Nigeria

Pfizer selektiert Apotheken Patrick Hollstein, 18.08.2007 15:07 Uhr

Berlin - 

Der US-Pharmakonzern Pfizer startet in der nigerianischen Metropole Lagos einen einzigartigen Testballon: Im Rahmen eines so genannten „Pfizer Friendly Pharmacy Programme“ werden ausgewählte Apotheken an den Konzern gebunden und als solche kenntlich gemacht. Pfizer will so verlässliche Anlaufstellen für Patienten schaffen - und den zahlreichen Produktpiraten auf den Märkten und in den Straßen das Handwerk legen.

Die Apotheken erhalten spezielle Rabatte auf Pfizer-Ware sowie kostenlose Schulungen, Informationsmaterialien und Teststreifen. Die Pfizer-Apotheken sollen die Bevölkerung über Gesundheitsrisiken aufklären und kostenlose Blutdruck-, Diabetes- und Cholesterin-Tests anbieten. Auch für die Mitarbeiter sind regelmäßige Schulungen vorgesehen.

Anfang August wurde die erste Gruppe der Partnerapotheken vorgestellt. Der lokale Pfizer-Marketingchef Jude Abonu sprach von einer neuen Ära im nigerianischen Apothekenwesen: „Wir wollen starke Partner, die Nein sagen zu Imitaten, Scheinarzeien und Parallelimporten.“

Nigeria gilt auf dem afrikanischen Kontinent als Hochburg der Arzneimittelfälscher. Noch 2001 waren der nigerianischen Arzneimittelaufsicht zufolge zwei von drei im Verkehr befindlichen Arzneimittel nicht zugelassen oder registriert; 41 Prozent waren gefälscht oder von deutlich minderwertiger Qualität. Heute liegt der Anteil der Fakes offiziellen Kreisen zufolge immer noch bei 15 Prozent, in einigen Landesteilen bei knapp einem Drittel.

Traditionell hatten in Nigeria Straßenhändler und Marktschreier das Geschäft mit den Medikamenten unter sich aufgeteilt. Anders als im ärztlichen Sektor gab es im Arzneimittelbereich über lange Zeit kaum gut ausgebildetes Personal. Die mitunter zwielichtigen Medikamentenhändler hatten seit den 1990er-Jahren eine äußerst effiziente Infrastruktur geschaffen, derer sich auch die westlichen Arzneimittelkonzerne bedienten. Über die informellen Verteilungswege brachten jedoch auch Arzneimittelfälscher ihre Ware aus Indien, Pakistan und China in den Markt.

Mit der Einrichtung einer dezidierten Arzneimittelzulassung hatte die nigerianische Arzneimittelaufsichtsbehörde NAFDAC 2002 auf die Missstände reagiert. Zahlreiche Märkte waren geschlossen, ganze Wagenladungen illegaler Medikamente beschlagnahmt worden. Die Fälscherbanden hatten mit Terror und Gewalt gegen Behörden und Politiker reagiert.

Nun will die Regierung die Arzneimittelmärkte durch echte Apotheken ersetzen, die von zugelassenen Apothekern geführt werden. Diese wiederum fühlen sich allerdings durch die Vergabe von Niederlassungslizenzen durch die Behörden unnötig drangsaliert; ihrer Meinung nach sollten sich die Beamten in ihren Aktivitäten auf berufsrechtliche Belange beschränken.

Ob das Pfizer-Konzept für die Entwicklung eines seriösen Apothekenmarktes eine ernst zu nehmende Alternative ist, wird sich zeigen. Die Partnerapotheken müssen sich zahlreichen Konzernvorgaben beugen und dürfen nur Originalware von Pfizer beziehen. Die propagierte Win-Win-Situation dürfte ohnehin nur für die Partnerapotheken gelten; wer es nicht in den Zirkel der Markenapotheken schafft, hat das Nachsehen.

Und auch das Verhältnis zwischen dem weltgrößten Pharmakonzern und der nigerianischen Regierung gilt als angeschlagen, seit vor wenigen Wochen erneut die Diskussion um illegale Versuche aufgeflammt war. Pfizer hatte während einer Meningitis-Epidemie 1996 in Nigeria ohne Genehmigung der Behörden ein nicht zugelassenes Antibiotikum mit dem Namen Trovan an Minderjährigen getestet, elf Kinder waren gestorben. Die Regierung besteht auf Strafzahlungen in Höhe von sieben Millionen US-Dollar.