BMG erklärt den Ablauf

E-Rezept: Keine Komplett-Einführung am 1. Januar Tobias Lau, 12.10.2021 10:20 Uhr

  • Kein großer Aufschlag: BMG-Unterbateilungsleiter Christian Klose rückt die Erwartungen an die E-Rezept-Einführung zum 1. Januar zurecht. Foto: APOTHEKE ADHOC
Berlin -

Das E-Rezept kommt am 1. Januar – aber nicht so, wie sich das die meisten bisher wohl vorgestellt haben. Statt mit einem großen Aufschlag werden die elektronischen Verordnungen ab Januar schrittweise eingeführt, das Muster-16 bleibt also vorerst erhalten, erklärt Christian Klose, Leiter der BMG-Unterabteilung „Gematik, Telematikinfrastruktur, E-Health“. Im Interview mit APOTHEKE ADHOC fordert er die Spitzenorganisationen der Leistungserbringer auf, sich aktiver einzubringen – die E-Rezept-Erprobung könnte demnach transparenter ablaufen, wenn DAV, KBV & Co. ihre Mitglieder besser informieren würden.

ADHOC: Sind Sie enttäuscht, dass es beim E-Rezept so schleppend vorangeht?
KLOSE: Wie bei Digitalisierungsprojekten sinnvoll, startet auch das E-Rezept nicht von einem Tag auf den anderen, sondern Schritt für Schritt. Das sollten wir bei der Bewertung solcher Projekte immer bedenken. Da drückt man nicht auf den Startknopf und hat die perfekte Lösung. Digitalisierung ist vielmehr ein permanenter Weiterentwicklungsprozess. Diesen Gedanken spiegelt auch die Gesetzgebung in dieser Legislaturperiode wider. Wir haben viele Gesetze zur Digitalisierung auf den Weg gebracht, aber nicht das eine große Digitalisierungsgesetz. Das macht im Übrigen auch Sinn, um nicht zu schnell zu viel zu verändern. Außerdem gibt das schrittweise Vorgehen Gelegenheit, Gesetze anzupassen, wenn sich die Rahmenbedingungen ändern. Das gilt auch für die Technik. Ich habe nicht die Erwartungshaltung, dass wir am 1. Januar auf den Knopf drücken und jeder bekommt ein E-Rezept. Sondern wir starten mit einem Prozess, der dann deutschlandweit nutzbar ist. Natürlich wird es Ärztinnen und Ärzte geben, die E-Rezepte noch nicht ausstellen können, weil ihre Software das noch nicht hergibt und ihr Anbieter das erst mit dem nächsten Quartalsupdate liefert. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass es keinen Sinn macht, auf den Letzten zu warten und dann erst zu starten. Denn bis dahin ist die Technik veraltet.

ADHOC: Wie viele Anbieter werden am 1. Januar in der Lage sein, E-Rezepte zu generieren?
KLOSE: Ich hoffe, dass wir mit einer großen Anzahl der Leistungserbringer starten. Wir erhalten bisher die Rückmeldung, dass die großen PVS-Anbieter rechtzeitig startbereit sein werden. Und das ist bei den Apotheken und den Krankenkassen nicht anders. Die Kette steht. Das E-Rezept kann starten. Die Ärzte sind gesetzlich verpflichtet, E-Rezepte auszustellen. Es gibt allerdings im Gesetz extra eine Ausnahmeregelung, die greift, wenn es technisch nicht möglich ist, E-Rezepte zu erstellen. Das fokussiert natürlich primär auf Störungen, die es hoffentlich nie geben wird, aber natürlich geben kann. Diese Regelung wird in der Anfangsphase aber auch greifen, wenn ein Praxisverwaltungssystem noch nicht in der Lage ist, E-Rezepte zu erstellen. Dass wir die Testphase verlängert haben, hat übrigens hauptsächlich damit zu tun, dass wir zu wenig Praxisbeispiele hatten. Momentan arbeiten wir hauptsächlich mit synthetischen Tests in einer Testumgebung. Denn für Echtests braucht es ja zur Abbildung der gesamten Prozesskette - nicht nur einen Patienten, sondern auch einen Arzt mit der richtigen PVS und eine entsprechende Apotheke. Deshalb haben wir uns in der Gematik dafür entschieden, die Erprobung in der Fokusregion um zwei Monate zu verlängern. Am Starttermin ändert das nichts.

ADHOC: Wie kam diese Entscheidung zustande?
KLOSE: Für uns war wichtig, das Testgebiet regional zu begrenzen, um den Prozess besser steuern und mögliche Fehler zeitnah erkennen zu können. Wenn wir den Test bundesweit freigegeben hätten, wäre das schwieriger geworden. Wir fokussieren uns erst einmal weiter auf Berlin/Brandenburg und erweitern dort die Echttests und erhöhen zusätzlich die Zahl der synthetischen Tests. Das bildet eine ausgewogene Grundlage für den Start des E-Rezepts.

ADHOC: Warum wurde die Entscheidung so spät getroffen, nämlich am Vortag des Stichtages?
KLOSE: Das hängt mit den Strukturen einer Gesellschaft zusammen. Der Beschluss konnte erst am Tag der Gesellschafterversammlung getroffen werden. Es herrschte im Vorfeld großer Diskussionsbedarf, deshalb hätte es wenig Sinn gemacht, einen schriftlichen Beschluss herbeizuführen. Der Beschluss wurde aber letztlich beinahe einstimmig getroffen. Das zeigt, dass es sich lohnt, in den gemeinsamen Dialog mit den Gesellschaftern einzusteigen.

„Man könnte es auch verlängerte Testphasen nennen“

ADHOC: Zuvor waren alle davon ausgegangen, dass das verpflichtende E-Rezept zum 1. Januar das klassische Muster-16-Rezept komplett ersetzen soll. Wann wurde klar, dass das nicht der Fall sein wird?
KLOSE: Aus unserer Sicht war das eigentlich schon immer klar. Denn unser Verständnis von Technik ist wie gesagt, dass sie nie auf Knopfdruck funktioniert. Für uns war immer klar, wir werden starten, aber die Technik kommt da zum Einsatz, wo sie auch zur Verfügung steht. Dabei wird es eben auch einen Teil der Praxen geben, in denen sie noch nicht einsatzbereit ist. Egal ob es die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ist, das E-Rezept oder die elektronische Patientenakte: Es hat sich gezeigt, dass es keinen Sinn macht, das an einem Stichtag einzuführen, sondern das sind Prozesse, die jetzt hochlaufen. Und manche laufen schnell hoch, weil es eine hohe Nachfrage gibt, während es andere geben wird, bei denen das etwas länger dauert. Ich bin beim E-Rezept optimistisch, dass es sehr schnell geht. Wenn es keine Verpflichtung zur Anwendung gibt, gibt es auch keine Verpflichtung für die PVS-Anbieter, das umzusetzen. Das ist ein bisschen wie mit der Henne und dem Ei. Wenn man keine Technik hat, kann man sie auch nicht testen.

ADHOC: Aber Sie können zusagen, dass es beim 1. Januar bleibt?
KLOSE: Ja, das steht ja im Gesetz und das lässt sich nicht mehr ändern, auch nicht durch einen Gesellschafterbeschluss. Und nach allem, was wir gerade sehen, gibt es keinen Showstopper, der den Start verhindern könnte.

ADHOC: Wie viele echte Rezepte haben denn den kompletten Zyklus bereits durchlaufen?
KLOSE: Eine niedrige zweistellige Zahl. Das ist in der Tat sehr überschaubar, zumal auch nur wenige richtige Rezepte den Prozess durchlaufen haben. Wie bereits erwähnt erfolgt daher auch eine Erweiterung in der Testregion Berlin / Brandenburg.

ADHOC: Glauben Sie, dass für Leistungserbringer außerhalb der Fokusregion eine Eingewöhnungsphase von vier Wochen ausreicht?
KLOSE: So viel ändert sich in den Prozessen für viele zunächst doch nicht. Die Ärzte werden vor allem zu Beginn einfach weiter auf „Drucken“ drücken und bekommen dann ein Stück Papier. Anstelle des rosa Rezeptes ist es dann eben ein QR-Code mit weiteren relevanten Informationen. Beim Arzt haben wir deshalb wenig Veränderung in der Prozesskette. Die Umsetzung muss allerdings technisch im PVS gut hinterlegt sein. Die Berücksichtigung einer guten User Experience für seine Kunden ist aber Aufgabe der PVS-Anbieter, das können wir nicht ins Gesetz schreiben. Patientinnen und Patienten werden allerdings ihren Arzt fragen, was es mit den neuen Rezepten auf sich hat, und er wird es ihnen erklären müssen. Das ist natürlich zusätzliche Arbeit für die Arztpraxis, aber unabhängig davon, ob sie vier Jahre, vier Monate oder vier Wochen Vorbereitungszeit haben. Es ist auch Aufgabe der Leistungserbringerorganisationen, hier zur Unterstützung entsprechendes Informationsmaterial bereitzustellen. Die Gematik hat das für alle Anwendungen getan und stellt das Material allen Leistungserbringerorganisationen zur Verfügung.

ADHOC: Und in den Apotheken?
KLOSE: Dort verändert sich in der Tat deutlich mehr – wobei da der Prozess allerdings leichter wird. Deshalb bin ich mir relativ sicher, dass das schnell gehen wird. Es ist aber eine Veränderung und Veränderungen sind per se mit Befürchtungen und Widerstand verbunden, denn der tradierte Prozess ist immer der einfachste. Dafür müssen wir Verständnis haben und diese Widerstände ernst nehmen. Wir sollten deshalb den in dieser Legislaturperiode begonnenen engeren Austausch mit den Leistungserbringern - gerade mit den Apotheken - weiter vertiefen.

„Was ich mir wünsche, ist eine offene Gematik“

ADHOC: Genau dafür stand die Gematik aber in den vergangenen Wochen besonders in der Kritik – für ihre intransparente Vorgehensweise bei der E-Rezept-Erprobung, aber auch die kurzfristige Bekanntgabe der Verlängerung der Testphase. Können Sie diese Kritik nachvollziehen?
KLOSE: Die Entscheidung zur Verlängerung der Testphase hat die Gesellschafterversammlung getroffen. Letztendlich gab es dort eine sehr spannende inhaltliche Diskussion, weil wir dort die Pros und Contras sehr transparent auf den Tisch gelegt und am Ende des Tages eine sehr gut ausbalancierte Entscheidung getroffen haben. Ein Gesellschafterbeschluss ist notwendig, um Verbindlichkeit für das gesamte Gesundheitswesen herzustellen. Was ich mir wünsche, ist eine offene Gematik. Das erhalte ich auch von den Leistungserbringern in vielen Gesprächen zurückgemeldet, etwa auch von Seiten der Organisationen der Apotheker. Der Berliner Apothekerverein ist sehr eng in die Testphase eingebunden. Deshalb kann ich die Kritik ehrlicherweise nicht so ganz nachvollziehen, schließlich gehören die Apotheken zu den entscheidenden Partnern in diesem Projekt.

ADHOC: Was waren diese Pros und Contras?
KLOSE: Für die Verlängerung hat gesprochen, dass wir mehr Erkenntnisse in einer geschützten Umgebung bekommen. Wir wollen Fehler frühzeitig erkennen und beheben. Alles, was wir im Vorfeld abräumen, kann in der echten Anwendung nicht zu Problemen führen.

ADHOC: Welche Fehler sind denn aufgetreten?
KLOSE: Das ist unterschiedlich, teilweise waren es Kleinstfehler wie Druckeinstellungen im PVS. Da hatte dann der QR-Code die falsche Größe und war teils im Textfeld. Es gab aber auch größere Fehler, beispielsweise in der Abrechnung, die jetzt mit den Krankenkassen geklärt werden müssen. Die meisten Probleme waren PVS-lastig, in der App an sich gab es wenige bis gar keine Fehler. Deshalb ist alles gut und hilfreich, was wir jetzt schon feststellen: Dann erstellen wir Checklisten und können allen Anbietern sagen, worauf sie achten müssen.

ADHOC: Die Gematik hatte als Grund für die Verschiebung aber hauptsächlich den Mangel an E-Rezept-fähigen PVS und Versicherten mit Zugang zum vollen Funktionsumfang der E-Rezept-App genannt. Unter anderem von einer Krankenkasse kam deshalb der Vorwurf mangelnder Transparenz. Ist der berechtigt?
KLOSE: Ich bin kein Freund von Schuldzuweisungen. Ich kann nicht nachvollziehen, dass die Kassen das nicht wussten, denn sie sind ja über den GKV-Spitzenverband in der Gematik vertreten. Dass sich eine Einzelkasse manchmal eine stärkere Information wünscht, ist am Ende des Tages nachvollziehbar. Die Frage ist, was möglich und sinnvoll ist. Mit Blick nach vorn ist es wichtig, dass wir klar und transparent über Fehler informieren. Ich wünsche mir aber auch ein Umdenken, dass Fehler nicht skandalisiert werden. Denn nicht der Fehler ist der Skandal, sondern dass jahrzehntelang eine Nicht-Digitalisierung geduldet wurde. Wenn sich alles um uns herum digitalisiert und man in jeder Branche die Vorteile sieht, kann es doch nicht sein, dass das nur im deutschen Gesundheitswesen nicht der Fall ist. Ich bin überzeugt, dass digitale Lösungen unsere Gesundheitsversorgung revolutionieren werden. Das E-Rezept, die E-AU und auch die Elektronische Patientenakte machen Digitalisierung erlebbar. Das wird den Prozess beschleunigen.

„Alle müssen aktiver werden“

ADHOC: Müssten denn Spitzenverbände, die im Gesellschafterrat der Gematik sitzen, ihre Mitglieder aktiver informieren und ins Boot holen?
KLOSE: Alle müssen aktiver werden. Denn digitale Transformation hat viel mit Emotionen und Ängsten zu tun. Und denen begegnet man am besten mit offener und transparenter Kommunikation. Wir haben als BMG damit begonnen: Wir haben mehrfach die Spitzen der Gesellschafter eingeladen und uns mit ihnen über Kommunikationspfade abgestimmt. Kommunikation ist der entscheidende Schlüssel zum Erfolg. Aber wir dürfen nicht nur über Technik reden, sondern wir müssen auch über die Anwendungen und ihre Potenziale für die Prozesse im Gesundheitswesen sprechen. Das muss aber auch aus der Selbstverwaltung kommen.

ADHOC: Besondere Bedeutung kommt auch der Frage zu, welche Daten Drittanbieter aus der E-Rezept-App der Gematik importieren dürfen. Dazu wird seit dem Sommer eine Rechtsverordnung des BMG zum DVPMG erwartet. Wo bleibt die?
KLOSE: Uns sind die Themen Innovation und Mehrwert in dem Kontext wichtig, deshalb ist es gut, dass es eine Verordnung geben wird. Diese Verordnung wird in den kommenden Wochen veröffentlicht. Aus meiner Sicht wird es eine gute Balance aus Sicherheit, Mehrwert und Innovationsfähigkeit. Sie können sicher sein, dass wir Themen wie Datenschutz, Datensicherheit und Makelverbot mit Convenience und Mehrwerten in Einklang bringen werden.

ADHOC: Diese Verordnung wird vor allem in der Vor-Ort-Apotheken-Branche mit Sorge erwartet, weil sie auch den Spielraum für die Anwendungen von Versandapotheken abstecken wird. Können Sie die Sorge der Vor-Ort-Apotheken nachvollziehen, dass das E-Rezept die Versender stärkt?
KLOSE: Ich freue mich erst einmal, dass die Apotheken mittlerweile viel mehr die Chancen des E-Rezepts sehen. Denn ich bin überzeugt, dass sich zum Beispiel in Kombination mit dem Botendienst sehr viele Möglichkeiten bieten, auch die Vor-Ort-Apotheke in einer digitalen Welt deutlich stärker zu platzieren. Man sieht auch hier in anderen Branchen, wie viele Bereiche von einem rein digitalen Handel zurück ins teilstationäre Geschäft gehen. Am Ende braucht man eine gute Mischung und dann hängt es tatsächlich davon ab, wie erfolgreich die Mehrwertpositionierung der Branche und jeder einzelnen Apotheke ist. Ich glaube, da ist der DAV mittlerweile gut aufgestellt und treibt auch aus seiner Perspektive die Themen sehr gut nach vorn, sodass ich mir da gar nicht so viele Sorgen machen würde, wenn sich die Apotheker richtig darauf einstellen. Der reine Onlinehandel wird kein so großes Feld werden, wenn die Mehrwerte, die man vor Ort hat, richtig genutzt werden. Was wir als BMG im Rahmen des digitalen Impfzertifikates erkannt haben ist, dass es möglich ist, die Vor-Ort-Apotheken mit digitalen Prozessen zu stärken.