlinie der Arbeitsgemeinschaft der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) zeigt, dass die Behandlung genau zum Alter und Entwicklungsstand passen muss. Dabei wurde die konsensbasierte Empfehlung „Kindern und Jugendlichen mit depressiven Störungen soll eine Behandlung angeboten werden“ neu aufgenommen. Sie besagt, dass bei Kindern und Jugendlichen mit depressiven Störungen direkt nach Diagnosestellung eine Behandlung angeboten werden soll – im Gegensatz zur Erstfassung dieser Leitlinie, in der aktiv abwartende Maßnahmen (Unterstützung, Beratung oder Psychoedukation) bei einer leichten Depression empfohlen wurden.
Grundlage für die Behandlung ist die kognitive Verhaltenstherapie (KVT). Sie hilft dabei, belastende Denkmuster zu durchbrechen, wieder mehr Freude am Alltag zu finden und den Umgang mit Gefühlen zu lernen. Die Interpersonelle Therapie (IPT) wurde als Alternative zur Behandlung der ersten Wahl aufgenommen.
Je jünger die Betroffenen sind, desto wichtiger ist es, die Familie eng mit einzubeziehen:
Kleinkinder (3 bis 6 Jahre)
In dieser Altersphase verarbeiten Kinder Gefühle und Belastungen vor allem spielerisch – etwa beim Malen, Geschichtenerzählen oder im Rollenspiel. Deshalb steht hier eine spezielle Eltern-Kind-Therapie im Vordergrund. Medikamente kommen für Kleinkinder nicht infrage.
Kinder (7 bis 12 Jahre)
Neben der KVT kommt hier auch eine familienbasierte interpersonelle Psychotherapie in Betracht. Antidepressiva werden erst bei mittelschweren bis schweren Verläufen erwogen, und das auch nur dann, wenn eine Psychotherapie nicht ausreicht, nicht machbar ist oder abgelehnt wird.
Jugendliche (13 bis 18 Jahre)
Auch in dieser Altersgruppe hat Psychotherapie oberste Priorität. Leichte Verläufe werden nicht medikamentös behandelt. Zusätzlich zu Fluoxetin, welches bereits in der Erstfassung empfohlen wurde, empfiehlt die Leitlinie auch die Substanzen Sertralin und Escitalopram als Therapie der ersten Wahl für Jugendliche mit mittelgradiger und schwerer depressiver Episode. Als Alternative zur Therapie der ersten Wahl wird die Substanz Duloxetin empfohlen.
Citalopram wird in dieser Leitlinie den nicht-empfehlenswerten Substanzen zugeordnet. In der Erstfassung wurde dies noch als Alternative zur Behandlung der ersten Wahl empfohlen. Auch Vilazodon, Vortioxetin, Desvenlafaxin und Selegilin fallen unter die nicht-empfehlenswerten Behandlungen.
Soziales Umfeld entscheidend
Therapie allein findet nicht im luftleeren Raum statt. Ein stabiler Tagesablauf, ausreichend Schlaf und sportliche Aktivität sind extrem wertvolle Begleiter im Alltag. Auch die Schule sollte bei Leistungseinbrüchen mit ins Boot geholt werden. Wichtig ist aber: All diese Faktoren unterstützen den Heilungsprozess zwar enorm, sie sind jedoch kein Ersatz für eine professionelle Psychotherapie.
Allerdings wurden neue evidenzbasierte Empfehlungen für sportliche / körperliche Aktivität, Lichttherapie und Omega-3-Fettsäuren aufgenommen sowie neue konsensbasierte Empfehlungen für künstlerische Therapien, Ergotherapie und Maßnahmen der Kinder- und Jugendhilfe.
Wie wichtig ein früher Start ist, unterstreichen auch Einschätzungen des britischen NICE-Instituts. Wird rechtzeitig gehandelt, gelingt die Rückkehr in den Schul- und Familienalltag deutlich leichter und das Risiko für Rückfälle sinkt spürbar.
Kinder & Depression – dieses und weitere Themen finden Sie in der aktuellen Apotheken Umschau.