Antivertiginosa

Arlevert: Hennig im Sturm Patrick Hollstein, 17.10.2016 10:04 Uhr

Berlin - 

Arlevert ist das wichtigste Präparat von Hennig Arzneimittel; die Hälfte seines Umsatzes erwirtschaftet der hessische Generikahersteller mit dem Antivertiginosum. Doch jetzt ist der Unterlagenschutz für die Kombination aus 20 mg Cinnarizin und 40 mg Dimenhydrinat ausgelaufen; gleich zwei ernstzunehmende Konkurrenten haben entsprechende Kopien in ihr Sortiment aufgenommen.

Arlevert ist seit 1982 auf dem Markt und eigentlich eine Zufallsentdeckung. „Mein Großvater kombinierte damals die Wirkstoffe Cinnarizin und Dimenhydrinat“, erinnert sich Dr. Kai Schleenhain, einer der Firmenchefs. „Es stellte sich heraus, dass so die Dosierung reduziert werden konnte, und somit auch weniger Nebenwirkungen auftraten.“

Hennig brachte seinen Klassiker durch die Nachzulassung und erhielt dafür noch einmal einen Unterlagenschutz. Hennig brachte es zum Marktführer im Indikationsbereich Schwindel und Gleichgewichtsstörungen. „Als einzige Firma in Deutschland bieten wir alle Wirkstoffe zur Behandlung von Schwindel aus einer Hand an“, so Schleenhain. Ende 2015 lief die Schutzfrist ab. Bereits vor Monaten hatte man in Flörsheim Hinweise, dass der portugiesische Partner zwei Dossiers an andere Hersteller verkauft hatte.

Dass der Erfolg von Arlevert irgendwann die Wettbewerber auf den Plan rufen würde, war den Hennig-Eigentümern klar. Dabei hatten sie nicht die Großen wie Hexal, Ratiopharm und Stada im Verdacht: Für sie sind Erlöse von knapp 20 Millionen Euro schlichtweg zu wenig, um sich dahinter zu klemmen und mit ganzer Vertriebskraft gegen einen renommierten Player anzutreten.

Doch nun trifft es Hennig mit doppelter Wucht: Im Sommer brachte Klinge „Vertigo Vomex plus Cinnarizin“ auf den Markt, Anfang Oktober folgte Neuraxpharm mit „Cinna/Dimen“. Zwar ist der Preisunterschied nicht allzu groß, doch die beiden Konkurrenten bedienen mit ihrer Spezialisierung auf die Kategorien Schwindel beziehungsweise ZNS dieselbe Nische wie Hennig. Klinge hat bereits eine Patientenbroschüre zum Thema Schwindel aufgelegt.

Bei Hennig versucht man, die neue Situation sportlich zu nehmen: „Normalerweise jagen wir, nun werden wir gejagt“, sagt Marketingleiter Dr. Tom Waldmüller. Die Konkurrenz sei kein „Weltuntergang“, sondern bringe mit etwas Glück sogar Synergieeffekte.

Das Potenzial ist gewaltig: Laut einer Umfrage von TNS Emnid aus dem Jahr 2014 leiden 42 Prozent der Deutschen über 60 Jahren unter Schwindel, ein Drittel sogar einmal pro Woche oder häufiger. 66 Prozent der Betroffenen haben den Arzt konsultiert, 43 Prozent von ihnen sind aber ohne Diagnose und Medikament nach Hause geschickt worden. Nur jeder fünfte Betroffene wird medikamentös behandelt – hochgerechnet bis zu acht Millionen Patienten kommen für eine Therapie infrage.

Ansonsten ist man bei Hennig zufrieden, sich mit der Lohnherstellung und OTC-Produkten zusätzliche Standbeine aufgebaut zu haben. In den vergangenen Jahren hatte der Hersteller das Läusemittel Licener, das Warzenmittel Wortie, das Mückenschutzmittel Viticks und die Schluckhilfe Medcoat auf den Markt gebracht, die mittlerweile signifikante Umsätze und Marktanteile haben.

Hennig wurde 1898 von dem Chemiker Max Hennig in Berlin gegründet. Das erste Produkt war ein Leberextrakt, später kamen Herzmuskelextrakte und pflanzliche Arzneimittel hinzu. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Unternehmen vollständig zerstört, Hennig starb wenig später.

Kurt Moschner, ein langjähriger Mitarbeiter und Großvater der heutigen Firmenchefs, begann im Osten Berlins mit dem Wiederaufbau. Als der Firma die Enteignung drohte, verließ Moschner die sowjetische Zone und zog an den heutigen Standort. Dort begann die Firma mit der Produktion chemisch-synthetischer Arzneimittel. Nach Moschners Tod übernahm 1984 seine Tochter, die Apothekerin Helga Schleenhain, zusammen mit ihrem Mann Wolfram die Firmenleitung. Seit 2006 sind auch die Brüder Holger und Dr. Kai Schleenhain in der Geschäftsleitung.