Österreich

Versandhandel: „Man ist halt dabei“ Eugenie Ankowitsch, 07.11.2017 12:07 Uhr

Berlin -

Seit Mitte 2015 dürfen österreichische Apotheken rezeptfreie Arzneimittel über das Internet verkaufen. Waren die Erwartungen am Anfang hoch, herrscht nun die Ernüchterung. Gerade einmal 45 der knapp 1350 Apotheken wagten bisher den – streng regulierten – Schritt in die Online-Welt. Doch die Geschäfte der wenigen Vorreiter laufen offenbar mehr schlecht als recht. Das große Geschäft machen stattdessen die ausländischen Versender.

Schon früh hat sich angedeutet, dass die österreichischen Apotheker nur zögerlich von der neuen Möglichkeit des Versandhandels mit rezeptfreien Medikamenten Gebrauch machen wollten. Im Februar 2016 hatten sich gerade einmal 24 der insgesamt rund 1350 Apotheken dafür registrieren lassen. Nun – fast zweieinhalb Jahre später – sind das 45 Apotheken. Die Qualitätsvorgaben, die sie erfüllen müssen, sind relativ streng. Diesem Aufwand steht offenbar nur ein magerer Umsatz gegenüber.

„Wir haben etwa fünf Bestellungen pro Woche, ein großer Mehrumsatz ist das nicht“, berichtet Christina Kletter von der Auge-Gottes-Apotheke in Wien auf kurier.at. „Man ist halt dabei.“ Gegen die großen „Aspirin-Verschleuderer“ aus dem Ausland könne man ohnehin nicht konkurrieren. Viele suchen daher die Nische, bieten ausgewählte Produkte an oder verlegen sich ganz auf die rasche Zustellung außerhalb der Öffnungszeiten. Auch Ulrike Sommeregger von der Wiener Arbarelli-Apotheke sieht sich eher als „Start-up in der Aufbauphase“. Zwar gab sie an, dass die Nachfrage groß sei. Für die Bewerbung des Angebots brauche es aber viel Geld, so die Apothekerin.

„Eine eigene Online-Apotheke erfordert hohe Investitionskosten und zusätzlichen Aufwand für den Apothekenbetrieb“, bestätigte Christian Wurstbauer, Vizepräsident der Österreichischen Apothekerkammer. Das Unternehmerrisiko sei relativ groß. „Denn im Endeffekt müssen die kleinen österreichischen Online-Apotheken mit den großen internationalen 'Schiffen' konkurrieren.“

Zudem sei in Österreich die Nachfrage nach Online-Apotheken schwer bezifferbar, so Wurstbauer. Die nachbarschaftliche Versorgung mit rezeptfreien Arzneimitteln und die damit verbundene persönliche Beratung vor Ort würden für die Menschen eine wichtige Rolle spielen.

Mit dem Portal Apodirekt versuchten die Apotheker zunächst, ein eigenes „Click & Collect“-System aufzubauen. Das Prinzip: Kunden sollen Arzneimittel im Internet reservieren und dann in der Apotheke vor Ort abholen. Ohne Preisauszeichnung und Bestellmöglichkeit wurde das Vorhaben zum Flop und im Juni 2017 wieder eingestampft. „Die bloße Vorbestellung und Abholung eines Arzneimittels in der Apotheke bietet zu wenig Nutzen für den Kunden. Wir haben aus dem Click-und-Collect-System aber viel gelernt“, sagte Wurstbauer auf kurier.at.

Dennoch wolle sich die Kammer nicht gegen das Thema verschließen, versichert sie. „Wir beschäftigen uns gerade intensiv mit der Digitalisierung unserer Branche“, sagte der Kammervize. „Die Zukunft liegt in Plattformen, die für ihre Kunden branchenübergreifend auf allen Vertriebswegen individuelle Lösungen präsentieren.“ Aber auch sie könnten die Vertrauensbasis, die im Vier-Augen-Gespräch mit Apothekern herrsche, nicht ersetzen.

Während der Versandhandel für österreichische Apotheke eher ein Randgeschäft ist, machen die großen ausländischen Versender offenbar das große Geschäft. Aus dem Ausland agierende Anbieter wie Zur Rose, MyCare oder Shop-Apotheke schneiden sich einer Studie des Marktforschungsunternehmes QuintilesIMS zufolge den größten Umsatzkuchen ab.

Dabei würden sie auf Blockbuster wie Erkältungspräparate, Schmerz- und Nahrungsergänzungsmittel oder Diätprodukte setzen. „Hier gibt es einen aggressiven Preiskampf zwischen den Online-Händlern, da können österreichische Apotheken gar nicht mithalten“, erläuterte Martin Spatz, Österreich-Chef von QuintilesIMS gegenüber kurier.at. Er rechnet damit, dass der Versandhandelsanteil in Österreich in den nächsten Jahren auf maximal 10 Prozent steigen wird.

Eine Studie verweist auch auf „bedenkliche Entwicklungen“ im Arzneimittelversand, um den Absatz zu steigern. So verlangten viele Versender eine Mindestbestellmenge, damit versandfrei geliefert wird. Dadurch werde mehr bestellt als erforderlich und so ein Überkonsum von Arzneimittel gefördert, warnte Spatz. Viele Händler würden Kombi-Angebote im Web-Shop aktiv anpreisen. Was nicht benötigt werde, lande dann einfach im Müll.