Staccato zur Apothekenreform 04.03.2026 16:12 Uhr
Im Gesundheitsausschuss des Bundestags geht es heute um das Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG). Die Anhörung im Liveticker.
Fragen Union – Simone Borchardt
Abda-Präsident Thomas Preis sagte, der Gesetzentwurf gehe in die richtige Richtung. Es sei gut, dass das Fixum nun doch in einer begleitenden Verordnung erhöht werden solle. Man habe noch eine gute Versorgung, aber seit 13 Jahren einen Rückgang bei den Apotheken. Daher seien einige Maßnahmen gut, vor allem müsse schnell gehandelt werden. Was man nicht brauche, sei eine Deprofessionalisierung der Apotheken – etwa ohne Apotheker und ohne Labor.
Thomas Porstner vom Großhandelsverband Phagro forderte, dass die Einhaltung der Lager- und Transportbedingungen bei den Logistikern der Versender auch überprüft werden dürfen. Die Rechtsauffassung des Bundesgesundheitsministeriums (BMG), die Dienstleister würden bereits kontrolliert, wies er zurück: Es gebe ein Vollzugsdefizit, das Zuständigkeits-Mikado dürfe nicht fortgesetzt werden. Es gebe ein Sicherheitsrisiko und einen Wettbewerbsnachteil für die Strukturen vor Ort.
Bork Bretthauer von Pro Generika lobte die stabile Versorgungslage bei Arzneimitteln, forderte aber ein Verbot von Exklusivverträgen im Bereich von Biosimilars.
Im Namen des BVDAK sprach sich Dr. Stefan Hartmann für eine andere Neuregelung bei der Abrechnung von Rezepturen aus. Eine Positivliste sei wenig hilfreich, stattdessen müsse klargestellt werden, dass Apotheken immer die angebrochene Packung abrechnen könnten.
Fragen AfD – Martin Sichert
Ulrich Langenberg, Geschäftsführer Politik der Bundesärztekammer (BÄK), sprach sich gegen die Abgabe von Rx-Medikamenten ohne Rezept aus. Man sehe natürlich Risiken; der richtige Weg wären OTC-Switches. Digital könnten auch auf Distanz die erforderlichen Verordnungen ausgestellt werden. Jede Berufsgruppe müsse das tun, wofür sie ausgebildet sei. Ärztinnen und Ärzte hätten selbst kein Interesse daran, selbst Medikamente abzugeben. Nur im Rahmen der Notfallversorgung müsse man darüber nachdenken, wie man in unmittelbarer Nähe eine Notdienstapotheke finde. Anderenfalls könne man darüber nachdenken, die Krankenhausapotheke einzubinden.
Anja Zierath vom BVpta lehnte die Vertretung ohne Weiterbildung ab, eine strukturierte Zusatzqualifikation sei unverzichtbar. Man wolle eine bundesweit einheitliche Regelung und keine Unterscheidung zwischen Stadt und Land.
Fragen SPD – Dr. Tanja Machelet
Dr. Eliasbeth Fix von der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege (BAGFW) forderte, dass bei der Übermittlung von E-Rezepten zwischen Arzt und Apotheke die
Einrichtungen zu unterrichten sind. Rezepte dürften nicht automatisch weitergeleitet werden – die Pflegeeinrichtung müsse gleichberechtigt informiert werden.
Eine Milliarde Euro würde die Anhebung des Fixums kosten, „das wäre schon eine starke Belastung“, sagte Markus Grunenberg vom GKV-Spitzenverband. Außerdem gebe es im Entwurf schon teure Maßnahmen, etwa den Austausch von Rabattarzneimitteln und die Streichung von Nullretaxationen. Dies würde Einsparungen gefährden und zu Rechtsstreitigkeiten führen.
Fragen Grüne – Paula Piechotta
Iris an der Heiden vom Iges-Institut berichtete über das Gutachten im Auftrag des GKV-Spitzenverbands. Trotz Schließungen habe sich die Erreichbarkeit der Apotheken für die Bevölkerung nicht verschlechtert. Von der Arztpraxis aus sei die Situation sogar noch besser. Standorte würden überall aufgegeben, es gebe keine überproportionale Zahl im ländlichen Raum. Man sehe im Wesentlichen eine Konsolidierung und einen Verdrängungswettbewerb. Eine pauschale Erhöhung des Fixums würde daran nichts ändern. Apotheken hätten hohe Fixkosten, das Fixum hänge aber von der Frequenz ab. Daher sei es kaum geeignet, wirtschaftlich schwache Apotheken zu stärken. Gefährdete Apotheken würden nur wenige tausend Euro erhalten, der größte Teil ginge an große Apotheken oder gar Versandapotheken.
Fragen Linke – Ates Güpirnar
Sabine Haul vom Verein demokratischer Pharmazeutinnen und Pharmazeuten (VdPP) sprach sich für mehr Aufgaben aus, die Aufstockung der pharmazeutischen Dienstleistungen (pDL) begrüße man. Eine Unterversorgung gebe es auch in der Stadt – es gebe einen eklatanten Ärztemangel. Dadurch verlagere sich die Fragestellung in die Apotheke. Apotheken als niedrigschwellige Anlaufstelle müssten entlastet werden. „Was wir nicht brauchen, sind Grabenkämpfe zwischen den Heilberuflern.“ Es sei wichtig, dass rechtliche Grundlagen wie beim Armin-Projekt geschaffen werden.
Fragen Union – Emmi Zeulner
Franziska Scharpf von der Bundesapothekerkammer (BAK) bezeichnet die geplanten Erleichterungen für Zweigapotheken für einen gefährlichen Irrweg. Dies sei nicht geeignet, um die Versorgung auf dem Land zu sichern, sondern eine reale Gefahr der Aufweichung des Fremd- und Mehrbesitzverbots: Der Einstieg in Ketten werde vorbereitet, dann drohe eine Konzentration auf wenige große Anbieter.
Weiterentwicklungsmöglichkeiten für PTA seien ein zentrales Anliegen, um die Apotheken zu stärken. Man wolle eine modulare Weiterqualifikation für pDL und ein 115-stündiges Curriculum für PTA als Praxisanleiter. Außerdem wolle man Anerkennungsmöglichkeiten für das Pharmaziestudium. „PTA sollen und können Apotheker nicht ersetzen.“
Fragen AfD – Joachim Bloch
Nisrin Nuri von der Deutschen Stiftung Patientschutz erklärte, dass die Qualifikation der PTA besser genutzt werden müsse. Die BAK müsse aber alle zwei Jahre eine Evaluation vorlegen.
Professor Dr. Nicola Buhlinger-Göpfert vom Deutschen Hauärztinnen- und Hausärzteverband sprach mit Blick auf die Rx-Abgabe von einer Aufweichung des Arztvorbehaltes und einer Aushöhlung des Vier-Augen-Prinzips: Ärzte müssten verschreiben, Apotheker dispensieren. Es bestehe die Gefahr einer Verschlechterung der Arzneimitteltherapiesicherheit mit unklaren Haftungsfolgen. Man wolle keine fragmentierte Versorgung mit zusätzlichen Schnittstellen, der Arzt müsse den Hut aufhaben.
Fragen SPD – Dr. Christos Pantazis
Es sei existenziell wichtig, dass auf Basis des erhöhten Fixums verhandelt werde und die Apotheken nicht wieder von der Entwicklung abgekoppelt seien. Steigende Kosten müssten abgebildet werden, der Verordnungsgeber müsse das Ergebnis 1:1 umsetzen.
Dr. Michael Bäumler-Sundmacher vom GKV-Spitzenverband bezeichnete eine gute Datengrundlage als Voraussetzung, etwa als Auftrag an das Statistische Bundesamt.
Fragen Grüne – Paula Piechotta
Dr. Sybille Steiner von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) sagte, dass sowohl das Impfen als auch die Rx-Abgabe zu einer Aushöhlung ärztlicher Kompetenzen als auch zu einer Schwächung der Patientensicherheit und zur Zersplitterung von Verantwortlichkeiten im Gesundheitswesen führten. Wenn man Impfquoten verbessern wolle, müsse man die Ungleichbehandlung von Praxen und Apotheken beenden.
7 Millionen Euro für Versender, aber nur 2000 Euro für kleine Apotheken – warum die Abda nicht lieber für eine Erhöhung des Notdienstzuschlages kämpfe? Man brauche das Fixum, weil eine höhere Vergütung im Notdienst sonst Auswirkungen habe. Er erwarte aber, dass die Politik den Versandhandel stärker reguliere.
Fragen Linke – Ates Güpirnar
Einen Personalschlüssel pro Packung fände Andreas May von der Adexa sehr gut. Bislang gebe es keine bundeseinheitliche gesetzliche Regelung, wie viel Personal vorgehalten werden müsse.
Preis sagte, man brauche gleich lange Spieße. Eine sichere Versorgung sei nur durch Apotheken vor Ort möglich. Es sei ganz wichtig, dass die Politik den systemzerstörenden Wettbewerb durch den ausländischen Versandhandel eindämme. Daher brauche man eine Stärkung der paritätischen Stelle, derzeit müssten die Mitglieder persönlich haften. Der Staat müsse auch Haftung übernehmen, damit man agieren könne. Die Versender hielten sich nicht an die Arzneimittelpreisverordnung (AmPreisV), man habe hier eine riesige regulatorische Lücke.
Fragen Union – Dr. Stephan Pilsinger
Benedikt Bühler vom Verband innovativer Apotheken (via) lobte, dass endlich über die Temperaturkontrolle gesprochen werde. Man schlage vor, dass dies durch die Länder übernommen werde und dass es auch Bußgelder gebe.
Lutz Boden von Pharma Deutschland sprach sich für eine Entlastung der Praxen durch eine Ausweitung der Selbstmedikation aus. Insbesondere ein schlankeres Verfahren für OTC-Switches würde einen Zugang zu einem breiteren Spektrum an apothekenpflichtigen Arzneimitteln schaffen. Dies würde die Apotheken stärken, Patienten mehr Optionen geben und das GKV-System entlasten.
Christopher Jürgens vom Bundesverband Deutscher Krankenhausapotheker (Adka) forderte weniger Bürokratie für Klinikapotheken, etwa durch Digitalisierung der Protokolle bei Stationsbegehungen. Die geplante Erleichtung bei Importen sollte auch für Krankenhausapotheken gelten und nicht nur für krankenhausversorgende Apotheken.
Laut Marc Raddatz von der „Initiative Vor-Ort-Apotheken“ braucht es eine Klarstellung, dass Versender keine Apotheken sind – Versender betrieben Apotheken als „Wurmfortsatz“ pro forma. Der Personalschlüssel zeige eindeutig, dass keine ausreichende Beratungsleistung vorgehalten werde. „Diese Diskrimierung muss aufgehoben werden.“
Fragen AfD – Christina Baum
Wie viel Zeit Apotheken mit Bürokratie verbringen, beantwortete Preis nicht. Er versprach aber, zeitnah eine Liste mit allen Vorgaben zur Verfügung zu stellen. Apotheken müssten unter schwierigen Rahmenbedingungen die Versorgung sicherstellen, sagte Preis und nannte als Beispiel die rund 500 Engpässe. Daher sei es wichtig, unter erleichterten Bedingungen solche Medikamente austauschen zu können. Man erwarte dass Nullretaxationen auch auf unklare Arztverordnungen ausgeweitet würden.
Apotheker würden ausgebildet zu Heilberuflern, die Arbeit leide aber unter der Bürokratie. Aber auch die ausgebliebene Honorarerhöhung führe zum Fachkräftemangel – es sei schwer für die Apotheken, in Bezug auf attraktive Gehälter mitzuhalten. Deshalb sei es wichtig, dass jetzt das Fixum endlich erhöht werde.
Fragen SPD – Dr. Tanja Machelet
Bretthauer schlug Open-house-Verträge vor für Biosimilars, da diese bewährt seien und zu Einsparungen führten, sich aber alle Unternehmen beteiligen könnten.
Bühler kam auf die Direktabrechnung zu sprechen: Man brauche auch für Muster-16 einen ersetzenden Scan. Auch die Nutzung von KIM müsse für Rechnungen, Kostenvoranschläge und die Doku für Impfungen verbindlich werden. Auch die Impfung unter Verantwortung eines Apothekers und die verbindliche Definition von Telepharmazie sollten mit aufgenommen werden.
Fragen Grüne – Paula Piechotta
Grunenberg sprach sich dafür aus, das Fixum je nach Absatz zu differenzieren. Es habe in den vergangenen Jahren bereits neue Vergütungsbestandteile im Umfang von 1,6 Milliarden Euro gegeben, auch die steigenden Preise hätten zu Mehreinnahmen geführt, so der Vertreter des GKV-Spitzenverbands.