Neue Kantonsapotheke Zürich

David gegen Goliath: Apotheker fühlt sich bedroht Silvia Meixner, 06.11.2018 14:14 Uhr

Berlin - Die Zürcher Apothekerszene ist in Aufruhr. Seit der Kanton in der Gemeinde Schlieren eine neue Riesenapotheke auf die grüne Wiese gestellt hat, fragen sich viele, was mit dem überdimensionierten Gebäude geschehen soll. Kleine Apotheken, die Labors betreiben, fürchten die ebenso übergroße wie unberechenbare, vom Staat finanzierte Konkurrenz. Es gibt viele Fragen – die Kantonsapotheke schweigt.

Einer der besorgten Apotheker in Zürich ist Johannes Fröhlich. Gemeinsam mit seiner Frau Francisca betreibt er die Klus-Apotheke. Für vier Millionen Schweizer Franken hat er zudem ein modernes Labor gebaut. Das steht nun wirtschaftlich dem 80-Millionen-Investment der Kantonsapotheke gegenüber. Hier wurden ausschließlich Steuergelder verbaut, 140 Mitarbeiter hat die neue Apotheke. Fröhlich musste einen Kredit aufnehmen, um seinen Plan eines eigenen Labors zu verwirklichen.

Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) berichtete kürzlich über die Eröffnung und über das Staunen der Menschen über das riesige neue Haus: Braucht Zürich so eine große Kantonsapotheke? Kantonsrat Kaspar Bütikofer (Alternative Liste) sagte bereits im vergangenen Mai anlässlich einer Parlamentssitzung: „Die Kantonsapotheke ist eindeutig überdimensioniert.“

Und CVP-Kantonsrat und Apothekenverbandspräsident Lorenz Schmid konstatierte laut NZZ: „Um den Betrieb besser auszulasten, muss die Kantonsapotheke zusätzliche Abnehmer gewinnen.“ Insider gehen davon aus, dass die Kantonsapotheke in Zukunft stärker im Markt aktiv sein muss, bezweifeln jedoch, dass das die Aufgabe eines Staatsbetriebes sein sollte.

Das sieht auch Fröhlich so. Der engagierte Pharmazeut hat nämlich noch einige Ideen im Köcher, um deren Zukunft er nun bangt. Denn sobald er wieder etwas Neues auf den Markt bringt, droht die „500er-Grenze“. Anhand des Beispiels seiner Erfindung eines Nasensprays gegen Angstzustände, das Kindern hilft, die an Epilepsie leiden, schildert er seine bedrohte Lage. Für diese Erfindung lieben ihn die Patienten. Er erzählt: „Früher gab es für Kinder, die einen epileptischen Anfall hatten und sich in Krämpfen wanden, nur die Möglichkeit, rektal eine Flüssigkeit zu verabreichen. Das war sowohl für die Kinder als auch für die Eltern eine Tortur.“ Das müsste doch einfacher gehen, dachte sich Fröhlich. Und entwickelte ein Spray, das dieselbe Medizin via Sprühstoß in die Nase einbringt.

Die Patienten waren begeistert, der Absatz stieg. Leider gibt es die magische Grenze von 500 Sprays pro Jahr. „Die kantonale Heilmittelkontrolle wurde auf uns aufmerksam“, erzählt Fröhlich. Um mehr produzieren zu dürfen, hätte er eine nationale Herstellbewilligung von Swissmedia gebraucht. „Das kostet rund 100.000 Franken.“ Geld, das er nicht hatte. Die Kantonsapotheke, damals noch in kleineren Dimensionen, hingegen schon. „Die Kantonsapotheke hat unser Nasenspray dann kopiert.“ Völlig legal. Und dennoch frustrierend für den, der es erfunden hat. Das Problem klingt beinahe absurd: „Sobald etwas gut läuft, bin ich nicht mehr konkurrenzfähig“, erläutert Fröhlich, „nur wenn ich in kleinsten Mengen herstelle, bin ich konkurrenzfähig.“ Bis jemand kommt und ihm die gute Idee wegschnappt.

„Ich habe nichts gegen Konkurrenz, aber sie muss fair sein“, sagt Fröhlich. Und genau diesen Punkt vermisst er, wenn er die neue Kantonsapotheke in Schlieren sieht. Laut Eigenbeschreibung auf ihrer Website ist deren Aufgabe so definiert: „Die Kantonsapotheke Zürich KAZ wurde 1809 gegründet. Im Zentrum unserer Aufgaben steht eine sichere, qualitativ hochstehende und wirtschaftliche Arzneimittelversorgung für das Universitätsspital Zürich, das Kantonsspital Winterthur, zahlreiche weitere Spitäler und Institute sowie für die Bevölkerung des Kantons Zürich generell. Als modernes spitalpharmazeutisches Kompetenzzentrum erbringt sie an 365 Tagen während 24 Stunden ein vielfältiges Spektrum von unentbehrlichen Leistungen in folgenden Fachgebieten: Fachberatung, Arzneimittelherstellung- und -beschaffung, klinische Studien, Vorhalteleistungen.“ Die Kantonsapotheke Zürich wollte sich auf Anfrage von APOTHEKE ADHOC nicht zum Thema äußern.

Aufhören kann und will Fröhlich nicht. „Man muss mit Herzblut dahinterstehen, dann funktioniert es. Die Idee ist super. Wenn man Briefe bekommt, in denen steht, dass das Kind zum ersten Mal in die Schule kann, dann kann man nicht zurück“, sagt der 60-jährige Zürcher Apotheker. Mit seinem Team hat er sich auf personalisierte Medizin spezialisiert.

Sieben Mitarbeiter, darunter einige junge Pharmazeuten, tüfteln an dem, was Menschen schon bald helfen soll. „Personalisierte Medizin ist die Zukunft der Pharmazie“, sagt Fröhlich. Und so haben sein Team und er schon die nächste Idee in Sachen Nasenspray. „Vor zwölf Jahren erzählte mir ein Radiologe, dass er Patienten, die an Klaustrophobie leiden, eine Tablette verabreicht, bevor sie in die MRT-Röhre geschoben werden.“ Danach beginnt das 20-minütige Warten. „Bei den einen Patienten wirkt‘s, bei anderen nicht, die Untersuchung dauert oft länger als nötig.“ Eine Belastung für Patienten und Arzt.

Ein Fall für Fröhlich, der sofort ein Nasenspray auf Benzodiazepin-Basis entwickelte, das, wie bei den Epileptikern, schnell hilft. „Es wurde zum Selbstläufer“, erzählt Fröhlich, „in der Schweiz wurde es viel kopiert. Inzwischen haben sich auch Zahnärzte und Geriatriker bei uns gemeldet, die Interesse an den Sprays haben.“

Mit dem Neubau seines vier Millionen Schweizer Franken teuren Labors will Fröhlich sich für die Zukunft rüsten. Eine neue Produktionsmaschine für Nasensprays soll ihm einen Marktvorteil verschaffen. Sie kann 800 Einheiten pro Stunde herstellen. „Auch größere Unternehmen aus den USA interessieren sich für unsere Sprays.“ Im neuen Labor will er ein Nasenspray entwickeln, das auch funktioniert, wenn die Patienten liegen. Mit den aktuell erhältlichen Sprays ist das nicht möglich. „Ab 10.000 Sprays wird es rentabel. Seit August haben endlich die begehrte nationale Herstellgenehmigung kombiniert mit einer europaweiten GMP-Bewilligung." Das Labor darf jetzt europaweit liefern.

Als Unternehmer trägt er das volle Risiko: „Das macht die Kantonsapotheke nicht.“ Er wartet nun wie einige Zürcher Kollegen darauf, wie die Kantonsapotheke ihre Zukunft definiert. „Das ist eine politische Entscheidung, die noch nicht ausdiskutiert ist.“ Die Gesundheitskommission des Kantonrats bearbeitet derzeit eine Vorlage, mit der die Apotheke in eine Aktiengesellschaft umgewandelt werden soll. Der Konkurrenzkampf wird voraussichtlich weitergehen. Fröhlich sagt: „Nicht zuletzt führen auch die immer höher geschraubten gesetzlichen Qualitätsanforderungen der EU und der Schweiz sowohl bei der Kantonsapotheke als auch bei mir zum Ausbau-Zwang.“

Fröhlich könnte sich ein angenehmes Leben „nur“ mit seiner Apotheke machen. Stattdessen kämpft er gegen die große Kantonsapotheke an. Warum er das macht, erklärt er so: „Man lebt nur einmal!“ Und dann sind da noch die Dankesbriefe der Patienten, die ihn antreiben.