Pharmaziestudium

„NC-Flüchtlinge sind wir nicht“ Maria Hendrischke, 09.09.2016 10:17 Uhr

Berlin - 

Pharmazie studieren in Österreich, um in Deutschland als Apotheker zu arbeiten: Der Notenschnitt ist nicht für jeden der Grund für diesen Schritt. Julia Rossa hätte einen deutschen Studienplatz sicher gehabt. Sie zog es jedoch vor, nach Wien zu gehen – und würde es wieder so machen.

Rossa hat für das Studium in Wien ihre Zusage in Greifswald verfallen lassen. „Ich wollte nicht in Greifswald studieren. Das hatte verschiedene Gründe“, sagt sie. Pharmazie sollte es aber sein; und bis zu den nächsten Zulassungen im Sommersemester wollte sie nicht mehr warten. Hätte sie in Deutschland bleiben wollen, wäre das aber aufgrund des zentralen Vergabeverfahrens für Pharmaziestudienplätze nötig gewesen.

Daher bewarb sich Rossa an den drei Pharmazieinstituten in Österreich; in Innsbruck, Graz und Wien. Eine Zugangsbeschränkung gab es im Jahr 2006 für den Diplomstudiengang Pharmazie nicht. Rossa musste auch keine Aufnahmeprüfung absolvieren, wie sie Studieninteressierte dieses Jahr in Österreich ablegen mussten. Aus der Hauptstadt bekam Rossa die erste Zusage: „Daher zog ich zum Wintersemester 2006 nach Wien.“

Rossa begann das Studium mit etwa 400 Kommilitonen – nur eine Handvoll war aus Deutschland. Zum Ende hin seien es immer weniger geworden: „Manche wechselten zurück nach Deutschland, andere brachen das Studium ganz ab“, erinnert sie sich. Keiner sei „NC-Flüchtling“ gewesen oder nach Österreich gekommen, da er eine Prüfung in Deutschland endgültig nicht bestanden hatte: „Manche kamen wegen der Liebe nach Wien, für die anderen war Österreich wegen der Lehre die erste Wahl.“

Rossa ist mit der pharmazeutischen Lehre in Wien rückblickend „sehr zufrieden“ und kann die Universität weiterempfehlen. Nur in den ersten Semestern habe es Hürden gegeben: Je näher die Laborpraktika rückten, desto schwieriger seien die Klausuren geworden. „In Wien wurden mehr Studenten zugelassen, als es Laborplätze gab“, berichtet Rossa. Nach den Laborpraktika sei das Studium „sehr praxisbezogen“ geworden. Viele ihrer Kommilitonen hätten auch ein Semester im Ausland verbracht: „Das Erasmus-Programm wurde bei uns stark beworben.“ Einen direkten Vergleich zwischen der österreichischen und der deutschen Apothekerausbildung kann Rossa nicht ziehen.

Im Juli 2013 schloss Rossa ihr Studium mit dem Diplom ab. Anschließend absolvierte sie ihr Praktisches Jahr (PJ), das in Österreich Aspirantenjahr heißt, ebenfalls in Wien. „Es war damals vorgeschrieben, das PJ auch in Österreich zu machen“, erklärt Rossa. Sie kannte ihre Praktikumsapotheke schon vorher; sie hatte dort zwei Jahre lang als studentische Hilfskraft gearbeitet.

In Österreich hätten Apotheker einen anderen Stand als in Deutschland, sagt Rossa. „Zum einen ist die Vergütung deutlich höher.“ Zum anderen dürften österreichische Apotheker in Notfällen auch ohne Rezept Rx-Medikamente abgeben, solange sie die Entscheidung pharmazeutisch begründen könnten.

Trotz dieser guten Bedingungen war für Rossa klar, dass sie nach dem Studium nach Deutschland zurückkehren würde. Ihre Eltern führten eine Apotheke, die sie womöglich einmal übernehmen werde. „Wien ist eine schöne Stadt, groß und mit vielen kulturellen Angeboten – aber nach acht Jahren war ich wohl einfach übersättigt“, sagt sie.

Nach dem PJ wollte sie in ihrer Heimat Schleswig-Holstein als Apothekerin anfangen. Daher schickte sie ihre beglaubigten Unterlagen an die dortige Apothekerkammer. „Außerdem musste ich eine Eigenerklärung abgeben, dass ich gesundheitlich für den Apothekerberuf geeignet bin und keine Strafverfahren gegen mich laufen“, so Rossa.

Dann erhielt sie aber die Zusage für eine Stelle in einer Apotheke in Konstanz. Die Apothekerkammer leitete ihre Unterlagen zur Kammer in Baden-Württemberg weiter. Drei Wochen später erhielt Rossa ihre Approbationsurkunde. „Es ging wirklich sehr schnell und war unkompliziert“, sagt sie. Anders als Apotheker aus Drittstaaten musste sie nicht das dritte Staatsexamen ablegen oder an der Rechtsprüfung teilnehmen. Für die Abschlussanerkennung sei eine Gebühr von 250 Euro fällig geworden.