Nach CO2-Ausgleich kommt Ökokittel

Klimaneutrale Offizin: Minister wünscht sich grüne Apotheken Tobias Lau, 13.02.2020 15:30 Uhr

Berlin - Noventi hat am Donnerstag mit hohen Weihen seine neue Klima-Initiative vorgestellt: Bundesentwicklungsminister Gerd Müller (CSU) hat drei Apothekeninhaber feierlich dafür ausgezeichnet, als erste ihre CO2-Bilanz auf Null gebracht zu haben. Im Alleingang haben sie das nicht geschafft: Noventi lässt den Kohlendioxidverbrauch der Offizin berechnen und gleicht ihn durch Unterstützungszahlungen an zwei Projekte in Indien und Brasilien aus. Schirmherr Müller zeigte den Apothekern allerdings auch Wege auf, wie sie sich weiter engagieren könnten.

Man sollte denken, ein Klimaschutzprojekt wäre beim Umweltministerium angesiedelt. Doch das ist zu kurz gedacht: „Die Atmosphäre teilen wir uns mit dem Rest der Welt“, betonte Müller am Donnerstagnachmittag in Berlin. Umweltschutz und Entwicklungshilfe gingen Hand in Hand, was das Noventi-Projekt zeige: Denn der IT-Dienstleister unterstützt auf Grundlage der jeweils berechneten Emissionen den Bau einer Windkraftanlage in Indien und eines Wasserkraftwerks in Brasilien. Die Logik dahinter ist eine Kompensation des hier verursachten Ausstoßes. Auf Null verringern kann man den nämlich mit heutigen Mitteln nicht – man kann aber helfen, andere Emissionen zu verhindern.

Denn auch Noventi kann trotz allem Engagements nicht von allein auf eine ausgeglichene Emissionsbilanz kommen – dabei tut der Konzern nach Angaben von Vorstandschef Dr. Hermann Sommer schon einiges für den eigenen ökologischen Fußabdruck: So seien bereits alle Geschäftssitze auf Ökostrom umgestellt worden, an der Papierreduktion werde täglich gearbeitet und auch gegen das Insektensterben setze sich das Softwarehaus ein – es ist Besitzer von 14 Bienenstämmen. „Wir sind aus eigener Kraft noch nicht klimaneutral, das schaffen wir noch nicht“, erklärte Vorstandschef Dr. Hermann Sommer. „Aber deshalb haben wir uns Projekte ausgesucht, die uns das ermöglichen.“

Das Engagement sei für ein apothekereigenes Unternehmen eine Selbstverständlichkeit, es sei „uns in die DNA eingebaut“, wie Sommer es ausdrückt: „Das Thema Umweltschutz ist uns eine Herzensangelegenheit – und nichts ist naheliegender für ein Unternehmen, das sich mit Gesundheit auseinandersetzt. Ohne einen gesunden Planeten kann auch der Mensch nicht gesund bleiben.“ Die 19.000 Apotheken in Deutschland könnten dazu einen durchaus darstellbaren Beitrag leisten: 25 Tonnen CO2 stößt eine durchschnittliche Apotheke im Monat aus.

Ein Extrembeispiel habe Noventi vergangenes Jahr auf die Idee für die jetzige Initiative gebracht: die Berechnung der Emissionen der vatikanischen Apotheke – der höchstfrequentierten Apotheke der Welt. 150 Tonnen jährlichen CO2-Ausstoß hatte die ergeben. „Die ist nach der Bemessung durch uns aufgeschreckt, ist jetzt in einen Container umgezogen und renoviert jetzt die Räumlichkeiten“, erinnert sich Noventi-Vorstand Dr. Sven Jansen an seine Rom-Reise, bei der er Papst Franziskus das Klima-Engagement von Noventi erläuterte.

Eine durchschnittliche Apotheke in Deutschland muss nicht direkt in einen Container ziehen, um ihre Ökobilanz aufzupolieren – aber auch für kleine Landapotheken kann es anspruchsvoll sein, Emissionsquellen zu reduzieren, berichtete Dr. Andrea Thüring, die gemeinsam mit ihren beiden Kollegen Gabriela Hame-Fischer und Jürgen Frasch von Müller ausgezeichnet wurde. „Der erste Schritt ist, das den Mitarbeitern zu verkaufen“, so Thüring. Denn es gehe oft um Dinge des alltäglichen Lebens wie die Reduktion von Arbeitsplatzdruckern oder Mülltrennung. Probleme können allerdings auch komplexere Fragestellung wie die energetische Sanierung bereiten: „Unser riesengroßes Schaufenster ist da natürliche eine Katastrophe.“

Auf eine Katastrophe steuert jedoch die ganze Welt zu, wenn nicht auch Kleinbetriebe und jeder Einzelne beginnen, die eigenen Emissionen zu reduzieren und zu versuchen, die Folgen des Klimawandels zu verringern, mahnte Entwicklungsminister Müller: „Wenn wir die Folgen des Klimawandels nicht aufhalten können, fällt die Lebensgrundlage für 100, vielleicht 500 Millionen Menschen weg.“ Er ermuntere die Apothekerschaft, beim Noventi-Projekt nicht Halt zu machen und zeigte im selben Atemzug weitere Möglichkeiten auf: Er wäre sehr glücklich über eine Unterstützung des „grünen Knopfes“. Apotheken sollten auf nachhaltig produzierte Dienstkleidung achten und das nach außen kommunizieren. „Das wäre ein unglaublich starkes Zeichen“, so Müller.