Fachkräftemangel

Rezeptur & Co.: Warum nicht Gleitzeit für PTA?

, Uhr
Berlin -

Die vom Bundesrat geforderte Verlängerung der PTA-Ausbildung sowie die Kürzung bestimmter Lehrinhalte sieht Tatiana Dikta, selbst PTA und arbeitspsychologische Beraterin, kritisch. Der Beruf kann ihrer Ansicht nach durch eine Anpassung der Ausbildungsdauer und eine Novellierung der Ausbildungsinhalte nicht beliebter werden. Sie rät zu strategischen Änderungen, um die Attraktivität dauerhaft zu steigern.

Der Fachkräfte- und Nachwuchsmangel in Ausbildungsberufen ist ein großes Problem, nicht nur in den Gesundheitsberufen. „Um eine Ausbildung oder einen Beruf als attraktiv zu betrachten, reicht es nicht, die Ausbildung selbst zu reformieren“, gibt Dikta zu bedenken. Berufsinhalte ändern sich aufgrund von Entwicklungen stetig, darüber hinaus werden sie zunehmend komplexer. „Vielmehr muss daran gearbeitet werden, die Apotheke als Arbeitsplatz attraktiv zu gestalten und diesem mehr Sichtbarkeit zu verleihen“, betont Dikta. Ihrer Meinung nach müsste am Image der Apotheke gearbeitet werden.

„Apotheken müssen dort präsent werden, wo Jugendliche sich über Ausbildungsstellen informieren, sprich in der digitalen Öffentlichkeit wie den sozialen Netzwerken“, rät Dikta. Apotheken seien schließlich schon in vielen Bereichen digital, diese Digitalisierung betreffe jedoch vornehmlich Arbeitsabläufe und Kundenmanagement. Apotheken, die im Netz mit einer Webseite präsent sind, seien dies häufig nur hinsichtlich der Kundenakquise, weniger im Hinblick auf die Nachwuchs- oder Mitarbeiterakquise.

Die arbeitspsychologische Beraterin weist auf Möglichkeiten hin, wie das Image der Apotheke verbessert werden könnte, um potentielle Bewerber auf die traditionellen Arbeitsplätze in der Apotheke aufmerksam zu machen: „Junge Menschen wollen planbare und verlässliche Rahmenbedingungen, sowie eine attraktive Entlohnung, die ihnen die Vereinbarkeit zwischen Berufs- und Privatleben ermöglichen.“ Sie fordert eine moderne Berufsausbildung, die auch zukünftig ganzheitliche Handlungskompetenz vermittelt. Hierzu gehöre auch die Förderung einer eigenständigen und selbstbewussten Persönlichkeitsentwicklung. Diese sollte sich jedoch auch in einer besseren Vergütung widerspiegeln.

Die Berufe in der Apotheke werden vorwiegend von Frauen ausgeübt. Arbeitspsychologisch sei dies ein interessanter Fakt, auf den man eingehen könne, um die Apothekenberufe dauerhaft attraktiver zu gestalten. Spezielle Punkte wie die Work-Life-Balance sollten in den Fokus rücken. Betreuungsmöglichkeiten für Kinder, aber auch Gleitarbeitszeitmodelle wären laut Dikta Möglichkeiten, den Arbeitsplatz attraktiver zu gestalten. Arbeitszeiten sollten sich nicht nur an den Öffnungszeiten der Apotheke orientieren, sondern an den Tätigkeiten, die in der Apotheke zu verrichten sind.

„Auch wenn diese Ideen auf den ersten Blick nicht durchführbar scheinen, sind sie sogar ziemlich einfach zu realisieren. Viele Tätigkeiten wie die Rezeptur, die Prüfung von Ausgangsstoffen, Genehmigungen, Bestellungen und das Organisieren von Aktionen müssen nicht während der Öffnungszeiten stattfinden“, gibt Dikta zu bedenken. „Unterbrechungen der Arbeit zu vermeiden, ist nicht nur für die psychische Gesundheit der Mitarbeiter sehr wichtig, sondern auch für die Qualität der Arbeit von großer Relevanz.“

Die Qualität der Ausbildung selbst hänge im Wesentlichen von den didaktischen Methoden in den Schulen ab. Laut Dikta müssten im Rahmen der Reform, Maßnahmen zur Verbesserung der Qualität der Lehre stärker berücksichtigt werden.

Sie selbst unterrichtet an einer PTA-Schule und spricht sich für die Förderung von Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte aus. „Es sollte zudem sichergestellt werden, dass neue Medien in den Unterricht mit eingebunden werden und innovative Lernformen wie e-Learning oder Blended-Learning zu Verfügung stehen.“

Als arbeitspsychologische Beraterin verweist sie auch auf eine fachkundige Unterrichtsdiagnostik mittels professioneller Förderung der Potentiale und Defizite der Schüler in Zusammenarbeit mit Schulpsychologen. „Solche Maßnahmen sind effizient und greifen wesentlich weniger in die organisatorischen Strukturen der Schule ein als eine Verlängerung der Ausbildung“, erklärt Dikta, die durch ihre Tätigkeit an der PTA-Schule selbst mit den Problemen aus der Praxis vertraut ist.

„Der nicht selten erwähnte Ausgleich von Defiziten bei den Schülern, die beispielsweise die Grundrechenarten nicht beherrschen, darf kein plausibler Grund dafür sein, eine Ausbildung zu verlängern“, betont die gelernte PTA, „Lücken, die die Schüler aus der vorherigen Ausbildung mitbringen, dürfen nicht in das Curriculum der PTA-Ausbildung aufgenommen werden. Solche Defizite sollten im Rahmen eines individuellen Förderunterrichts ausgeglichen werden.“

Für sie ist die Anpassung der Lehrinhalte wichtig, denn Pharmazie entwickelt sich als Wissenschaft stetig weiter. Sie lässt jedoch auch nicht die Abgrenzungen der einzelnen Berufe außer acht. Kaufmännische Inhalte gehörten zu den Aufgabenfeldern der PKA. „Medikationsmamagement ist wiederum eine höchst komplexe Tätigkeit, zu der ein sehr breites Wissen über Wirkweise der Arzneimittel notwendig ist. Dieses Wissen gehört zu den Inhalten des Pharmaziestudium.“

Dikta wirbt für ein sinnvolles Miteinander der einzelnen Berufe: „Eine Kompetenzerweiterung, um Zuständigkeiten, die bereits andere Berufsgruppen in der Apotheke haben, darf nicht das Ziel sein, denn somit degradiert man das Ansehen und die Bedeutung der anderen beiden Berufe.“

„Eine Reduktion des praktischen Unterrichtes, der aktuell ohnehin recht knapp ist, birgt die Gefahr, eine sehr relevante Kompetenz der technischen Assistenten zu gefährden. PTA müssen im Bereich Labor routiniert sein, um einem Apotheker assistieren zu können“, sagt Dikta. Die Kenntnisse aus dem Chemie-Labor benötigen PTA auch in der Rezeptur bei der Herstellung von Arzneimitteln. „Kürzt man die Stunden im praktischen Unterricht, birgt es die Gefahr, dass PTA für den Bereich Labor ohne eine zusätzliche Weiterbildung nicht mehr geeignet sind,“ befürchtet Dikta.

Zur Ausbildungsverlängerung rät Dikta nicht: „Junge Menschen entscheiden sich häufig für eine Ausbildung, da sie in kürzerer Zeit zum Abschluss führt als ein Studium. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Abiturient für ein dreijähriges Bachelor-Studium entscheidet, statt einer dreijährigen Ausbildung nachzugehen, ist groß.“

Bei einer Ausbildungsverlängerung soll den Schülern in dem zusätzlichen halben Jahr die Möglichkeit gegeben werden, die Fachhochschule zu erlangen. Dikta gibt zu bedenken: „Unter den Schülern sind bereits viele, die das Abitur mitbringen. Die Fachhochschulreife reicht für ein Pharmaziestudium nicht aus, so wäre es denkbar, dass PTA in anderen Domänen ein Studium anfangen, um dort die angestrebte Weiterentwicklung und bessere Entlohnung zu finden. Diese PTA würde der Apotheke möglicherweise endgültig den Rücken kehren.“

Newsletter
Das Wichtigste des Tages direkt in Ihr Postfach. Kostenlos!

Hinweis zum Newsletter & Datenschutz

Neuere Artikel zum Thema
Mehr zum Thema
Professor erklärt Gründe für Promotion
Doktortitel: Wissenszuwachs und Arztgespräche »

APOTHEKE ADHOC Debatte

News zum Thema Kinderwunsch, Schwangerschaft und Stillzeit
Weiteres
Professor erklärt Gründe für Promotion
Doktortitel: Wissenszuwachs und Arztgespräche»
Hersteller unterbietet Apotheken
UVP: Gericht verbietet „Mondpreise“»
A-Ausgabe August
90 Seconds of my life»
Kompetenter Begleiter für alle Leser:innen ab 60
my life Senioren»
Das Kindermagazin der my life Familie
Platsch»