Sachsen

Versorgung verschlechtert: Rezeptsammelstelle muss weg APOTHEKE ADHOC, 14.05.2019 15:10 Uhr

  • Aus wegen zu schlechter Versorgung: Die Rezeptsammelstelle im sächsichen Jöhstadt muss abgebaut werden, weil die letzte Ärztin wegzieht (Symbolbild). Foto: Michael Körner

Berlin - Die sächsische Apothekerkammer hat der Sonnen-Apotheke in Bärenstein die Zulassung für ihre Rezeptsammelstelle entzogen – nicht weil sich die Versorgung verbessert hätte, sondern weil sie sich verschlechtert hat. Das klingt paradox, macht aber gemäß der Kammerregeln Sinn. Während deshalb im Jöhstädter Stadtrat Frustration herrscht, gibt es einen gewichtigen Befürworter der Entscheidung: Apotheker Michael Körner, der den Rezeptkasten beliefert hat.

Im Erzgebirge, unweit der tschechischen Grenze im Preßnitztal, liegt Jöhstadt. Die Gegend ist idyllisch – aber strukturschwach. Schon seit 2012 haben die nicht einmal 3000 Einwohner der Kleinstadt keine Apotheke mehr, die Inhaberin der Marien-Apotheke ging damals in den Ruhestand und fand keine Nachfolgerin. Der Allgemeinarzt des Ortes ging zur selben Zeit in den Ruhestand, war aber erfolgreicher bei der Nachfolgersuche. Immerhin eine Allgemeinmedizinerin gab es also noch.

Und das ist entscheidend: Denn bis zur nächsten Apotheke sind es von Jöhstadt aus weniger als sechs Kilometer – erst ab dieser Distanz zur nächsten Apotheke gilt ein Ort als entlegen. Die Distanz wird jedoch reduziert, wenn mit erhöhtem Rezeptaufkommen zu rechnen ist – beispielsweise, weil es eine Arztpraxis im Ort gibt. Da die von Jöhstadt aus nächstgelegene Apotheke kein Interesse an einem Rezeptsammelkasten bekundete, nahm sich Michael Körner, Inhaber der Sonnen-Apotheke im benachbarten Bärenstein, der Sache an: „Wir haben bei der Kammer den Antrag gestellt, auch weil es die Verhältnisse hergegeben haben“, erklärt er.

Und so brachte er im Januar 2013 den Briefkasten am Jöhstädter Rathaus an. Zweimal täglich muss er ihn leeren, mittags und nachmittags, im Durchschnitt hole er zehn Rezepte am Tag heraus. Eine Goldgrube ist der Kasten damit wahrlich nicht, aber darum gehe es auch nicht, versichert Körner. „Auch wenn es nur zehn Patienten sind, versorge ich die sehr gern. Die Frage nach Aufwand und Ertrag darf man nicht stellen, wenn es um die Gesundheitsversorgung geht“, betont er. Das Ganze sei über Jahre ganz normal gelaufen, bis dieses Frühjahr.

Denn Körner ist verpflichtet, der Kammer alle Änderungen anzuzeigen. Und für Jöhnstadt gab es eine wesentliche Änderung, die ausgerechnet vom Nachbarort Königswalde – von Ortskern zu Ortskern 5,5 Kilometer – ausging. „Im Zentrum von Königswalde gab es mal eine Schlecker-Filiale, die seit Jahren brach lag“, erklärt Körner. „Deshalb hat sich der dortige Bürgermeister gekümmert, etwas daraus zu machen. Er hat Räume für eine Allgemeinarztpraxis eingerichtet und jemanden aus der Region gesucht, der sich dort niederlässt.“ Und Königswalde wurde fündig: in Jöhstadt.

Die Ärztin zog um und nahm ihre Praxis mit. Für Jöhstadt entfiel damit die Geschäftsgrundlage, der Rezeptkasten muss weg. Denn ein erhöhtes Rezeptaufkommen ist nun ohne Ärztin vor Ort erst recht nicht mehr zu erwarten. Mittwoch baut Körner den Kasten ab. Für viele Einwohner im Ort ein Einschnitt, schließlich haben in den letzten Jahren immer mehr Einrichtungen des öffentlichen Lebens geschlossen, jetzt verschlechtert sich auch noch die Arzneimittelversorgung ausgerechnet für weniger mobile Menschen. Bei der letzten Stadtratssitzung wurde emotional diskutiert. „Es wird immer gesagt, dass der ländliche Raum gestärkt werden soll. Hier aber wird dem ländlichen Raum wieder etwas weggenommen“, zitiert die Freie Presse CDU-Stadträtin Andrea Meyer.

Die Klagen kann Körner gut nachvollziehen, wie er beteuert. „Natürlich wird es hier im ländlichen Raum immer dünner“, sagt er. Aber er sieht die Schuld im Ort selbst. Seit Jahrzehnten habe sich in dem Gebäude eine Arztpraxis befunden, modernisiert wurde das Gebäude hingegen nicht, selbst dann nicht, als 2012 die bisherige Ärztin einzog. Und das Gebäude gehört der Stadt, also trägt sie auch Verantwortung für dessen Zustand. „Die Ärztin hat gesagt: ‚Wenn mir da bessere Umstände gegeben werden, dann gehe ich halt da hin‘“, so Körner.

Allzu große Vorwürfe wolle er dem Bürgermeister nicht machen, denn er wisse auch nicht, ob und mit wie viel Nachdruck die Ärztin auf eine Sanierung des Gebäudes hingearbeitet hat. Aber es passt ins Bild: „In Jöhstadt sind die Verhältnisse auch nicht einfach, die Haushaltsmittel sind begrenzt und der Bürgermeister steht für seine Haushaltsführung öfter in der Kritik“, erklärt Körner. „Jöhstadt und sein Haushalt sind ein beliebtes Thema in der Region.“

Tatsächlich kann man Bürgermeister Olaf Oettel getrost als umstritten bezeichnen: 2017 wurde gar ein Bürgerentscheid angestrengt, um ihn des Amtes zu entheben. 1143 Bürger sprachen sich für seine Abwahl aus, 334 dagegen. Er blieb nur deshalb im Amt, weil das sächsische Recht vorsieht, dass mindestens die Hälfte der abstimmungsberechtigten Einwohner für die Enthebungen stimmen müssen. 2292 von ihnen gibt es in Jöhstadt – es fehlten also drei Stimmen.

„Ich weiß nicht, ob der Bürgermeister den Wegzug der Ärztin hätte verhindern können“, sagt Körner. „Aber die Trompete hätte er zumindest hören müssen, dass sein Kollege im Nachbarort einen Arzt sucht.“ Knackpunkt der ganzen Geschichte sei deshalb das Verhältnis zwischen Stadtverwaltung und Ärztin, nicht die Entscheidung der Apothekerkammer, die einen großen Teil der Wut abbekommt. Auf der besagten Stadtratssitzung sei diskutiert worden, „ohne dass das nötige Hintergrundwissen da war“, so Körner. „Das Argument ist, dass der ländliche Raum ausgetrocknet wird. Aber wenn Menschen nicht das Geschick und die Kraft haben, Gelegenheiten zu erkennen, dann passiert so etwas eben.“ Der Ärztin jedenfalls könne man es nicht verübeln und der Apothekerkammer Sachsen auch nicht: „Es gibt ja gute Gründe dafür, dass diese Regeln genauso geschrieben wurden, wie sie sind.“