Großbritannien: Rezepte vom Apotheker werden Standard 11.03.2026 07:57 Uhr
Ab September dieses Jahres wird das sogenannte Independent Prescribing (IP) – die Befugnis zur unabhängigen Verschreibung von Medikamenten – laut staatlichem Gesundheitsdienst NHS integraler Bestandteil der pharmazeutischen Ausbildung in Großbritannien. Alle neu approbierten Apotheker:innen werden damit am Tag ihrer Zulassung als Independent Prescribers registriert. Sie erhalten damit nicht nur das Recht, eigenständig Diagnosen zu stellen, sondern dürfen auch Rezepte ausstellen.
Ab September wird das sogenannte Independent Prescribing – die Befugnis zur unabhängigen Verschreibung – zum festen Standard in britischen Apotheken. Während diese Kompetenz bisher nur durch eine mehrjährige Berufserfahrung und eine zusätzliche Weiterbildung im Nachhinein erworben werden konnte, wird sie nun integraler Bestandteil der pharmazeutischen Ausbildung.
Förderung von Nachqualifizierungen
Alle neu approbierten Apotheker:innen werden bereits am Tag ihrer Zulassung als unabhängige Verschreiber registriert. Diese Kompetenz wird direkt in das fünfjährige Studium und das anschließende Praxisjahr integriert, sodass die bisher erforderliche mehrjährige Berufserfahrung und eine zusätzliche Weiterbildung entfallen. Fortan dürfen Absolventen somit direkt eigenständig Diagnosen stellen sowie Rezepte ausstellen.
Parallel dazu investiert der NHS nach eigenen Angaben über den Pharmacy Integration Fund massiv in die Nachqualifizierung bereits approbierter Apotheker:innen, die sich bislang nicht weitergebildet haben. Durch die Finanzierung von Fortbildungsplätzen wird laut NHS sichergestellt, dass auch das Bestandspersonal die Kompetenzen zeitnah erwirbt und die flächendeckende Versorgung nicht allein von den künftigen Absolventen abhängt.
Pathfinder-Programm und klinische Schwerpunkte
Zur Vorbereitung der Umstellung startete der NHS das „Community Pharmacy Independent Prescribing Pathfinder Programm“. In mehr als 200 ausgewählten Pilotapotheken wurden die neuen Versorgungsmodelle getestet. Dabei dürfen Apotheker:innen nahezu alle Arzneimittel und die meisten Betäubungsmittel (BtM) eigenständig verordnen. Lediglich die Verschreibung von Kokain, Diamorphin und Dipipanon zur Suchtbehandlung bleibt spezialisierten und zusätzlich lizenzierten Ärzt:innen vorbehalten.
Obwohl die rechtliche Befugnis sehr weit reiche, ist sie in der Praxis laut NHS strikt an den individuellen klinischen Kompetenzbereich gebunden. Das bedeutet: Apotheker:innen verschreiben nur in Fachgebieten, in denen sie über nachgewiesene Expertise verfügen. Als verbindlicher Standard gilt hierbei das Kompetenz-Framework der Royal Pharmaceutical Society. Die Apotheker:innen sind demnach verpflichtet, ihre Grenzen selbstverantwortlich einzuhalten und ihre Diagnosen sowie Behandlungen lückenlos zu dokumentieren.
Neben der Behandlung akuter Infektionen im Rahmen des Pharmacy First-Services liegen die Schwerpunkte auf folgenden Bereichen:
- Herz-Kreislauf: Management von Bluthochdruck und Optimierung der Statine
- Atemwege: Anpassung von Inhalatoren bei Asthma oder COPD
- Frauengesundheit: Verordnung von Kontrazeptiva und Hormonersatztherapien (HRT)
- Deprescribing: Fachgerechtes Absetzen oder Anpassen von Langzeitmedikationen zur Vermeidung von Fehlversorgungen
Evaluation und technische Umsetzung
Die Evaluation des Programms durch die Universität Manchester – basierend auf Daten aus über 160 der insgesamt rund 210 beteiligten Apotheken – zeigt, dass 97 Prozent der mehr als 33.000 Konsultationen ohne ärztliche Überweisung abgeschlossen wurden. Rund 60 Prozent der Fälle mündeten in eine Verschreibung. Als wesentliche Hürde wurde die personelle Belastung genannt, da für den gleichzeitigen Betrieb von Apotheke und Verschreibungsdienst häufig zwei Apotheker:innen vor Ort benötigt wurden.
Ein zentraler Pfeiler der Reform ist zudem die digitale Integration: Um die Patientensicherheit zu gewährleisten, werden neue IT-Strukturen genutzt, die sicherstellen, dass jede in der Apotheke vorgenommene Verschreibung sofort und automatisch in die elektronische Patientenakte beim Hausarzt übertragen wird.
Übergangsphase bis 2026
Das Pathfinder-Programm befindet sich derzeit in der finalen Phase. Nachdem der offizielle Projektzeitraum am 31. Dezember vergangenen Jahres endete, werden viele Standorte laut NHS noch bis März 2026 weitergeführt, um einen nahtlosen Übergang zu gewährleisten.
Ab April 2026 startet laut NHS die Überführung in einen nationalen Standard-Service. Diese Neuausrichtung ist Teil des 10-Jahres-Plans des NHS zur Entlastung der Primärversorgung.